Ich AG: Warum so viele aufgeben

- München - Wilhelm Stotzem hat es geschafft. Mit seiner Ich AG, die der 42-Jährige vor 18 Monaten gründete, ist er der Arbeitslosigkeit entkommen. Gebrauchte Küchengeräte mit Garantie verkauft der studierte Maschinenbauer und zwar so viele, dass er davon ohne weitere Unterstützung seine Familie ernähren kann. "Das ist prima", sagt er. "Die Abhängigkeit von der Arbeitsagentur ist nicht gerade toll."

Die Bundesregierung hoffte auf viele wackere Unternehmer wie Stotzem, als sie im Januar 2003 mit dem Hartz-II-Paket den "Existenzgründungszuschuss" einführte. Das im Volksmund als Ich AG bekannte Förderinstrument, das Arbeitslose über maximal drei Jahre mit bis zu 14 400 Euro unterstützt, sollte einen "neuen Nährboden für Selbstständigkeit schaffen", wie es hieß. Und die Saat ging auf: Wesentlich mehr Arbeitslose als von der Politik erwartet, nahmen auf dem staatlich gesponserten Chefsessel Platz. Mittlerweile gibt es fast 240 000 Ich AGs, vom Autopfleger, bis zum Computer-Notdienst (wir berichteten).<BR><BR>"Diese Zahl könnte als Erfolg gesehen werden", sagt Eckhardt Wohlers, Konjunkturchef beim Wirtschaftsforschungsinstitut HWWA in Hamburg. Könnte. Denn mancher Kritiker zweifelt am Konzept der Ich AG. Schaffen es all die Gründer, wieder am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen? Haben all ihre Firmen auch ohne Förderung eine Zukunft wie die von Wilhelm Stotzem?<BR><BR>"Es wäre verfrüht, jetzt über den Erfolg des Instruments zu diskutieren", sagt Frank Wiesner, Ich-AG-Experte beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Denn selbst die Ich AGs der ersten Stunde beziehen derzeit noch monatliche Zuschüsse und müssen sich dem Wettbewerb noch nicht unter realen Bedingungen stellen. Dennoch mehren sich schon heute die Indizien, dass viele Ideen unterstützt wurden und werden, die eigentlich nicht überlebensfähig sind. So stehen nach Erkenntnissen des HWWA zehn neuen Ich AGs vier gegenüber, die aufgeben. "Seit Mitte 2004 gibt es einen deutlichen Anstieg", sagt Eckhardt Wohlers. Insgesamt sind bislang ein Fünftel aller Ich AGs, das sind 48 000, vorzeitig dicht gemacht worden. Bis Ende des Jahres dürfte die Zahl auf 87 000 steigen, prophezeit ein Forscher der TU Dresden.<BR><BR>Zwar muss nicht jeder Abgang ein Scheitern bedeuten. Denn teilweise fallen die Ich-AGler aus der Statistik, weil sie es versäumen, die jährlichen Anträge rechtzeitig einzureichen; teilweise, weil sie mit einem Jahresgewinn von über 25 000 Euro keinen Förderanspruch mehr haben. Eine Umfrage des IAB hat aber ergeben, dass sich über die Hälfte der Abbrecher wieder arbeitslos meldet. 40 Prozent sind zwar erwerbstätig, allerdings meist nicht mehr selbstständig, sondern angestellt.<BR><BR>Es gibt mehrere Gründe, warum viele Ich AGs schnell wieder schließen. Zum einen verschlingen die Sozialversicherungs-Beiträge einen großen Teil der Zuschüsse. "Da bleibt kaum etwas übrig", sagt Eckhardt Wohlers. Zum anderen klagen 57 Prozent der gescheiterten Ich-Agler über zu wenige Aufträge, wie aus der IAB-Umfrage hervorgeht. Dies weist nicht nur auf Mängel bei der Kundengewinnung hin, sondern auch darauf, dass viele Ich-AGler an den Marktbedürfnissen vorbeizielen.<BR><BR>Letzteres lässt sich darauf zurückführen, dass bei der Antragstellung für eine Ich AG lange Zeit kein Geschäftskonzept vorgelegt werden musste. Jeder Arbeitslose, der sich berufen fühlte, erhielt die Gelder auch. Im November 2004 besserte die Bundesregierung nach. "Das wäre von Anfang sinnvoll gewesen", sagt Martin Werding, Arbeitsmarkt-Experte beim Münchner Ifo-Institut. Neu ist seit Januar zudem, dass nur noch Bezieher des Arbeitslosengeldes I eine Ich AG gründen dürfen (siehe Kasten). Wilhelm Stotzem sieht die Einschränkung wenig tragisch: "Man kann die Gründung auch so schaffen."<BR><BR> 

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