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320 Millionen Tonnen im Jahr: Weltweit steigt der Appetit auf Fleisch

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Von: Sebastian Hölzle

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Weltweit nimmt die Nachfrage nach Fleisch zu. Die Folgen: Größere Viehbestände, größere Schlachtbetriebe – und höhere Schäden für Umwelt und Natur.

München – Über 70 Seiten voller Zahlen, Diagramme und Landkarten: Am Dienstag haben der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung in Brüssel ihren Fleischatlas vorgestellt. Damit wollen die beiden Organisationen die Europäische Union auf Umweltfolgen im Zusammenhang mit dem weltweiten Fleischkonsum aufmerksam machen. In deutscher Sprache ist die Studie bereits im Januar erschienen. Die wichtigsten Zahlen, Daten und Fakten im Überblick.

Wie hat sich der Fleischkonsum in den vergangenen Jahren entwickelt?

Weltweit essen die Menschen immer mehr Fleisch. Laut Fleischatlas hat sich der Konsum in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. 2018 stieg der auf rund 320 Millionen Tonnen. Und der Trend ist offenbar nicht zu stoppen: Bis 2028 ist mit einem weiteren Wachstum der weltweiten Fleischnachfrage um 13 Prozent zu rechnen.

In welchem Land wird das meiste Fleisch gegessen?

In China. Die Volksrepublik ist laut den Studien-Autoren für ein Drittel des weltweiten Fleischverbrauchs verantwortlich. Das ist wenig überraschend, da China mit geschätzt 1,4 Milliarden Menschen das bevölkerungsreichste Land der Erde ist.

Wie sieht der Fleischverbrauch pro Kopf aus?

Beim Fleischkonsum pro Kopf liegt China lediglich im oberen Mittelfeld (siehe Grafik). An der Spitze liegen die USA und Australien – jeder US-Amerikaner und jeder Australier isst im Schnitt jedes Jahr über 100 Kilo Fleisch. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch im Durchschnitt bei 60 Kilo Fleisch.

Fleischatlas
Fleischatlas © dpa

Welche langfristigen Trends zeichnen sich ab?

Steigt der Wohlstand, wird mehr Fleisch gegessen – aber offenbar nur bis zu einer gewissen Grenze. „In den meisten Industrienationen liegt der Fleischkonsum seit Jahrzehnten relativ konstant auf hohem Niveau“, heißt es in der Studie. Und nicht nur das: „Seit einigen Jahren sinkt die Nachfrage in einigen Industrieländern leicht*, weil die Bedenken bezüglich Gesundheit, Tierwohl und Umwelt zunehmen.“ Dagegen steigt in den Ländern des Südens die Nachfrage bis 2028 viermal mehr als in den Industrieländern.

Welche Ursachen hat diese Entwicklung?

Grund ist weniger der steigende Pro-Kopf-Verbrauch als vielmehr das Bevölkerungswachstum. Beispiel Afrika: Die Studien-Autoren gehen davon aus, dass der jährliche Fleischkonsum pro Kopf in Afrika in den kommenden zehn Jahren gerade einmal von aktuell 17 auf dann 17,5 Kilo steigt. Da gleichzeitig mit einem kräftigen Bevölkerungswachstum zu rechnen ist, wird die Fleisch-Nachfrage des Kontinents insgesamt aber anziehen. Damit wird in Afrika bald mehr konsumiert als produziert – Afrika wird abhängig von Importen.

Welches Fleisch fragen die Menschen weltweit nach?

„Während der Anteil von Rind und Schaf am Gesamtkonsum abnimmt, essen die Menschen immer mehr Schwein und Geflügel“, schreiben die Autoren. Geflügel werde rund die Hälfte des globalen Zuwachses in den kommenden zehn Jahren ausmachen. „In den USA zum Beispiel ist der Pro-Kopf-Konsum von Rindfleisch in den vergangenen 30 Jahren um etwa ein Drittel zurückgegangen, während sich der von Geflügel mehr als verdoppelte.“ Grund für den weltweiten Geflügel-Boom: Das Fleisch ist billiger in Produktion und Verkauf und zudem fettärmer. Hinzu kommt, dass in vielen asiatischen und afrikanischen Ländern aus religiösen Gründen auf Schweinefleisch verzichtet wird.

Gibt es Unterschiede beim Fleischkonsum innerhalb der Länder?

Ja. Laut Fleischatlas nimmt in den industrialisierten Regionen der Erde der Fleischkonsum pro Kopf tendenziell mit höherer Bildung und höherem Einkommen ab. „Auch Frauen und Jugendliche essen weniger Fleisch als Männer.“ In Deutschland zum Beispiel verzehrten Männer im Durchschnitt etwa doppelt so viel Fleisch und Wurst pro Tag wie Frauen.

Warum ist 2019 trotz des Trends einer steigenden Nachfrage die Fleischproduktion zurückgegangen?

