Weltneuheit von nebenan: Bayerns Biotech-Pioniere

- Vor zehn Jahren hat sich der Großraum München mit seinem Vorzeigestandort Martinsried im bundesweiten Bioregio-Wettbewerb durchgesetzt. Bis heute ist daraus eines der führenden Biotech-Zentren Europas geworden. Hier treiben 2300 Mitarbeiter den weltweiten medizinischen Fortschritt an. Ihre ersten Medikamente sind bereits auf dem Markt, weitere stehen kurz davor. Wir stellen hier Münchens Medizinmacher und ihre größten Hoffnungsträger vor: Sechs Musterbeispiele einer Zukunftsbranche.

In Biotech-Kreisen gelten eigene Regeln: In den meisten Unternehmen duzt man sich -­ das gilt auch für den Chef ­-, einen Anzug trägt kaum jemand, Doktortitel werden ignoriert, weil eh fast jeder einen hat, und Durchhaltevermögen ist eine der wichtigsten Tugenden. Denn die Entwicklung eines Medikaments von der Idee bis zum marktreifen Produkt dauert in der Regel zehn bis 15 Jahre und kann hunderte Millionen Euro kosten.

Hat man entdeckt, dass eine Substanz eine bestimmte Wirkung haben könnte, beginnt ein Marathon der Erprobung: eine vorklinische Phase (in der das Präparat an Tieren ausprobiert wird), drei klinische Phasen (in denen die Wirkung an kranken Menschen erforscht wird) und der Zulassungsprozess. All diese Stufen müssen genommen werden, ehe aus einer Idee ein Produkt wird. Bis zum Schluss kann ein Medikament durchfallen. Dann sind Millionen Investorengelder und tausende Arbeitsstunden im Unternehmen futsch. Börsenkurse springen an oder stürzen ab, wenn Präparate mehr oder weniger Wirkung zeigen als erwartet. Existenzgründungen stehen oder fallen mit den Erfolgen der Forscher.

Mit jeder Entwicklungsstufe, die ein Präparat erreicht, sinkt das Risiko, dass es scheitert. Auf dieser Seite stellen wir die sechs Medikamente von Biotech-Unternehmen aus der Region vor, die am weitesten fortgeschritten sind. Es sind die ersten Produkte, die aus hunderten Millionen Investorengeldern und jahrelanger Arbeit am Standort entstanden sind. Ein Präparat hat es bereits auf den Markt geschafft und wird Patienten verschrieben.

Die anderen durchlaufen den Zulassungsprozess oder die letzte Phase der klinischen Entwicklung. Ein Schwerpunkt \x0f\x0fder Unternehmen liegt auf der Entwicklung von Krebsmedikamenten. Diese bilden einen großen weltweiten Markt. Zudem sehen die Forscher hier besonders gute Chancen, die bisherigen Behandlungsmethoden zu verbessern. So erhoffen sich die Medizinmacher Fortschritte bei der Bekämpfung der Krankheit ­ und vielleicht irgendwann den Triumph über eine der häufigsten Todesursachen der Welt.

Europas Biotech-Zentren

- Der Großraum München mit dem Vorzeigestandort Martinsried im Südwesten der Stadt zählt zu den wichtigsten Zentren der Biotech-Branche.

- In Europa gilt der britische Standort Cambridge als führend, wo die Biotechnologie -­ ähnlich wie in den USA ­- früher verankert war.

- Weitere bedeutende Zentren sind Kopenhagen (Dänemark) und der Schweizer Doppelstandort Basel/Zürich.

1. Krebszellen auf der Spur

Olaf Wilhelm mag den Begriff Biotech-Unternehmen nicht. Der Chef der Wilex AG sieht die Aufgabe seiner Firma ähnlich der eines Pharmaherstellers, der allerdings biotechnologische Werkzeuge benutzt. Wilex hat vier Substanzen in der klinischen Forschung. Bei dem am weitesten entwickelten Werkzeug handelt es sich um einen Antikörper, der es mit Nierenkrebs aufnehmen soll.

Das Unternehmen, das vor gut einem Monat an die Börse gegangen ist, wurde von Forschern der Frauenklinik Rechts der Isar gegründet. Seitdem hat man rund 70 Millionen Euro von Investoren erhalten. In einigen Jahren soll sich das auszahlen, wenn das Präparat Rencarex auf den Markt kommen soll.

