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Die Verbraucherpreise in Deutschland erlebten in den vergangenen 20 Jahren eine Achterbahnfahrt.

Weidmann betreibt Schadensbegrenzung

München - Inflationsangst in Deutschland: Die Bundesbank erwartet zwar, dass die Preise in Deutschland überdurchschnittlich anziehen werden. Ein Abschied der Notenbank vom Ziel der Preisstabilität sei das aber nicht.

Wie Bundesbank-Präsident Jens Weidmann betont, ist dieses Ziel "unverrückbar". Weidmann reagiert damit auf Spekulationen, die Bundesbank habe einen Kurswechsel vollzogen und dulde nun auch eine höhere Inflation. Die Angst, die Notenbanker spülten den Euro mit steigenden Preisen weich, weist Weidmann im Interview zurück.

Müssen sich die Menschen in Deutschland Sorgen um ihr Geld machen?

Als Präsident der Deutschen Bundesbank trete ich auch gegen Widerstände unverrückbar für Geldwertstabilität ein. Das tue ich im EZB-Rat und auch in der Öffentlichkeit. Jeder, der die geldpolitischen Diskussionen beobachtet, weiß das. Wir haben uns im EZB-Rat das Ziel gesetzt, die Inflationsrate im Euro-Raum knapp unter zwei Prozent zu halten. Damit wird dieses Ziel auch weiterhin erreichen können, dürfen wir dem Druck der Politik und der Märkte, mit immer mehr Geld die Probleme des Euro-Raums zu lösen, nicht nachgeben.

Wie fest ist das Ziel der Preisstabilität im EZB-Rat verankert? Inwiefern gibt es dort Bestrebungen, höhere Teuerungsraten zugunsten größeren Wachstums zuzulassen?

Forderungen nach höheren Inflationsraten zur vermeintlichen Lösung der Krise müssen wir als Währungshüter eine klare Absage erteilen. Der beste Beitrag, den eine Notenbank zum Wirtschaftswachstum leisten kann, ist es, für stabiles Geld zu sorgen. Darin sind wir uns im EZB-Rat einig, wenn es auch über den Weg und die Risiken unterschiedliche Ansichten geben mag.

Wie groß beurteilen Sie die Gefahr, dass die Geldspritzen der EZB auf lange Sicht die Geldmenge derart aufblähen, dass sich ein bedeutendes Inflationsrisiko aufbaut?

Derzeit sehe ich dieses Risiko aufgrund der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung im Euro-Raum insgesamt nicht, darauf deuten auch alle Prognosen hin. Damit aber in der Zukunft keine Gefahren für die Geldwertstabilität oder die Finanzstabilität entstehen, ist es wichtig, dass wir uns rechtzeitig Gedanken über den Ausstieg aus den geldpolitischen Sondermaßnahmen machen. Da werde ich nicht lockerlassen.

Angesichts der Wettbewerbsnachteile in einigen Euroländern: Müssten nach Jahren der Zurückhaltung die Löhne in Deutschland nicht kräftig steigen, auch wenn das wiederum die Inflation anheizen würde?

Die hohe Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist das Ergebnis eines langwierigen Anpassungsprozesses, der auch mit niedrigem Lohnwachstum und unterdurchschnittlicher Inflation einherging. Inzwischen steht Deutschland konjunkturell trotz der Krise wesentlich besser da als die meisten anderen Länder im Euro-Raum. Diese solide Konjunkturentwicklung und die gesunde Verfassung des Arbeitsmarkts werden sich damit auch in höheren Löhnen niederschlagen, während anderswo schmerzhafte Anpassungsprozesse bei Löhnen und Preisen anstehen. Das ist eine ganz normale Entwicklung. Sie darf aber in Deutschland nicht dazu führen, dass Löhne und Preise aus dem Ruder laufen. Deutschland darf nicht vergessen, dass es sich im globalen Wettbewerb behaupten muss. Wir Geldpolitiker müssen darauf achten, dass die Inflationserwartungen auch in der größten Volkswirtschaft des Euro-Raums fest verankert bleiben.

Interview: Harald Schmidt und Jörn Bender

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