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Glückliche Norweger: Zwei Mädchen haben sich ihre Gesichter mit den Landesfarben bemalt. Rein rechnerisch ist jeder der gut 5 Millionen Norweger (Kronen-)Millionär – dem Staatsfonds sei Dank.

Staatsfonds

Warum jeder Norweger Millionär ist

Oslo - Wer in Norwegen zur Welt kommt, ist ein Glückskind. Der Staat hält dank seiner Öl-Milliarden theoretisch für jeden Einwohner eine Million Kronen bereit.

Die Frage ist aber: Braucht der Staat das Geld künftig, um die Wirtschaft anzukurbeln?

Die Norweger haben nicht nur atemberaubende Fjorde, Gletscher und tausende Kilometer lange Küsten. Sie sitzen auch noch auf einem Haufen Geld. Rein rechnerisch ist jeder von ihnen (Kronen-)Millionär. Denn der staatliche Pensionsfonds, der mit den Einnahmen aus den Öl- und Gasvorkommen des Landes finanziert wird, ist seit Januar fast 5,1 Billionen Kronen (rund 610 Milliarden Euro) wert – das Millionenfache von Norwegens Einwohnerzahl. Im vergangenen Jahr verbuchte der Staatsfonds den zweitgrößten Gewinn in seiner Geschichte. Das Vermögen sei um knapp 16 Prozent gewachsen, teilte der Fonds in Oslo mit. Der Staatsfonds gilt als größter seiner Art weltweit und soll Generationen von Norwegern die Rente sichern. Auf ihren Milliarden ausruhen können sich die Skandinavier aber nicht. Denn die Einnahmequellen sprudeln nicht mehr so wie früher.

„Der ganz große, lange Boom der Ölindustrie geht dem Ende entgegen“, sagt Knut Anton Mork, Chefökonom der norwegischen „Handelsbanken“. Doch um diese Industrie dreht sich in dem skandinavischen Land alles. Viele Arbeitsplätze hängen davon ab. Sänken die Ölpreise und schrumpfe der Ölmarkt weiter, verlören viele Norweger ihre Jobs, sagt Wirtschafts-Professor Steinar Holden von der Universität Oslo. „Aber wir hätten wahrscheinlich trotzdem noch keine dramatische Krise.“ Selbst wenn die Ölpreise unter 60 Dollar fielen und dort dauerhaft blieben, gebe es noch Mittel und Wege – etwa, die Steuern zu senken.

In nächster Zeit stelle die Entwicklung Norwegen noch nicht vor große Probleme, meint auch Mork. In ein paar Jahrzehnten könnte das anders sein: „Das wird eine Herausforderung für die norwegische Wirtschaft“, sagt der Ökonom. „Sie muss neue Tätigkeitsfelder finden.“ Heute haben es andere Branchen als das Rohstoffgeschäft schwer in dem Land mit himmelhohen Löhnen, Kosten und Immobilienpreisen.

Die wahnwitzigen Wohnungspreise haben den Norwegern in den vergangenen Jahren mächtig zu schaffen gemacht. Anders als seine Nachbarn hatte das Land von der Euro-Krise profitiert: Reichlich Kapital war hier gelandet, die Kreditvergabe der Banken in der Folge gestiegen. Hinter dem Immobilienmarkt liegt ein jahrelanger Aufschwung, der sich jetzt umzukehren scheint. Über die nächsten zwei Jahre erwartet der in Skandinavien führende Finanzkonzern Nordea einen Rückgang bei Preisen und Investitionen um bis zu einem Fünftel.

„Es besteht ganz klar das Risiko, dass die Preise fallen und sich das negativ auf den privaten Konsum auswirkt“, sagt Holden. So richtig aus der Ruhe bringen lassen sich die Skandinavier dadurch aber auch nicht. „So lange die Wirtschaft gut damit umgeht, so lange die Menschen Arbeit haben, sehe ich dort keine großen Probleme“, sagt Ökonom Mork. Außerdem seien in den vergangenen Jahren auch viele Menschen aus dem Ausland nach Norwegen gezogen, meint Holden. „Deshalb ist die Nachfrage nach Wohnraum auch gestiegen.“

Noch sind die Glückskinder im Norden nicht allzu sehr um ihren Wohlstand besorgt. Sollte eine echte Krise drohen, hat Norwegen immer noch den riesigen Pensionsfonds im Rücken.

Die Öl-Milliarden investiert Norwegen in Aktien, Eigentum und Wertpapiere über die ganze Welt verstreut. „Wir fächern unsere Investitionen breit über Märkte, Länder und Währungen, damit der Fonds breit vom weltweiten Wirtschaftswachstum profitieren kann“, sagt der Sprecher der norwegischen Notenbank, Thomas Sevang. 2012 hatte der Fonds so eine Rendite von 13 Prozent erzielt.

Normalerweise darf die Regierung jedes Jahr nur bis zu vier Prozent aus dem Fonds ausgeben. Im Fall einer schwierigen Lage sehe das aber anders aus, sagt Holden. Das habe es in Norwegen schon früher gegeben.

Julia Wäschenbach

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