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Walter Schlebusch blickt auf zwei schwierige Jahre zurück: Der Ingenieur hat den Bereich „Banknote“ bei Giesecke & Devrient verantwortet bis er 2013 den Vorsitz in der Geschäftsführung übernahm. Kein leichter Job. Das Unternehmen mit Hauptsitz an der Münchner Prinzregentenstraße steckt in den roten Zahlen. Ende 2014 wurde das Restrukturierungsprogramm „P100“ angekündigt. 100 Millionen Euro sollen bis 2016 eingespart werden – 950 werden abgebaut, um das zu erreichen. Die Pläne versetzten die Belegschaft in Aufruhr.

Walter Schlebsuch im Merkur-Interview

Giesecke & Devrient (G&D): 700 Stellen werden in München gestrichen

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München - Das Münchner Unternehmen Giesecke & Devrient (G&D) hat für viele Schlagzeilen gesorgt. 100 Millionen Euro sollen nun eingespart werden und rund 700 Stellen in München gestrichen. Der Münchner Merkur sprach mit dem Vorsitzenden der Geschäftsführung, Walter Schlebusch.

„Kahlschlag bei Giesecke & Devrient“, „Der Gelddrucker verliert seine Seele“, „Weg mit der Axt!“: Das Münchner Technologieunternehmen Giesecke & Devrient (G&D) hat in den vergangenen Monaten für viele Schlagzeilen gesorgt. 100 Millionen Euro wollen die Münchner bis 2016 einsparen, um das Unternehmen, das tief in den roten Zahlen steckt, wieder auf Kurs zu bringen. Allein am Hauptsitz in München werden rund 700 Stellen gestrichen. Wir sprachen mit Walter Schlebusch, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung bei Giesecke & Devrient, über das Sparprogramm, den Euro und die Zukunft des Standortes München.

Giesecke & Devrient baut konzernweit bis 2016 insgesamt 950 Stellen ab – den Großteil davon in München. Warum trifft es den Standort so hart?

Die Kosten der Produktion in München waren nicht konkurrenzfähig und wirtschaftlich nicht mehr vertretbar. Giesecke & Devrient exportiert rund 82 Prozent seiner Produkte und Leistungen, davon rund 60 Prozent in das außereuropäische Ausland. Da müssen wir uns der weltweiten Konkurrenz stellen.

G&D ist ein sehr anerkanntes Familienunternehmen in Bayern. Das muss weh tun, solche Maßnahmen ergreifen zu müssen.

Der Umfang der Maßnahmen ist ein Novum in der 163-jährigen Geschichte des Unternehmens. Das ist sehr schmerzhaft. Von den Maßnahmen sind viele vertraute und gute Mitarbeiter betroffen. Leider waren die Schritte notwendig, um die Zukunft des Unternehmens und die große Mehrheit der Arbeitsplätze – weltweit über 11 000 – zu sichern. Auch ein Familienunternehmen muss sich den rasch wandelnden Entwicklungen des Marktes stellen.

Die Drucklinie an der Münchner Prinzregentenstraße galt lange als modernste in ganz Europa. Ende 2015 wird sie geschlossen. Damit verlässt der Euro-Banknotendruck Bayern. War das nicht vermeidbar?

Nein, leider nicht. Ich durfte in den vergangenen Jahren dazu beitragen, diesen Bereich weiter zu modernisieren. Heute ist München eine der modernsten Druckereien der Welt. Trotzdem sind die Kosten im Vergleich zur Konkurrenz zu hoch, um den Euro in München wettbewerbsfähig zu produzieren.

Walter Schlebusch: "Wir haben Druckereien in Leipzig, München und Malaysia"

Wie groß sind die Unterschiede in den Produktionskosten zwischen München und Leipzig?

Sie müssen München im internationalen Vergleich betrachten. Wir haben Druckereien in Leipzig, München und Malaysia. München ist im knappen zweistelligen Prozentbereich teurer als Leipzig. Gegenüber Malaysia geht die Kostenschere noch deutlich weiter auseinander. Darüber hinaus sorgen Überkapazitäten im Markt für zusätzlichen Kostendruck. Deshalb stand die Frage, ob die Druckerei in München zu erhalten ist, seit einigen Jahren im Raum.

Der Betriebsrat hat in den Verhandlungen auch ein Alternativkonzept vorgelegt. Unter anderem wurde gefordert, den Banknotendruck an den G&D-Standort Louisenthal in Gmund am Tegernsee statt nach Leipzig zu verlegen. Auch das Dienstleistungszentrum sollte nach Louisenthal statt nach Neustadt bei Coburg umziehen. Was sprach gegen diese Vorschläge?

