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Regenwald wird gerodet, um Platz für Biosprit-Plantagen zu schaffen. Das kann die EU bisher nicht verhindern.

Warum die EU beim Biosprit zurückrudert

München - Die EU steigt beim Biosprit auf die Bremse. Die Hälfte des fürs Jahr 2020 angestrebten Biokraftstoffanteils von 10 Prozent darf nicht aus Nahrungsmittelpflanzen hergestellt werden. Es wird schwer, das zu erreichen.

Das war eine scharfe Kehre: Die EU wollte Biosprit auf Rapsöl- oder Alkoholbasis durchsetzen, rudert jetzt aber zurück. Der Umweltnutzen wurde durch viele Studien widerlegt. Das erzwang ein Umdenken, das vor allem von der deutschen Biosprit-Politik nicht viel übrig lässt. Der Nachteil: Was an ihre Stelle tritt, wird wohl teurer.

Die Pioniere: Am Geruch zu erkennen

Man muss fast zwei Jahrzehnte zurückblicken, um die Kapriolen der Politik rund um den Biosprit zu verstehen. Anfangs war der neue Treibstoff etwas für Exoten, die am Geruch ihrer Auspuffgase nach Frittierfett zu erkennen waren. Viele Dieselmotoren schluckten klaglos statt des Mineralölprodukts auch chemisch verändertes Pflanzenöl: Rapsmethylester. Biodiesel wurde er genannt.

Bald kamen zahlreiche Taxifahrer und Spediteure auf den billigen Sprit. Noch mutigere rüsteten ihre Fahrzeuge schon in den 1990er-Jahren geringfügig um und schütteten gleich Öl aus dem Supermarkt in den Tank. Das kostete noch weniger. Und vermutlich hätte der Preisvorteil dazu ausgereicht, die 10 Prozent Biosprit-Anteil, den die EU bis 2020 durchsetzen wollte, spielend zu erfüllen.

Der Fiskus ging leer aus

Doch das konnte nur funktionieren, weil der eigentlich teure Stoff unversteuert blieb. Es war die Große Koalition mit dem damaligen Finanzminister Peer Steinbrück (SPD), die 2009 diesem Treiben ein Ende setzte. Sie erfand die Zwangsbeimischung von – nun versteuertem – Biosprit. Alkohol musste ins Benzin, Rapsmethylester ins Dieselöl. So sollte die EU-Quote erfüllt werden und Geld in die Staatskasse gelenkt werden.

Doch die Autofahrer mieden, seit die Beimischung von fünf auf zehn Prozent stieg, den vermeintlichen Biostoff. Die meisten hatten Angst um Kraftstofffilter und Düsen, die durch den Alkohol beschädigt werden könnten. Viele aber fanden es unvertretbar, Nahrungsmittel in den Tank zu kippen – und das dann auch noch als ökologisch zu verkaufen.

Es ging gar nicht um die Umwelt

Das grüne Mäntelchen, das man dem angeblichen Biosprit umhängen wollte, war ohnehin nur ein Werbegag fürs Image. Es ging niemanden wirklich um die Umwelt, sondern darum, die Abhängigkeit vom Erdöl zu verringern – und für Zeiten vorzusorgen, in denen dieser Brennstoff zur Neige geht. Nur zugeben wollte das kaum einer. Die Umweltbilanz – das besagten schon lange vor 2009 viele Studien – war lausig. Und je genauer man hinsah, desto löchriger wurde der ökologische Tarnumhang:

-Wer Raps anbaut, braucht Dünger, der hergestellt und ausgebracht werden muss. Dabei wird Energie verbraucht.

-Dann wird geerntet, verarbeitet und transportiert. Am Ende bleibt selbst bei wohlwollender Betrachtung ein Umweltvorteil von gerade mal knapp über 40 Prozent für Biodiesel.

Plantagen statt Regenwald

Gleichzeitig war von Anfang an klar: Die Anbauflächen für Energiepflanzen in Europa sind zu knapp, um die Energieversorgung darauf aufzubauen. Die Folge: Es war nicht der heimische Raps, der für die größten Probleme sorgte, sondern tropisches Palmöl: Den massenhaft hochgezogenen Plantagen mussten riesige Flächen an Regenwald weichen, der für das Klima auf der Erde eigentlich unverzichtbar ist. So wird aus dem kleinen Klimavorteil ein gewaltiger Nachteil. Biodiesel aus Palmöl ist um das bis zu 20-fache klimaschädlicher als Mineraldiesel.

Dieser Biodiesel entsprach wegen der Rodungen schon bisher nicht den Forderungen der EU. Wenn aber Treibstoff eine andere Nutzung verdrängt, für die dann ökologisch wertvolle Flächen vernichtet werden, greift die Regel nicht. So bringt Alkohol aus Brasilien, wenn das Zuckerrohr auf Brachflächen angebaut wird, zunächst eine CO2-Einsparung von über 70 Prozent. Die Rechnung sieht anders aus, wenn man berücksichtigt, dass die Rinderzüchter, die früher ihre Herden auf der heutigen Zuckerplantage weiden ließen, Wälder am Amazonas rodeten, um neue Weideflächen zu schaffen. Diese „indirekten Landnutzungsänderungen“ will die EU nun anrechnen. Und damit kommen viele Rohstoffe, die heute als Bio gelten, gar nicht mehr in Frage.

Warten auf die zweite Generation

Das ist nur ein Punkt, den EU-Energiekommissar Günther Oettinger ändern will. Auch für die bisher in Deutschland kommerziell angebauten Energiepflanzen sieht es düster aus. Denn die EU will nur noch Treibstoffe akzeptieren, bei denen die Treibhausgasemissionen gegenüber mineralischem Benzin oder Diesel um mindestens 60 Prozent reduziert werden. Ethanol aus Zuckerrüben oder Weizen bewältigt diese Hürde ebenso wenig wie Biodiesel aus Rapsöl.

Damit wären Nahrungsmittelpflanzen aus dem Rennen. Was bleibt, ist allerdings Zukunftsmusik: Biosprit der zweiten Generation, der aus Holz, Stroh oder aus Abfällen gewonnen werden kann. Dabei liegt die CO2-Verminderung deutlich über 80 Prozent. Auch die Verfahren, die man dazu benötigt, sind verfügbar. Großtechnische Anlagen zur wirtschaftlichen Herstellung gibt es aber noch nicht. Völlig offen ist auch die Einsatzbereitschaft von Biosprit der dritten Generation, der aus schnell wachsenden Algen gewonnen werden soll.

Martin Prem

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