Warum München sogar profitieren kann

Krakau - MAN hat in Polen das modernste Lkw-Werk der Welt eröffnet. Dort werden schwere Lastwagen gebaut ­ wie auch in München. Doch nur oberflächlich betrachtet geht es dabei um die Verlagerung von Stellen.

Arbeiter mit Pressluftwerkzeugen verschrauben und vernieten tonnenschwere Stahlprofile. Für Laien noch schwer erkennbar: In wenigen Stunden entsteht aus dieser Keimzelle in der modernsten Lkw-Fabrik der Welt ein neuer Schwerlastwagen. Hier in Niepolomice bei Krakau ebenso wie bisher vor allem in München konzentriert sich der Nutzfahrzeughersteller MAN auf schwere Lkw. Wieder ein Fall von Arbeitsplatzverlagerung in den billigen Osten? Auf den ersten Blick sieht es so aus.

Doch man kann näher hinsehen: Wie von Geisterhand befördert ein Schwerlastkran zwei gewaltige Hinterachsen unter der Fabrikdecke über das stählerne Fahrgestell. Sie kommen aus München. Sind sie befestigt, schwebt die Vorderachse an ­ aus Salzgitter. Später der Motor. Er wurde in Nürnberg gebaut. Das Getriebe stammt vom deutschen Zulieferer ZF, das Fahrerhaus aus München oder aus Österreich. So stecken in jedem der schweren Brummis, die in Niepolomice vom Band rollen, zwar 100 Stunden Arbeit der polnischen MAN-Mitarbeiter. Doch ein Vielfaches dieser Arbeit, steckt in den aus Westeuropa gelieferten Komponenten.

Spezielle Modelle für neue Märkte

Aber sind nicht diese hundert Stunden fürs Hochlohnland-Deutschland verloren? MAN dementiert. Hier in Polen entsteht nicht die neueste Generation der schweren Nutzfahrzeuge, die MAN gerade erst vorgestellt hat. Es sind die bisherigen Modelle, in zum Teil ungewöhnlichen Konstellationen: Blattfedern für allerschwerste Laste, zeichnen viele der Fahrzeuge aus. 30 Tonnen Gesamtgewicht für einen Sattelschlepper braucht in Deutschland keiner. Dazu zeigt die mit 300 PS vergleichsweise bescheidene Motorisierung: Hier wird für einen neuen, speziellen Markt gebaut. Diese Fahrzeuge gehen nach Russland. Und die meisten anderen sind ebenso für Abnehmer in Osteuropa gedacht.

Harter Kampf um die Märkte im Osten

Um diese schnell wachsenden Märkte ist ein harter Wettbewerb entbrannt. In Polen ist MAN Marktführer, hat es aber hier wie in anderen osteuropäischen Märkten vor allem mit Volvo und Scania als wichtigsten Konkurrenten zu tun. In Russland bedienen ausländische Hersteller nur rund ein Zehntel des Marktes. Immerhin liegt MAN unter diesen in Führung. Doch Volvo will in Russland mit einem neuen Werk Punkte sammeln. Es geht darum, die Käufer in neuen Märkten zu überzeugen. Nichts wirkt hier besser wie ein eigenes Werk. So ist der niedrige Lohn (in Polen ist er mittlerweile auf ein Drittel des deutschen Niveaus gestiegen) als Argument in den Hintergrund getreten. Und da neu erschlossene Märkte für zusätzliche Aufträge sorgen, ist Stellenverlagerung wohl das falsche Wort.

Weil bisher im geringeren Umfang in München für diese Märkte gebaut wurde, kommt es hier vor allem zu Verschiebungen. Weniger Menschen sind ­ zumindest vorübergehend ­ mit der Endmontage beschäftigt. Mehr dafür in der Komponentenproduktion. Befristete Ausfälle sind sogar erwünscht. Denn nur wenn es nicht voll ausgelastet ist, kann das MAN-Montagewerk in München auf den technischen Stand gebracht werden, für den das neue Werk in Polen die Blaupause liefert. Die weltweit steigende Nachrage (siehe Kasten), dürfte entstehende Lücken aber schnell wieder füllen.

Einfache Tätigkeiten werden verlagert

Kurzfristig erhält die steigende Nachfrage nach Komponenten in Deutschland die meisten Arbeitsplätze. Selbst die komplette Verlagerung der besonders lohnintensiven Stadtbusmontage aus Salzgitter will MAN auf diese Weise ausgleichen. Aber bleiben diese anspruchsvollen Tätigkeiten wirklich erhalten? In Niepolomice wird bisher nur ein Bruchteil der für MAN reservierten Flächen genutzt. Genug Spielraum für weitere Aktivitäten. Könnte es sein, dass hier demnächst auch Motoren, Achsen oder Fahrerhäuser gebaut werden? Anton Weinman, Chef von MAN Nutzfahrzeuge winkt ab. Denn in Polen stehen Fachkräfte nur sehr begrenzt zur Verfügung. Im Gegenteil: Der Facharbeiter-Anteil ist niedriger als in Deutschland. Die wenigen Spezialisten werden in Polen für Leitungsfunktionen gebraucht. Ausreichend Fachkräfte für die aufwändige Komponentenproduktion fehlen.

Damit zeichnet sich ab, was die eigentlichen Folgen neuer Fabriken im Osten für die entsprechenden Werke im Westen sind: Da vorwiegend einfache Arbeiten verlagert werden, wird der Bedarf für ungelernte oder nur angelernte Mitarbeiter in Deutschland weiter zurückgehen. Und die Nachfrage nach gut ausgebildeten Fachkräften ­ ob Facharbeiter oder Ingenieure ­ steigt weiter.

Noch läuft die Produktion in Niepolomice auf Sparflamme: 4000 Fahrzeuge werden dort heuer gebaut, ab 2010 sollen es jährlich 15 000 sein. Bei Einführung einer zweiten Schicht könnte sich diese Zahl verdoppeln, wie Konzernchef Håkan Samuelsson bestätigt. Wodurch die Nachfrage nach Komponenten weiter steigt. Werke im Ausland können Beschäftigung im Inland kosten. Sie müssen es aber nicht.

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