Energie

Warum der Sommer den Strompreis treibt

München - Der schöne Sommer könnte für viele Stromkunden noch teuer werden. Wenn die Sonne aufs Dach knallt, wird mehr Solarstrom produziert. Das bekommen die Verbraucher nächstes Jahr zu spüren, wenn die Ökostrom-Umlage steigt.

Die Solarbranche hat einen Rekordmonat hinter sich. Im Juli wurde so viel Solarstrom produziert wie noch nie zuvor: Mehr als fünf Milliarden Kilowattstunden wurden erzeugt. Ein gutes Geschäft für die Betreiber von Solaranlagen. Wer Paneele auf dem Dach hat, bekommt auf 20 Jahre einen festen Preis für seinen Strom. Weil immer mehr Solarstrom ins Netz drängt, fällt auch der Preis an der Börse. Davon haben die Verbraucher allerdings nichts – im Gegenteil. Der Solarboom beschert den Stromkunden eine steigende Ökostrom-Umlage. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie hat sich der Strompreis an den Börsen in letzter Zeit entwickelt?

Anfang des Jahres kostete die Megawattstunde (MWh) auf dem Terminmarkt an der Leipziger Strombörse noch 45,26 Euro. Bis Anfang August ist der Preis gefallen und lag vor zwei Tagen nur noch bei 36,40 Euro. Seit 2008 hat sich der Strompreis halbiert.

Der Preis wird durch das jeweils teuerste Kraftwerk bestimmt, das benötigt wird, um die Stromnachfrage zu decken. Diese laufenden Kosten sind bei konventionellen Kraftwerken höher, weil diese Brennstoffkosten tragen und CO2-Zertifikate kaufen müssen. Anlagen für erneuerbare Energien wie Windräder und Solarzellen müssen nur einmal gebaut und bezahlt werden.

Christoph Podewils von der Initiative „Agora Energiewende“ glaubt, dass der Preis „nicht großartig weiter sinken kann“. Die laufenden Kosten könnten nicht weiter gedrückt werden. Der Analyst Tobias Federico von der Beratungsfirma „Energy Brainpool“ kann sich hingegen vorstellen, dass Strom an der Börse noch billiger wird. „Wir könnten die 30 Euro schon noch erreichen. 2022, wenn das letzte Atomkraftwerk vom Netz genommen wird, wird der Preis aber wieder deutlich steigen.“

Warum sinkt der Börsenpreis so stark?

Podewils sieht drei wesentliche Gründe für den Preisverfall. Die Stromnachfrage sei wegen der europäischen Wirtschaftskrise generell gering. Außerdem seien die Preise für CO2-Zertifikate stark gesunken. Solche Lizenzen für den Verbrauch von Kohle, Gas oder Erdöl hätten schon einmal 27 Euro pro Tonne CO2 gekostet. „Heute kostet die Tonne drei oder vier Euro“, sagt Podewils. Der dritte Grund für die günstigen Börsenpreise ist, dass immer mehr erneuerbare Energie eingespeist wird, die kaum laufende Kosten mit sich bringt – zum Beispiel Solarstrom.

Wird immer mehr Solarstrom produziert?

In den Jahren 2010 bis 2012 wurden jeweils Solaranlagen mit einer Leistungsfähigkeit von rund 7500 Megawatt gebaut. Jetzt scheint der Markt leicht gesättigt: In diesem Jahr kamen bisher Paneele mit 1800 Megawatt Leistung dazu. Das Bundesumweltministerium rechnet bis Jahresende mit einem Gesamtzuwachs von 4000 Megawatt. Das entspricht rein rechnerisch der Leistung von drei Kernkraftwerken.

In den heißen Monaten wird sehr viel Energie mit Solaranlagen produziert. zugleich sinkt im Sommer der Stromverbrauch, etwa weil viele im Urlaub sind. Einem großen Angebot steht also eine geringe Nachfrage gegenüber. Auch deshalb sinkt der Preis an der Strombörse.

Warum kommt davon bei den Verbrauchern nichts an?

Die Anbieter von grüner Energie erhalten auf 20 Jahre garantierte Vergütungen für jede eingespeiste Kilowattstunde Strom. Das ist gesetzlich vorgeschrieben. Die Differenz zwischen dem Preis an der Börse und dem zugesicherten Preis tragen die Verbraucher über die Ökostrom-Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Diese steigt, wenn der Strom an der Börse billiger wird, weil mehr ausgeglichen werden muss. Tobias Federico, dem Analyst von „Energy Brainpool“, erscheint das als „schizophrene Situation“.

Derzeit besteht ein Defizit von gut 1,7 Milliarden Euro auf dem EEG-Konto. Im kommenden Jahr wird der Strom deshalb wohl teurer. Bei der Initiative „Agora Energiewende“ geht man davon aus, dass die Umlage von derzeit 5,28 Cent pro Kilowattstunde auf 6,24 Cent steigen wird, so Sprecher Christoph Podewils. Nach einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ könnte die Umlage 2014 um ein Drittel auf mindestens 7 Cent je Kilowattstunde steigen. Ein durchschnittlicher Vier-Personen-Haushalt verbraucht im Jahr 3500 Kilowattstunden.

Mitte Oktober werden die vier Netzbetreiber veröffentlichen, wie hoch die Umlage 2014 tatsächlich ausfallen wird. Klar ist: Steigt die Umlage, steigen auch die Energiekosten für die Verbraucher. „Ein Cent Steigerung pro Kilowattstunde heißt jährlich 35 Euro mehr für einen Durchschnittshaushalt“, sagt Tobias Federico.

Simon Pfanzelt

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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