Warum der bayerische Stadtführer in Salzburg schweigen muss

- München - Wolfgang Seethaler ist Heizungsbauer. Er hat zwei Meisterbriefe und eine spezielle Zusatzausbildung. Doch das alles reichte nicht aus, um auf Mallorca eine Heizung installieren zu dürfen. "Eine Prüfung in Spanisch hätte ich ablegen müssen", wettert Seethaler. Der Heizungsbauer spricht kein Spanisch. Ihm blieb daher nichts anders übrig, als den Auftrag abzulehnen. Zum Ärger des Kunden: "Er musste einen teureren spanischen Betrieb beauftragen."

<P>Das Beispiel des Handwerksmeisters aus Tegernsee zeigt, dass auch mehr als elf Jahre nach Öffnung des europäischen Binnenmarktes noch viele Hürden bestehen. Alexander Radwan, CSU-Europaabgeordneter, sammelt seit 1999 Fälle von Handels-Hemmnissen. Gemeinsam mit dem Euro-Info-Centre München, das von der IHK München und Oberbayern und der Handwerkskammer betrieben wird, konnten inzwischen mehr als 500 Fälle an die EU-Kommission nach Brüssel gemeldet werden.<BR><BR>Dass sich der Protest lohnt, beweist das Beispiel von Josef Waldschütz aus Irschenberg. Der Abschleppunternehmer wollte nicht akzeptieren, dass seine österreichischen Kollegen von der Vignetten-Pflicht befreit sind, seine Fahrzeuge dagegen zahlen müssen. Ein dreiviertel Jahr dauerte der Streit. "Auf Druck aus Brüssel hat die österreichische Behörde schließlich eingelenkt." Lange hat Waldschütz von der Befreiung allerdings nicht profitiert. Mit Einführung der Mautpflicht zum 1. Januar muss er wieder zahlen: "Aber immerhin werden wir jetzt genauso behandelt wie die Österreicher."<BR><BR>Probleme mit den Behörden der Alpenrepublik hat auch ein Spediteur aus Passau. Jedes Jahr im März beantragte er die Rückerstattung der in Österreich bezahlten Mehrwertsteuer. Doch das Finanzamt Graz ließ sich Zeit - bis zu zwei Jahre dauerte es, bis die beantragten 24 000 Euro zurückgezahlt wurden. Nicht zulässig: "Innerhalb von sechs Monaten muss die Steuer zurückgezahlt werden", sagt der Abgeordnete Radwan.</P><P>"Wer in in Österreich einen Touristen durch die Altstadt führt, braucht ein Diplom."<BR>Manfred Gößl, Leiter des Euro-Info-Centres</P><P>Mit mittelalterlichen Bedingungen hatte ein bayerisches Ingenieurbüro in Italien zu kämpfen. Die Firma wollte an einer öffentlichen Ausschreibung teilnehmen. "Die Umschläge mit dem Angebot mussten mit einem speziellen Wachssiegel eingereicht werden", erzählt Manfred Gößl, Leiter des Euro-Info-Centres. Weil sich der Betrieb weigerte, wurde er vom Ausschreibungsverfahren ausgeschlossen.<BR><BR>Ein Satz zu viel - für bayerische Reiseveranstalter kann das teuer werden. Denn in den südlichen Nachbarländern gelten scharfe Richtlinien für Stadtführer. "Wer in Österreich einen Touristen durch die Altstadt führt, braucht ein Diplom", sagt Gößl. Weil dies gegen EU-Recht verstößt, gab es einen skurrilen Kompromiss. So dürfen bayerische Reiseführer zwar ihre Gruppe durch Salzburgs Prachtstraßen führen. </P><P>"Doch wenn er mehr sagt als ,Hier sehen Sie das Rathaus, überschreitet er seine Kompetenz und handelt sich ein Bußgeld ein", sagt Gößl. Obwohl die völlig unsinnige Regelung seit Jahren in Brüssel diskutiert wird, wehren sich Österreich und Italien mit Händen und Füßen gegen eine Lockerung.<BR><BR>Trotz Hemmnissen und Hürden - insgesamt überwiegen laut Gößl und Radwan klar die Vorteile des Binnenmarkts. Allein die bayerischen Unternehmen verkaufen rund 60 Prozent ihrer Waren in die EU-Nachbarstaaten - Tendenz steigend. "Das Wichtige ist, dass wir den Binnenmarkt als Chance verstehen und aktiv mitgestalten", sagt Radwan. Zu oft würden die Betriebe die Beschränkungen einfach akzeptieren. Er appelliert daher an die Unternehmen, Hemmnisse auf jeden Fall zu melden: "Nur so können wir die Hürden abbauen", sagt Radwan.</P><P> </P>

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