Weltweit geschätzt: Warum immer mehr Deutsche im Ausland arbeiten

- Berlin/München - Mehr als 150 000 Deutsche haben 2004 ihre Koffer gepackt, kehrten Freunden, Familien und der Bundesrepublik den Rücken. Immer mehr Bundesbürger suchen im Ausland vor allem eines: einen Job. Denn diesen finden sie innerhalb der deutschen Grenzen immer seltener.

Dieses Verhalten untermauert nun eine aktuelle Forsa-Umfrage, von "Stern-TV-Reportage" in Auftrag gegeben: 71 Prozent der Deutschen würden - bevor sie in der Heimat Hartz IV empfangen - in die Ferne schweifen.

Eine Einstellung, die Martin Werding, Sozialpolitik-Experte des Münchner Ifo-Instituts, für "plausibel" hält. Denn wer den heimischen Arbeitsmarkt als "vernagelt" empfindet, sucht nach Alternativen. Landesgrenzen spielen da für viele nur noch eine sekundäre Rolle. In über 200 Staaten hat es 2004 rund 150 000 Deutsche gezogen - von den USA (12 976), der Schweiz (12 818) bis hin nach Großbritannien (7842) und Spanien (7196). Tendenz steigend. 2003 beispielsweise waren es laut Statistischem Bundesamt noch 127 200 Deutsche, die ihrem Heimatland den Rücken kehrten.

Ebenso wie die Zahl derer, die sich einen Job im Ausland vorstellen können, nehmen auch die Anrufe in der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) zu, die zur Bundesagentur für Arbeit gehört. Über 60 000 Kontakte verzeichnete die Hotline 2005, teilte Sprecherin Sabine Seidler mit. Wenngleich nicht jeder, "der sich informiert, ins Ausland abwandert", betont Seidler. Denn der Sprung "vom sich vorstellen können" hin zum "ich packe meine Sachen" sei ein großer, wie Ifo-Experte Werding betont.

Vieles müsse zurückgelassen werden. Seine Brücken im eigenen Land ganz abzubrechen, halte viele Deutsche noch vor dem Schritt ins Ausland zu gehen ab.

Gleichzeitig ist er sicher, dass Menschen, die hier über Jahre hinweg keine Perspektive mehr sehen, diesen Schritt ernsthaft in Erwägung ziehen. Denn während der Prophet im eigenen Land meist wenig gilt, genießt er im Ausland hohes Ansehen. "Die Deutschen sind im Ausland sehr gefragt", unterstreicht Seidler. Die ZAV brachte im vergangenen Jahr insgesamt 12 702 Menschen im Ausland in Arbeit; 10 811 Stellen befinden sich davon in Europa. So gingen 2731 Deutsche in die Schweiz, 2493 nach Österreich, 158 Menschen nach Spanien. Insbesondere die Berufssparten des Baugewerbes, der Hotellerie und Gastronomie sowie Arbeitnehmer im medizinischen und Pflegebereich sind außerhalb der deutschen Grenzen gefragt.

England beispielsweise suche derzeit verstärkt Sozialpädagogen, sagt Seidler. Bevorzugt aus der Bundesrepublik, da diese Absolventen neben der fundierten Ausbildung meist auch noch gut die Sprache beherrschen. Außerdem gefragt in Großbritannien sind "Callcenter-Agents"; in Spanien neben Fachleuten im Tourismus ebenso Friseure und Masseure. Weltweit einen guten Stand haben insbesondere im Baugewerbe Tätige - vom Ingenieur bis zum Kranfahrer. In Australien können neben Bauingenieuren, Köchen oder Friseuren gleichermaßen Schreiner und Elektriker das Rennen machen.

Seidler bemerkte vor allem in den vergangenen Jahren, dass die Bereitschaft und Mobilität der Deutschen gestiegen ist. So überlegen laut Forsa-Umfrage aktuell 56 Prozent der Deutschen, für längere Zeit ins Ausland zu gehen. Werding hingegen betrachtet jene neuesten Umfrage-Werte mit etwas Skepsis. "Wir haben deshalb keine Migrationswelle zu erwarten", glaubt der Experte. Denn für ihn liegt zwischen Wollen und Tun noch immer ein großer Unterschied.

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