Warum Deutsche in der Schweiz ihr Zeugnis erklären müssen

- München - Kerstin Walter aus Freiburg hat eine neue Stelle in der medizinischen Forschung in Basel gefunden. Jetzt pendelt sie zwischen Freiburg und Basel - täglich 130 Kilometer. Doch die Freude über die Anstellung überwiegt: "In Deutschland hatte ich kaum eine berufliche Perspektive, in der Schweiz habe ich einen gut bezahlten Job." Die Nähe zu Deutschland und eine Arbeitslosenquote von 3,8 Prozent machen den Schweizer Arbeitsmarkt attraktiv.

Bei den Eidgenossen fehlen hoch qualifizierte Fachkräfte im Gesundheitswesen, aber auch in der IT- und Finanzbranche sowie in der Gastronomie. "Das Einkommen ist in der Schweiz besser als in Deutschland und der kulturelle Sprung nicht so groß", erklärt Alex Hediger, Geschäftsführer des Wirteverbandes Basel.

Als Grenzgängerin musste Kerstin Walter einige Formalitäten erledigen. So hat sie über den künftigen Arbeitgeber in der Schweiz eine Grenzgängerbewilligung angefordert. Grenzgänger profitieren vom schweizerischen Sozialversicherungssystem und erwerben schon nach einem Jahr Berufstätigkeit Rentenansprüche.

Wer nicht jeden Tag über die Grenze pendeln möchte, wird in der Schweiz auch bei der Jobsuche vor Ort in aller Regel schnell fündig. Mithilfe der schweizerischen Arbeitsvermittlung lassen sich freie Stellen schnell ausmachen. Bürokratische Hürden gibt es ebenfalls kaum, wie der 34-jährige Marcel Bader bei seinem Umzug in die Schweiz festgestellt hat. "Vor dem Antritt meiner neuen Stelle als Key Accounter musste ich mir nur eine Arbeitsbewilligung beschaffen. Sie ist Voraussetzung für die erforderliche Aufenthaltsbewilligung." Beide Genehmigungen kann man unkompliziert bei den kantonalen Gemeindebehörden beantragen.

Zu schlucken hatte der Betriebswirt dagegen angesichts der Lebenshaltungskosten. Nach der Stellenzusage habe er sich nur kurz über den Gehaltssprung freuen können. "Als ich die bis zu 40 Prozent höheren Lebenshaltungskosten eingerechnet hatte, war ich wieder ungefähr auf deutschem Gehaltsniveau angelangt." Allerdings werden die hohen Lebenshaltungskosten durch ein niedriges Niveau bei den Steuern und Sozialabgaben kompensiert: Denn durchweg liegen die Belastungen zehn bis 15 Prozent unter denen in Deutschland.

Problematisch kann auch die Anerkennung von Ausbildungsabschlüssen sein. Denn nicht in allen Berufen werden die in Deutschland erlangten Zeugnisse eins zu eins anerkannt. Sinnvoll ist auf jeden Fall vor einer Bewerbung die Prüfung, ob der Abschluss in der Schweiz akzeptiert wird. Helfen kann dabei die Eures-Beratung in Bern. Deutsche Arbeitnehmer sollten ihre Zeugnisse unbedingt mit einer Erläuterung versehen. "So ist die Bedeutung der Noten in Deutschland und in der Schweiz genau gegenteilig", erklärt Tanja Wurtermann, die sich als Einkäuferin bei einem Handelskonzern beworben hatte. Wer also mit einer Eins aufwartet, hat nach dem Schweizer System eine glatte Sechs.

Ansonsten unterscheidet sich die Bewerbung in der Schweiz kaum von den deutschen Spielregeln. Nur im Verfahren fand sich die 27-jährige in einer ungewohnten Gesprächssituation wieder: "Ich hatte nach ein paar Minuten das Gefühl, dass es nicht so sehr um meine fachlichen Kompetenzen ging, sondern ob ich menschlich in das Unternehmen passe." Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollen eben in jeder Hinsicht zusammenpassen.

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