Im Vordergrund stand immer, die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu steigern, wirtschaftlich vertretbare Lösungen zu finden und die Arbeitsplätze langfristig zu sichern. Der Umzug der Druckerei nach Louisenthal hätte sicher einen gewissen Charme gehabt. Alle wichtigen Komponenten wären vereint gewesen: von den Sicherheitselementen über das Papier bis hin zum Druck. Das wäre auch meine Lieblingslösung, aber unternehmerisch wäre das nicht vertretbar gewesen. Der Betriebsrat hat lange für diese Lösung gekämpft, aber auch er kannte die Wirtschaftlichkeitsrechnung. In Leipzig steht eine moderne Druckerei mit hervorragend ausgebildeten Mitarbeitern. Der Standort wird in den kommenden Monaten mit den modernen Maschinen aus München optimiert. Einigen Münchener Kollegen wurde angeboten, nach Leipzig zu wechseln. Das Programm wird aber leider bislang nicht so gut angenommen, wie erhofft.

Wann wird in München der letzte Euro gedruckt?

Ende Oktober. Der Euro verschwindet damit aber nicht aus Bayern. Die Produktion des Euro-Papiers bleibt weiterhin in Louisenthal. Trotzdem wäre es für die EZB gut gewesen, die Druckerei in München zu erhalten. Dies ist auch an einer nicht marktgerechten EZB-Vergabepolitik gescheitert.

Was passt Ihnen an der Vergabepolitik der Europäischen Zentralbank nicht?

Die EZB lässt den größeren Teil der Euro-Noten weiterhin über Staatsdruckereien produzieren. Der Rest der Auflage – vor allem der deutsche Anteil – wird ausgeschrieben und an die günstigsten Anbieter vergeben. Das führt zu einem harten Konkurrenzkampf und drückt in Deutschland die Preise. Unter diesen Umständen war es nicht möglich, den Banknotendruck am Standort München fortzusetzen. Eigentlich sollte die EZB dafür sorgen, den freien Markt zu vergrößern, um den staatlich subventionierten Notendruck zurückzudrängen. Das hat sie aber nicht getan – im Gegenteil: Wir befürchten momentan, dass der Anteil der Staatsdruckereien weiter steigt. Ich bin sehr enttäuscht von dieser Entwicklung. Hier ist die Politik gefragt, um die nicht marktgerechte Vergabepolitik der EZB zu korrigieren.

Walter Schlebusch: "Werden nicht ganz auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten können"

Die Ankündigung des Sparprogramms hat für zahlreiche Warnstreiks und Demonstrationen seitens der Belegschaft gesorgt. Hatten Sie dafür Verständnis?

Es war abzusehen, dass ein solcher Arbeitskampf nicht angenehm ist. Streik ist ein Grundrecht, und das akzeptiere ich. An dem einen oder anderen Punkt ist dieser Streik in der Hitze des Gefechts sicherlich über das vertretbare Maß hinausgegangen. Aber das ist jetzt vorbei. Außerdem habe ich sehr negativ zur Kenntnis nehmen müssen, dass einige Menschen außerhalb der Firma – ohne den Sachverhalt zu kennen – plötzlich meinten, uns maßregeln zu müssen, unter anderem auch Vertreter der Politik und der Kirche. Andererseits sind wir bei den kompetenten politischen Entscheidungsträgern aber auch auf Verständnis gestoßen.

Ist der Sozialplan mittlerweile unter Dach und Fach?

Ja, der Sozialplan steht. Von den 630 Mitarbeitern, die in München betroffen sind, konnten wir bis heute die allermeisten Fälle sozialverträglich lösen. Dennoch wird das Unternehmen auf betriebsbedingte Kündigungen nicht ganz verzichten können.

Ist die Zahl der betriebsbedingten Kündigungen dreistellig?

Nein, aber es ist noch zu früh eine genaue Zahl zu nennen.

Es gibt Gerüchte, dass G&D nach der Schließung der Druckerei den Standort an der Münchner Prinzregentenstraße ganz aufgeben will. Ein Nutzungskonzept für die Zukunft sei in Arbeit, hieß es zuletzt in Ihrem Haus. Gibt es eine Entscheidung?

Ja, der Stammsitz von G&D bleibt in der Prinzregentenstraße. Das Herz unseres Unternehmens schlägt weiter in München – das hat auch nie zur Diskussion gestanden. Wir werden alle Kollegen, die momentan außerhalb arbeiten, in der Prinzregentenstraße zusammenziehen – zum Beispiel die G&D-Forschung für den Mobile-Security-Bereich, die zur Zeit an der Zamdorfer Straße untergebracht ist. Da wir in der näheren Umgebung keine wirtschaftliche Alternative gefunden haben, bleiben wir in unseren Gebäuden und passen diese jetzt an.

