Welche Policen sinnvoll sind

Versicherungen für Senioren: - Viele ältere Menschen haben ein verstärktes Sicherheitsbedürfnis. Die Versicherungskonzerne haben dafür eine Fülle von Policen parat. Doch nicht alle sind sinnvoll.

Eine Schüssel im obersten Küchenschrank hat Ilse Heitbrink aus Osnabrück einen dreiwöchigen Krankenhausaufenthalt mit anschließender Reha eingebrockt. Auf der Suche nach dem Gefäß auf dem Schrank war sie vor einigen Jahren vom Stuhl gefallen. Diagnose: Oberschenkelhalsbruch. Die Knochen waren von Osteoporose brüchig.

Ein Jahr zuvor hatte Heitbrink für 15 Euro im Monat eine Senioren-Unfallversicherung abgeschlossen, die ihr nach dem unglücklichen Sturz insgesamt über 1000 Euro ausbezahlte. Im Gegenzug hatte sie zwei Sterbegeldpolicen stillgelegt. In die unren\-tablen Sparverträge hatte sie jahrzehntelang einbezahlt - einen davon hatte sie sogar noch von ihrer Mutter übernommen. Damit war jetzt genug: "Unter die Erde kriegen die mich auch so", sagt die Seniorin.

Bei der heute 77-Jährigen hat sich die Unfall-Police zwar gelohnt. Doch grundsätzlich steht sie nicht an vorderster Stelle in der Liste notwendiger Versicherungen für ältere Menschen. Glaubt man der Werbung, ist Altwerden eine gefährliche Angelegenheit, die mit Policen aller Art abgesichert werden muss. Ohne Senioren-Unfallschutz mit sogenannter Assistance-Leistungen, ohne Zahnersatz-Zusatz- und einer Sterbegeldversicherung könne man den verdienten Ruhestand kaum sorglos genießen - doch der Schein trügt.

"Es ist sicherlich richtig, den Versicherungsschutz einer veränderten Lebenssituation anzupassen", sagt Hedwig Telkamp, Versicherungsexpertin bei der Verbraucherzentrale Bayern in München. Aber vor allem habe man die Senioren als zahlungskräftiges Klientel erkannt. Und so boomt das Angebot an speziellen Senioren-Policen, von denen die wenigsten wirklich nötig sind.

Für Senioren gilt dasselbe wie für alle Versicherungsnehmer: "Existenzbedrohende Risiken sollten unbedingt abgesichert werden", sagt Thorsten Rudnik, Sprecher des Bundes der Versicherten. "Das sollte Priorität A sein." Doch mit kräftiger Unterstützung der Versicherungsbranche werde diese Priorität oft falsch gesetzt. Die ältere Generation verfügt zwar oft über eine teure Zahnersatzversicherung und eine Sterbegeldpolice - "das Renditegrab schlechthin", wie Rudnik sagt - haben aber keine private Haftpflichtversicherung - das existenzbedrohende Risiko Nummer eins.

Viel lieber wird den Rentnern eine in der Regel zu teure Seniorenunfallversicherung angeboten. Zwar sei die Gefahr, im Alter durch einen Unfall lebenslang invalide zu sein, sicherlich höher als in jungen Jahren, sagt Verbraucherschützerin Telkamp. "Doch das Risiko, durch Krankheit in eine solche Lage zu geraten, ist noch viel größer" - und dann zahlt die Versicherung nichts.

Zudem werde die Police oft mit sehr teuren Assistance-Leistungen verknüpft, die beinhalten, dass im Ernstfall bei Alltagserledigungen geholfen wird. Doch dies täusche "falsche Sicherheit" vor, warnt Telkamp. Denn viele Policen helfen zwar dabei, Haushaltshilfe, Wäsche- und Essensdienst zu organisieren. Auf der Bezahlung der Dienste bleibt der Kunde allerdings oft sitzen. Und im Krankheitsfall, der einen viel öfter in eine hilfsbedürftige Lage bringt, muss man sich die Unterstützung ohnehin anderweitig organisieren.

Für sinnvoll halten die Experten dagegen eine Pflegezusatzversicherung, in die man noch bis zum Alter von 65 Jahren eintreten kann. Denn bei den Kosten für einen längeren Aufenthalt im Pflegeheim kann es schnell an die finanzielle Existenz gehen - vor allem auch der Angehörigen. Die müssen nämlich einspringen, wenn das Vermögen des Betroffenen nicht ausreicht, um den Heimplatz zu bezahlen.

"Ein voller Heimplatz kostet leicht 3000 Euro im Monat", sagt Thorsten Rudnik. Bei Pflegestufe drei zahle die gesetzliche Pflegeversicherung rund die Hälfte. Damit bleiben nach seinen Worten 1500 Euro an Eigenbeteiligung. Beträgt die Rente 1000 Euro monatlich, bleiben immer noch 500 Euro offen, so der Versicherungsexperte. Wenn man damit Angehörige nicht belasten möchte, ist eine Pflegezusatzversicherung die richtige Wahl.

Auch wenn man schon jahrzehntelang Stammkunde bei ein und demselben Versicherer ist und den sympathischen Vertreter schon beim Vornamen nennt, muss man sich eines klar machen: "Der wird nur bezahlt, wenn er was verkauft"sagt Hedwig Telkamp. "Das ist keine neutrale und objektive Beratung."

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