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Beim Tanken platzen meist alle Illusionen über das vermeintlich so sparsame Auto. Den wenigsten Fahrern gelingt es, den Normverbauch einzuhalten.

In der Praxis

Warum Autos fast immer mehr Sprit brauchen

München - Autos brauchen mehr Treibstoff, als die Hersteller angeben. Und die Differenz zwischen dem Verbrauch im Labor und dem auf der Straße wird immer größer – ergab eine Studie.

Wohl jeder Autofahrer, der seinen Spritverbrauch im Auge behält, weiß das: Die Verbrauchswerte der Hersteller lassen sich in der Praxis kaum einhalten. Zwei bis drei Liter mehr auf 100 Kilometer auch bei moderater Fahrweise sind ganz normal. Fahrer, die gern mal Gas geben, zahlen noch mehr drauf. Nur extreme Sparfüchse schaffen es, die Normwerte auch einmal zu unterbieten. Dazu müssen sie aber auf der Autobahn zwischen den Lastzügen mitschwimmen, den Tacho damit meist unter 95 Kilometer pro Stunde halten und das Auto zwei Kilometer vor jedem Ortsschild mit gedrückter Kupplung ausrollen lassen.

Der Ärger über den – gemessen an den Angaben – viel zu hohen Praxisverbrauch ist für Autofahrer nichts neues und auch wissenschaftlich untermauert. Die jüngste einschlägige Studie der Umweltschutzorganisation ICCT hat aber einen beunruhigenden Trend herauskristallisiert: Die Lücke zwischen den Werten aus dem Testlabor und denen von der Straße wird immer größer.

Dabei griff die Studie nicht auf eigene Daten zurück, sondern wertete die Erfahrungen von einschlägigen Internetportalen, von Fachzeitschriften, Flottenbetreibern und Tankkartensystemen aus. Die Ergebnisse unterscheiden sich im Detail. Doch als große Linie bleibt ein wenig schmeichelhaftes Ergebnis: Wurde noch 2001 der Normverbauch von Autos in der Praxis um acht Prozent überschritten, waren es 2013 bereits 38 Prozent. Und der Kurvenverlauf dieser Entfernung zwischen Theorie und Praxis wurde in den letzten Jahren immer steiler.

Auch zu den Ursachen erbrachte die Studie einige Ergebnisse. Demnach sind Spritspartechnologien wie Start-Stopp-Systeme im Testlabor weit wirksamer als unter realen Bedingungen. Und: Komfortzubehör, das in der Praxis den Verbrauch steigert, beim Labortest aber abgeschaltet bleibt – etwa Klimaanlagen –, gibt es mittlerweile in weit mehr Autos als früher.

Das erklärt auch, warum sich die Lücke zwischen Theorie und Praxis bei den Premium-Modellen von BMW, Audi und Mercedes früher als bei den anderen geöffnet hat, nun aber wieder auf das Durchschnittsmaß zurückfällt. Bei ihnen wurden entsprechende Ausstattungsmerkmale früher angeboten als bei weniger exklusiven Modellen. Inzwischen wird die Lücke etwa bei Fahrzeugen der französischen Konzerne PSA und Renault-Nissan größer.

Den Schaden, so die Studie haben alle Beteiligten. Durchschnitts-Autofahrer müssen Mehrkosten von durchschnittlich 450 Euro im Jahr schultern. Die Gesellschaft als Ganzes wird die angestrebten Klimaziele nur durch noch größere Anstrengungen erreichen und auch die Öleinfuhren nicht im angestrebten Maß zurückfahren können.

Den Staaten geht Geld verloren, weil ihre Kfz-Steuern nicht nach dem wirklichen CO2-Ausstoß berechnet werden, sondern nach dem niedrigeren aus dem Labor. In Deutschland macht das laut der Studie 240 Millionen Euro im Jahr aus, in den Niederlanden mit ihren höheren Steuern sogar 3,4 Milliarden Euro. Und schließlich leiden auch die Autohersteller, weil die Lücke ihre eigene Glaubwürdigkeit untergräbt.  

Martin Prem, mit Material von dpa

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