Warten auf die Zauberformel

- Berlin - Alan Greenspan weiß, dass seine Worte behandelt werden, als wäre er Moses, der nach einem Treffen mit Gott vom Berg zurückkommt - das hat eine amerikanische Zeitung über den Chef der amerikanischen Notenbank Fed geschrieben. Der zweitmächtigste Mann der Welt war in Berlin nicht vom Berg gekommen, sondern aus dem Kanzleramt. Entsprechend hatte er sich nur mit Gerhard Schröder getroffen, bevor er sich an ein breiteres Publikum wandte.

<P>Noch immer werden seine<BR>Worte in alle Börsensäle<BR>der Welt übertragen<BR><BR>Trotzdem horchten Banker, Chefvolkswirte, drei Dutzend Abgeordnete und Finanzminister Hans Eichel im Deutschen Historischen Museum auf die Worte, die Alan Greenspan mit dünner Stimme hervornuschelte und die - wie üblich - weltweit in die Handelsräume und Börsensäle übertragen wurden. Sie hörten keine Offenbarung, keine Zauberformel des Magiers, sondern Sätze, die anschließend allgemein als "wohl eher gute Nachricht" interpretiert wurden. So ist das, wenn Greenspan spricht.</P><P>Als der 77-Jährige den Saal betritt, drängen sich Fotografen und Kameraleute um ihn, über seinem Kopf wackeln Mikrofon-Angeln, die nach seinen Worten beim Händeschütteln mit den Gästen der ersten Reihe fischen. Ein Fernsehsender interpretierte bei Greenspans Auftritten schon die Dicke seiner Aktentasche, um Schlüsse auf eine Veränderung der Leitzinsen zu ziehen.</P><P>"Wenn jemand ,irrationaler Überschwang sagt und damit die Märkte völlig durcheinander bringt, ist das jemand, vor dem man sich wirklich in Acht nehmen sollte", hat ein US-Industrieboss über Greenspan gesagt. Und das beherzigt Greenspan: "Es ist etwas abstrakt, was ich sage", entschuldigt er sich einmal in Berlin vor einem Publikum, dass gut 300 Jahre Volkswirtschaftsstudium auf sich vereint. Weil ein paar Worte die Börsennotierungen und Währungskurse der Welt aufmischen können, äußert sich der schmächtige kleine Mann mit der großen Brille zu Reizthemen gar nicht oder verklausuliert.</P><P>Einen Tag nachdem der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, über "brutale Wechselkursbewegungen" klagte, erwähnte Greenspan das Problem, das die Wirtschaftsgrößen in Europa und besonders in Deutschland beschäftigt, in einem Halbsatz seines zwölfseitigen Rededokuments: Sicherlich stehen die Exporteure der Euro-Zone unter erheblichem Druck, sagte Greenspan, als habe er damit nichts zu tun.</P><P>Der Marsch des Dollar nach unten drängt den Euro nach oben. Wenn Trichet das als brutal bezeichnet, ist das der erste Schritt zur Inter-vention der Notenbank. Allein die Einschätzung ließ den Anstieg stocken. Bald könnte die EZB Euro auf den Markt werfen und Dollar kaufen, um die Kursbewegung abzuschwächen. Einfacher wäre es, glauben Volkswirte, wenn Greenspan die US-Leitzinsen von ihrem Rekordtief bei einem Prozent anheben würde, nachdem die US-Wirtschaft auf vollen Touren läuft. Dann hätten Investoren weniger Anreiz, in den Euro zu flüchten und so den Kurs zu treiben.</P><P>Das hat sich wohl auch Gerhard Schröder beim Plausch im Kanzleramt von Greenspan gewünscht. Aber der blieb hart. Immerhin soll er gesagt haben, dass Deutschland auf einem guten Weg sei, ohne Inflationsgefahr Wachstum zu schaffen.<BR>Aber die Zauberformel, auf die im Deutschen Historischen Museum mancher gehofft hat, gab Greenspan nicht preis. Er latschte aus dem Saal - wie immer nach vorne gebeugt, als würde er sich gegen einen Sturm stemmen. Börsenkurse und Währungen reagierten kaum. Mit richtig guten Nachrichten muss man sich wohl gedulden, bis zu einem der nächsten Anlässe, wenn alle ganz genau zuhören.<BR></P>

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