Was meinen Sie mit anpassen? Stehen auch Vermietung oder Verkauf zur Debatte?

Einen Teil des Gebäudekomplexes zu vermieten, wäre eine Möglichkeit. Einen Verkauf sehe ich derzeit nicht.

Walter Schlebusch: "Wir sind auf einem guten Weg"

Peter-Alexander Wacker ist zum 31. Mai als Aufsichtsratsvorsitzender bei G&D zurückgetreten. Gibt es mittlerweile einen Nachfolger?

Nein. Aber es werden derzeit Gespräche mit geeigneten Damen und Herren geführt.

Im vergangenen Jahr rutschten Sie in die roten Zahlen: 70 Millionen Euro Verlust. Bereits 2015 soll G&D wieder schwarze Zahlen schreiben. Erreichen Sie dieses Ziel?

Wir sind auf einem guten Weg. Der Start in das neue Geschäftsjahr ist gelungen. Sollte nicht noch etwas unvorhergesehenes passieren, wird G&D seine gesteckten Ziele für das laufende Geschäftsjahr erreichen. Besonders positiv ist der sehr gute Auftragseingang in allen drei Geschäftsbereichen. Zusätzlich wird das Kostensenkungsprogramm dem Unternehmen den Rücken stärken. Sie dürfen auch nicht vergessen: Der Verlust im vergangenen Jahr war zu einem großen Teil dem Restrukturierungsaufwand geschuldet.

Wo sehen Sie Wachstumspotenziale für G&D?

Das Unternehmen ist mit seinen drei Geschäftsbereichen Banknote, Mobile Security und Government Solutions strategisch hervorragend aufgestellt. Der Bereich Banknote macht gut 50 Prozent des Umsatzes aus. Davon ist der Banknotendruck nur ein Teil. Wir stellen auch Banknotenpapier sowie Hochsicherheitsfolien her und bauen Banknotensortiersysteme. In diesem Bereich ist G&D Weltmarktführer – darauf sind wir stolz. Die anderen 50 Prozent des Umsatzes erzielt das Unternehmen zum einen mit Gesamtlösungen für hochsichere Reisedokumente, Ausweissysteme und Gesundheitskarten für Regierungen und Behörden und zum anderen mit Debit-Karten, Kreditkarten und SIM-Karten für Mobiltelefone. In diesem Geschäftsfeld ist G&D weltweit die Nummer drei. Eines der neuen wichtigen Themen ist die Absicherung von mobiler Konnektivität, beispielsweise der Schutz der Automobilelektronik vor Hackern. Cyber-Security ist hier das Stichwort – ein Bereich, der stetig wächst und den wir weiter ausbauen.

Hacker haben bereits wiederholt die elektronischen Systeme von Autos geknackt. Hier entwickeln Sie Abwehrsysteme?

In der Automobilindustrie gibt es immer mehr Assistenzsysteme für den Fahrer, die das Autofahren noch angenehmer machen. Damit steigen aber auch die Anforderungen an die Sicherheit der Systeme in den Fahrzeugen. Stellen Sie sich vor, jemand dringt erfolgreich in ein solches System ein und auf den Autobahnen bleiben alle Autos einer bestimmten Marke stehen. Das ist ein Sicherheitsrisiko. G&D ist Spezialist für die Absicherung digitaler Identitäten in der mobilen Kommunikation und berät Unternehmen, wie sie sichere Plattformen zur Kommunikation entwickeln können. Das wird zunehmend wichtig. Deshalb ist unter anderem die Automobilindustrie ein neuer Kundenkreis.

Im Rückblick: Wussten Sie 2013, als Sie bei G&D den Vorsitz in der Geschäftsführung übernommen haben, was auf Sie zukommt?

Es war klar, dass die Firma neu ausgerichtet werden muss. Es lag auf der Hand, dass dies vor allem in München nicht ohne Einschnitte geht. Einige unserer Mitarbeiter sind seit Jahrzehnten bei uns. Vor Ihrer Arbeitsleistung habe ich großen Respekt. Da tut es umso mehr weh, Stellen abzubauen. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass dieses Programm notwendig war, um unser Unternehmen im globalen Wettbewerb gut und erfolgreich aufzustellen. Es war wirklich höchste Zeit, und jetzt sind wir auf einem guten Weg.

Interview: Manuela Dollinger, Georg Anastasiadis

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