Grund war die Afrikanische Schweinepest. Die Tierseuche hat dazu geführt, dass die weltweite Fleischproduktion im Jahr 2019 erstmals seit 1961 um zwei Prozent verglichen mit dem Vorjahr gesunken ist, wie aus dem Fleischatlas hervorgeht. Demnach waren etwa 30 Prozent der Schweine in China infiziert. „Allein China hat im Jahr 2019 zwei Millionen Tonnen – also 37 Prozent – mehr Fleisch importiert als im Vorjahr.“ Dadurch haben sich weltweit die Gewichte verschoben: Brasilianische Erzeuger lieferten nach Ausbruch der Schweinepest Rekordmengen an Fleisch nach China. Auch in der EU legten die Schweinefleischexporte zeitweise kräftig zu.

Welche Folgen hat die Tierseuche für die Bauern?

Ein seit Jahren zu beobachtender Trend dürfte sich beschleunigen: Die Konzentration auf einige wenige Betriebe. Großbetriebe profitieren offenbar von der Schweinepest, weil Notschlachtungen bei Kleinbauern tiefere wirtschaftliche Spuren hinterlassen. Beispiel China: Laut Fleischatlas entfielen 2003 etwa 70 Prozent der chinesischen Schweineproduktion auf Betriebe mit bis zu 49 Tieren pro Jahr, nur drei Prozent des Schweinefleischs kam von Großbetrieben mit mehr als 10 000 Tieren. Der Konzentrationsprozess hat die Verhältnisse umgekehrt: 2022 werden voraussichtlich 42 Prozent der Gesamtproduktion in China aus Großbetrieben mit mehr als 10 000 Tieren stammen, Kleinbetriebe machen dann nur noch drei Prozent der Gesamtproduktion aus – dabei sind die Folgen der Schweinepest in diesen Zahlen noch gar nicht berücksichtigt.

Wie sieht der langfristige Trend auf der Angebotsseite aus?

Generell folgt das weltweite Fleischangebot der gestiegenen Nachfrage: Verglichen mit heute lag die produzierte Fleischmenge in den 1970er-Jahren bei etwa einem Drittel des heutigen Niveaus. Bis 2029 wird die Jahresproduktion voraussichtlich weiter steigen – um weitere 40 Millionen Tonnen auf über 360 Millionen Tonnen.

Wer sind die großen Erzeugerländer?

Das sind China, Brasilien, die USA und die EU-Staaten. „Gemeinsam könnten sie 2029 noch 60 Prozent des weltweiten Fleisches produzieren“, heißt es in der Studie.

Rinderherde in Brasilien
Rinderherde in Brasilien: Das südamerikanische Land zählt zu den größten Fleischerzeugern weltweit. © imago stock&people

Wie ist der Fleischmarkt weltweit strukturiert?

Der größte Fleischproduzent der Welt ist der brasilianische Konzern JBS. Laut Fleischatlas lässt er jeden Tag bis zu 75 000 Rinder, 115 000 Schweine, 14 Millionen Geflügeltiere und 16 000 Lämmer schlachten. Die größten Rind- und Schweinefleischhersteller in Europa sind Danish Crown (Dänemark), Groupe Bigard (Frankreich) und Tönnies (Deutschland). Trend der vergangenen Jahre: Kleine Fleischproduzenten werden aufgekauft, die verbliebenen Großunternehmen kontrollieren mehr und mehr den Markt und können bei den Bauern niedrige Preise durchsetzen – was wiederum die Konzentration in der Landwirtschaft beschleunigt. Zu den weltweit größten Investoren im Fleisch- und Molkereimarkt zählen laut Fleischatlas die US-Vermögensverwalter Blackrock, Capital Group und Vanguard. Viertgrößter Investor ist demnach der Pensionsfonds der norwegischen Regierung.

Welche Trends lassen sich noch beobachten?

„Immer weniger Tiere werden auf der Weide gehalten“, betonen die Studienautoren. Der größte Teil des Fleisches kommt heute demnach aus der Stallhaltung oder sogenannten „Feedlots“. Bei dieser Halteform werden Tiere unter freiem Himmel auf ähnlich kleiner Fläche wie im Stall gehalten.

Was sind die Folgen für Umwelt und Natur?

Die wachsende Zahl an Nutztieren erfordert immer mehr Futtermittel aus Getreide oder Ölsaaten. „Das wiederum bedeutet, dass Landflächen wie Wälder oder Wiesen in Äcker umgewandelt werden.“ Aufgrund all der negativen Auswirkungen auf Klima und Umwelt sei Fleisch daher zu einem der „besonders problematischen Konsumgüter unserer Welt geworden“. Mit Verweis auf Zahlen der Vereinten Nationen heißt es in der Studie: 2013 stammten knapp 15 Prozent aller Treibhausgasemissionen weltweit aus der Viehzucht. Bedenklich ist offenbar auch der vermehrte Einsatz von Pestiziden. Demnach haben sich die eingesetzten Mengen seit 1990 weltweit verdoppelt. Fleisch spielt hier insoweit eine Rolle, da Pestizide etwa beim Anbau von Sojabohnen für das Viehfutter zum Einsatz kommen. „Einige der gefährlichsten Stoffe wurden in der EU bereits verboten, kommen in anderen Teilen der Welt aber im großen Stil zum Einsatz.“ *24vita.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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