Warten auf die Wende: Bayerns Biotech-Branche und ihre Zukunft

- Martinsried - Horst Domdey braucht keinen Chef-Parkplatz. Wenn einer der wichtigsten Männer der deutschen Biotech-Branche zur Arbeit kommt, kann er sich einen Parkplatz vor seinem Büro aussuchen - wie jeder seiner Mitarbeiter. In Martinsried am süd-westlichen Münchner Stadtrand dirigiert und vermarktet Domdey das Zentrum der deutschen Biotechnologie, einen der bedeutendsten Standorte Europas für eine Branche, die Wachstum als Naturgesetz angesehen hat und die jetzt auf leeren Büros und freien Parkplätzen sitzt. Eine Branche, die auf die Zukunft setzt, weil sie in der Gegenwart nichts zu gewinnen hat.

<P>Ein langer verglaster Gang bildet das Rückgrat des Innovations- und Gründerzentrums für Biotechnologie (IZB). Fischgrätenförmig sind Büro- und Laborkomplexe angeordnet. Hinter welchen Türen Menschen an Krebsmedikamenten forschen und wo leere Räume auf Bezieher warten, lässt sich nicht erkennen. "Wir haben 15 Prozent Überhang", sagt Domdey. Auf der Internetseite bietet das IZB fast 3000 Quadratmeter freie Arbeits-Flächen an - so viel wie für 25 Reihenhäuser. "1999 und 2000 haben uns die Unternehmen die Bude eingelaufen mit der Forderung: ,Wir brauchen mehr Platz. </P><P>Als die neuen Räume zur Verfügung standen, war der Bedarf nicht mehr da." Im IZB und den benachbarten Gebäuden haben sich 50 Biotech-Unternehmen niedergelassen. Auch Domdeys Bio-M AG sitzt hier, eine Tausendsassa-Gesellschaft, die für den Standort wirbt, Unternehmen berät und finanziert. Das IZB und Bio-M bilden ein strahlendes Zentrum auch für die 65 weiteren Betriebe in der Region München. Die Mitarbeiterzahl der oberbayerischen Biotechs stagniert seit zwei Jahren bei 3000. In nächster Zeit werden es eher weniger. Mit zwei bis drei Insolvenzen müsse man heuer noch rechnen, glaubt Domdey. Doch das sei vergleichsweise wenig für eine Branche, die ins Ungewisse forscht und in der man "nur schwer eine Prognose geben kann, die eine längere Gültigkeit hat als den heutigen Tag". Das ist das größte Problem.<BR><BR>Die Wachstumsphantasien von Bank-Strategen und Kleinanlegern blähten die Aktienkurse der Biotech-AGs bis zum Jahr 2000 auf. Zu ihren Höchstkursen waren die vier börsennotierten Unternehmen in Martinsried - GPC Biotech, Bavarian Nordic, Medigene und Morphosys - zusammen etwa 4,5 Milliarden Euro wert. Heute kosten sie nicht einmal ein Zehntel. "Ich glaube nicht, dass die Unternehmen zu viel versprochen haben", sagt Domdey. "Sie haben sich nicht genügend gegen die Versprechungen gewehrt."<BR><BR> Inzwischen ist der Weg an den Kapitalmarkt verrammelt. Anleger und Unternehmen haben sich noch nicht vom Börsenschock erholt. "Hier müssen sich die Verhältnisse erst wieder einpendeln", formuliert der Bio-M-Vorstand. Die Banken scheuen sich vor riskanten Investitionen in Zukunftspläne. "Neu gegründete Unternehmen haben im Moment keine Chance finanziert zu werden." Und auch der Staat hält das knappe Geld beisammen. "Bayern hat hervorragende Voraussetzungen geschaffen. Wichtig ist, dass diese Unterstützung weiter stattfindet", beschwört Domdey. Im bayerischen Wirtschaftsministerium betont man, die Biotechnologie "wie bisher" unterstützen zu wollen. Doch folgt der Hinweis auf die hohe Verantwortung gegenüber Steuergeldern und darauf, dass der Staat private Kapitalgeber nicht ersetzen könne.<BR><BR>Das Dilemma bleibt: "Unsere Industrie ist kapitalabhängig." Einen wichtigen Schritt sieht Domdey in Kooperationen und Fusionen zwischen den Unternehmen. Sie bräuchten eine "kritische Masse", um international bestehen zu können. Zudem hofft er auf eine Verbesserung des Investitionsklimas innerhalb des nächsten Jahres. "Wir befinden uns an einem Wendepunkt. In den USA werden wieder größere Beträge investiert." Diese Entwicklung müsse sich nach Europa ausbreiten. "Dann werden auch unsere freien Räumlichkeiten bald vergeben sein."</P>

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