Jede Zelle trägt auf ihrer Oberfläche antennenartige Gebilde, sogenannte Rezeptoren. Rencarex klebt sich an einen bestimmten Rezeptor, der im Körper fast nur auf Krebszellen vorkommt. Gleichzeitig bindet der Antikörper sogenannte Killerzellen an sich und bringt diese so dazu, die Krebszelle zu zerstören. Zunächst zielt das Unternehmen mit 46 Mitarbeitern auf Nierenkrebs. Die Zielgruppe beträgt hier nach Unternehmensschätzung zwischen 20 000 und 55 000 Patienten pro Jahr in Europa und den USA. Wilex hofft aber, auch andere Krebsarten bekämpfen zu können.

2. Navigationssystem für die Medizin

"Gerade in der Biotechnologie ist es entscheidend, der Erste zu sein", heißt es auf der Internetseite der Idea AG. Das 1993 gegründete Unternehmen zählt zu den ältesten am Standort und ist nach eigenem Bekunden das erste, das einem Medikament ein Navigationssystem verpasst hat. Idea entwickelt eine Technologie, die den Wirkstoff durch die Haut an den richtigen Platz im Körper schleust. Damit sollen Schmerzen wegen Arthrose oder Sportverletzungen besser behandelt werden können.

Bislang gibt es zwei gängige Methoden, Schmerzen in Gelenken zu behandeln: Entweder schluckt man ein Schmerzmittel, dessen Wirkstoff sich über den Kreislauf im Körper verteilt und so auch an der leidenden Stelle landet. Das hat den Nachteil, dass es bei langfristiger Einnahme in der Regel zu starken Nebenwirkungen kommt. Oder man trägt das Mittel etwa als Salbe auf der Haut auf. Dann geht allerdings ein größerer Teil der Wirkung auf dem Weg durch die Haut verloren. Das soll Idea-033 ändern.

Kern des Vorzeige-Mittels sind sogenannte Transfersome. Diese Wirkstoffträger sind so winzig wie ein Stück eines 5000-mal gespaltenen Haares. Werden diese Partikel etwa als Gel oder Spray aufgetragen, rutschen sie ­- angezogen durch die hohe Flüssigkeitskonzentration im Körperinneren -­ durch winzige Kanäle in der Haut, ohne diese zu verletzen. So gelangt der Wirkstoff mit nur geringen Verlusten an die gewünschte Stelle. Angesichts alternder Bevölkerung hofft man bei Idea auf ein "erhebliches Marktpotenzial". 2008 könnte das Mittel in der EU in die Apotheken kommen.

3. Kraft des Grünen Tees

Medigene hat nicht nur als erstes Unternehmen der Region ein Medikament auf den Markt gebracht, es hat auch als erstes ein Produkt durch die letzte Phase der klinischen Entwicklung geschleust. Polyphenon E wird voraussichtlich im kommenden Jahr in den USA auf den Markt kommen, in Europa etwas später.

Das Präparat soll zur Behandlung sogenannter Genitalwarzen dienen. Dies sind gutartige, aber schmerzhafte und entstellende Hauttumore. Es handelt sich dabei um eine der am schnellsten zunehmenden Geschlechtskrankheiten der Welt. Etwa 30 Millionen Menschen weltweit sind mit diesen Viren infiziert.

Polyphenon E enthält Stoffe, die aus den Blättern des Grünen Tees gewonnen werden. Sie sollen die körpereigene Abwehr aktivieren und das Virus hemmen. Das weltweite Marktpotenzial des Präparats schätzt Medigene auf etwa 150 Millionen Euro pro Jahr.

4. Die Ersten auf dem Markt

Eine daumengroße Spritze macht die Medigene AG aus Martinsried einzigartig. Sie enthält eine Flüssigkeit mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Wird die Substanz unter die Haut gespritzt, verfestigt sie sich zu einer Kugel. Und die sorgt dafür, dass der Patient kontinuierlich mit Wirkstoff versorgt wird ­ über mehrere Wochen. Das Präparat heißt Eligard und ist das erste Medikament, das ein deutsches Biotech-Unternehmen auf den Markt gebracht hat. Jahrelange Forschung beginnt sich seit etwa drei Jahren auszuzahlen.

Über 100 000 Packungen sollen schon in Europa abgesetzt worden sein. Insgesamt soll Eligard für Einnahmen von mehr als hundert Millionen Euro im Jahr gut sein und bei der Bekämpfung von Prostatakrebs helfen. Da dessen Ausbreitung durch die Ausschüttung des Sexualhormons Testosteron begünstigt wird, dreht Eligard die Testosteron-Zufuhr ab.

Medigene hatte das Präparat in den USA eingekauft und in Deutschland nur durch den Zulassungsprozess gebracht. Doch auch dazu waren viel Know-how und Geld nötig. Ursprünglich wollte das Unternehmen heuer erstmals Gewinn erzielen. Nach der Übernahme der britischen Firma Avidex sowie zusätzlichen Investitionen in Forschung und Entwicklung wird das aber wohl noch einige Jahre dauern.

