Unternehmensstrategie

Warum Mickey Mouse Siemens hilft

München - Der US-Markt gewinnt für Siemens an Bedeutung: Der Konzern will vom bevorstehenden Boom im Gas-Geschäft profitieren. Dabei hilft, dass Siemens kaum noch als deutsches Unternehmen wahrgenommen wird – auch dank der Partnerschaft mit einer amerikanischen Ikone.

Die riesige silberne Kugel glitzert in der Sonne von Florida: „Spaceship Earth“ heißt das neben dem Märchenschloss bekannteste Wahrzeichen von Disney World. Darin verbirgt sich eines der harmloseren Fahrgeschäfte des Vergnügungsparks, gemächlich fahren die Wagen an Puppen vorbei, die die größten Erfinder der Geschichte darstellen.

Wer den „Epcot“ genannten Teil des Parks besucht, kommt an der glänzenden Kugel und damit auch an Siemens nicht vorbei. Der Münchner Konzern ist seit einigen Jahren Sponsor der Attraktion, das Logo prangt nicht nur in der Wartezone an der Wand, jeden Abend projeziert ein Laser die grünen Buchstaben während der Feuerwerk- und Lichtshow auch an die Außenfassade. „Wir haben 2004/2005 die Entscheidung getroffen, die Marke Siemens zu amerikanisieren und haben dafür auf eine Partnerschaft mit der amerikanischen Ikone Disney gesetzt“, erklärt Darren Sparks, der für Siemens den Kontakt zu Disney hält. Denn in den USA will der Münchner Konzern nicht unbedingt als deutsches Unternehmen wahrgenommen werden. Wer im patriotischen Amerika an Aufträge der öffentlichen Hand kommen will, sollte am besten so amerikanisch wie möglich erscheinen.

Deshalb erfahren die Besucher von „Spaceship Earth“ nach der Fahrt zwar, dass Siemens mehr als 60 000 Mitarbeiter in den USA und eine mehr als 160 Jahre zurückreichende Geschichte hat. Dass diese Geschichte ihren Ursprung in Deutschland hat, steht hingegen nirgends.

„Siemens wird als amerikanische Gesellschaft wahrgenommen, viele wissen gar nicht, dass es einen deutschen Mutterkonzern gibt“, sagt Konzern-Vorstand Peter Solmssen, der das Amerikageschäft verantwortet. Auch Helmuth Ludwig, Chef der Industrie-Sparte in Nordamerika, sagt: „Wir sind ein US-Unternehmen – manchmal mit deutschem Akzent.“ Doch Solmssen war skeptisch, als er von der Kooperation mit Disney erfuhr. „Ich habe die Partnerschaft mit Disney anfangs kritisch gesehen, weil wir kein Konsumentengeschäft haben, aber bei unseren amerikanischen Mitarbeitern kommt das Programm erstaunlich gut an.“ Was die Münchner sich das kosten lassen, verrät Solmssen nicht. Bei Disney heißt es, Siemens zahle wie alle Sponsoren eine jährliche Gebühr.

Doch das rechne sich, erklärt Disney-Manager Russ Oja, denn Siemens bekomme im Gegenzug häufig Aufträge, die Technik für die Vergnügungsparks zu liefern. Die „Toy Story Mania“, eine der neuesten Attraktionen, wird beispielsweise von der gleichen Technik gesteuert wie die Roboter an den Produktionsbändern großer Autohersteller.

Natürlich geht es Siemens nicht nur um die Disney-Aufträge. „Die USA sind unser wichtigster Binnenmarkt“, sagt Solmssen. 20 Milliarden Dollar Umsatz machte Siemens hier 2011. „Die Umsätze wachsen, auch wenn wir zuletzt einen leichten Rückgang beim Auftragseingang hauptsächlich durch das schwächere US-Windgeschäft verzeichnet haben.“ Siemens will daher weiter im Heimatmarkt seines Hauptkonkurrenten General Electric wildern, der im Gegenzug eine Imagekampagne in Deutschland gestartet hat.

Siemens’ Bemühungen tragen Früchte. In New York kann der Konzern mit Prestigeaufträgen aufwarten. So baut Siemens nicht nur die Elektrik in das neue World Trade Center ein, sondern arbeitet auch an der Renovierung des Konzerthauses Carnegie Hall mit. „Das ist wahrscheinlich eines der prestigeträchtigsten Projekte, die wir weltweit je umgesetzt haben“, sagt David Armour, der den Kontakt zur Stadtverwaltung hält.

Profitabler könnte ein anderer Geschäftszweig werden, der vom neuen amerikanischen Klang des Namens Siemens profitieren soll: das neue Werk für Gasturbinen in Charlotte im Bundesstaat North Carolina. Das Geschäft mit den Gaskraftwerken wird in den kommenden Jahren boomen. Durch neu entwickelte Technologien lohnt es sich, sogenannte Schiefergas-Vorkommen zu fördern. Allein in den USA sind inzwischen Reserven für bis zu 150 Jahre entdeckt worden. „Das ist eine Revolution“, erklärt Rohstoff-Experte Eugen Weinberg von der Commerzbank. „Der Gaspreis in den USA ist in den letzten Jahren von 14 auf 3 Dollar gefallen – das ist absolut einmalig.“ Die USA wollen so unabhängiger von den Öllieferungen anderer Staaten werden, davon will wiederum Siemens profitieren. „Es steckt jede Menge Wachstum im Gas“, sagt Werksleiter Mark Pringle . „Bislang zieht die Nachfrage nach den Gasturbinen in den USA noch nicht wirklich an.“ Das soll sich Ende nächsten Jahres ändern. „Wir haben diese Fabrik gebaut, um vorbereitet zu sein“, sagt Pringle.

Von Philipp Vetter

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