5. "Münchner Kindl" soll die Welt erobern

Wenn Horst Lindhofer von einem "sauriesen Markt" spricht, ist klar, dass seine Geschichte eine aus München ist. Der 47-Jährige ist im Hasenbergl aufgewachsen und lacht selbst, als er sagt: "Auch einer von da kann es schaffen." Lindhofer schafft es gerade zum dritten Mal -­ und nie stand sein Erfolg so sehr im Dienst der Menschheit.

Lindhofer trug Lederjacke und sang als Gitarrist der Band "United Balls" die Zeile "Pogo in Togo", was in den 80er-Jahren zum Hit der "Neuen Deutschen Welle" wurde. Lindhofer trug Doktorkittel und gebar in den 90er-Jahren als promovierter Biologe einen Antikörper, der die Krebsbekämpfung revolutionieren könnte. Heute trägt Lindhofer Anzug und hofft als Chef und Gründer von Trion Pharma, dass der von ihm entwickelte Antikörper die Welt erobert.

In Großhadern bei der damaligen Gesellschaft für Strahlenforschung entwickelte Lindhofer sein Vorzeige-Produkt: einen trifunktionalen Antikörper, der bestimmte Krebszellen binnen weniger Tage vernichtet. Im Körper sind sogenannte Fresszellen und T-Zellen dazu da, entartete Zellen zu attackieren. Bei Krebs funktioniert diese Immunabwehr nicht. Der Trion-Antikörper ändert das. Er entdeckt Tumorzellen und koppelt Fress- sowie T-Zellen an, die sie vernichten.

Zunächst zielt Trion auf "Malignen Aszites", eine Wasseransammlung im Bauch, die meist mit Eierstockkrebs verbunden ist. Wegen herausragender Testwerte durfte Trion mit dem Präparat Catumaxomab von der ersten in die dritte Phase der klinischen Entwicklung springen. Dort zeigten sich positive Ergebnisse, wie diese Woche bekannt gegeben wurde. Bestenfalls könnte das in Großhadern geborene Mittel, das Lindhofer deshalb als "Münchner Kindl" bezeichnet, Mitte 2008 in Europa auf den Markt kommen. Lindhofer geht davon aus, dass sich auch weitere Krebsarten behandeln lassen. Selbst eine "Impfung" gegen bestimmte Krebsarten hält er für möglich. Das wäre nicht nur ein "sauriesen Markt" für Trion und seinen Kooperationspartner Fresenius Biotech, sondern auch eine neue Hoffnung für zigtausende Krebspatienten in der Welt.

6. Die wertvolle Kapsel

Auf dem Schreibtisch von Bernd Seizinger, Chef der Martinsrieder GPC Biotech AG, steht seit Jahren ein Modell der Satraplatin-Kapsel. Die blau-gelbe Pille ist das Vorzeigeprojekt des Unternehmens. Sie soll mehr als eine halbe Milliarde Dollar wert sein. Kürzlich gelang der Durchbruch für das Medikament, das zunächst bei Prostatakrebs im fortgeschrittenen Stadium angewendet werden soll.

Die letzte der drei klinischen Erprobungsphasen zeigte entscheidende positive Ergebnisse. Die GPC-Aktie schnellte daraufhin binnen eines Tages rund 40 Prozent in die Höhe. Über Nacht stieg der Börsenwert des Unternehmens um rund 150 Millionen Euro. Wenn der Zulassungsprozess nach Plan verläuft, kommt Satraplatin im kommenden Jahr in den USA auf den Markt und 2008 in Europa. Insgesamt soll das Medikament für einen Umsatz von mehr als einer halben Milliarde Dollar pro Jahr gut sein, schätzt GPC.

Prostatakrebs ist die häufigste Krebsart bei Männern in Europa und den USA. Satraplatin soll künftig eine wichtige Rolle bei seiner Behandlung spielen. Das Medikament zielt auf eine Phase der Krankheit, in der es bislang keine etablierte Therapie mehr gibt. Dann ist die Krankheit weit fortgeschritten, unter anderem haben Strahlen- und Hormontherapie sowie weitere Behandlungen versagt. Künftig soll Satraplatin dann das Tumorwachstum weiter verzögern und möglicherweise auch die Gesamtüberlebenszeit verlängern. Den Patienten erleichtert Satraplatin die Therapie, weil es nicht gespritzt werden muss, sondern als Kapsel eingenommen werden kann und gut verträglich ist.

Darüber hinaus erwartet GPC, dass das Mittel auch bei der Behandlung anderer Krebsarten eingesetzt werden könnte. Das ist einer von mehreren Forschungsschwerpunkten, an denen die gut 220 Beschäftigten von GPC jetzt arbeiten.

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