Weltweite Euphorie an den Märkten

München - Ob Börsenkurse, Währungen oder Rohstoffpreise - nach der US-Zinssenkung vom Dienstagabend gab es bei den Händlern kein Halten. An den Märkten kam es zu massiven Umwälzungen.

Unter dem Druck der Hypothekenkrise hat die US-Notenbank den Finanzmärkten ein deutliches Signal gegeben und zum ersten Mal seit vier Jahren ihren Leitzins gesenkt. Die Federal Reserve (Fed) verringerte den Satz für Tagesgeld überraschend deutlich um 0,50 Prozentpunkte auf 4,75 Prozent. Eine Mehrheit der Fachleute hatte eine Absenkung um lediglich 0,25 Punkte erwartet.

Die Verschlechterung der Kreditmarktkonditionen hätte das Potenzial, den Abschwung auf dem Immobilienmarkt zu verstärken und das Wirtschaftswachstum zu behindern, teilte die Notenbank mit. Der Zinsschritt habe das Ziel, negative Auswirkungen auf die allgemeine Wirtschaft abzuwenden. Die Notenbank werde die Auswirkungen auf die konjunkturellen Aussichten weiter verfolgen und "im erforderlichen Maße handeln", um Preisstabilität und Wirtschaftswachstum zu gewährleisten.

Niedrigere Zinsen verbilligen die Kreditaufnahme, was Unternehmen Investitionen erleichtert und so die Konjunktur stützt. Entsprechend überschwänglich reagierten die Börsen: New York, Tokio, Schanghai, Frankfurt, Zürich - rund um den Globus schossen die Kurse in die Höhe. Der amerikanische Dow-Jones-Index legte erstmals seit 2002 innerhalb eines Tages um über 300 Punkte zu und näherte sich seinem Rekordstand bei 14 000 Zählern. Der Dax übersprang die 7700 Punkte.

Auch im internationalen Devisenhandel folgten der Zinsentscheidung heftige Aktivitäten. Gegenüber dem Euro fiel der Dollar auf ein Rekordtief. Ein Euro wurde in New York vorübergehend mit 1,3989 Dollar gehandelt. Auch gegenüber dem Pfund und dem kanadischen Dollar verlor die US-Währung an Wert. Der kanadische Dollar näherte sich der Parität mit dem US-Dollar: In Toronto wurde ein Kurs von 98,64 US-Dollar für einen kanadischen Dollar notiert. Viele Experten erwarten, dass der Loonie, wie der kanadische Dollar nach der Darstellung eines Seetauchers genannt wird, den US-Dollar überholen wird.

Die Ölpreise in den USA haben mit mehr als 82 Dollar für ein Barrel (159 Liter) einen neuen Rekordstand erreicht. Damit übertreffen die USA deutlich das ohnehin hohe europäische Preisniveau. Schon kursieren Prognosen, die den Ölpreis in kurzer Zeit bei 90 oder 100 Dollar sehen. In der Vergangenheit haben sich derartige Vorhersagen jedoch als derart unzuverlässig erwiesen, dass kaum jemand in der Ölbranche sie noch ernst nimmt. Dass der Ölpreis über die nächsten Jahre gesehen eher steigt, ist dagegen weitgehend Konsens in der Fachwelt. Um die wachsende Nachfrage aus Ländern wie China und Indien zu befriedigen, müssen immer entlegenere und teuer zu erschließende Lagerstätten genutzt werden.

mm/ap/dpa

"Der richtige Schritt, um die Konjunktur zu stabilisieren"

Über die US-Zinssenkung sprachen wir mit Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz und Dresdner Bank.

- Die Börsen haben weltweit euphorisch reagiert. Wie lange kann diese Hochstimmung anhalten?

Die Märkte haben das richtig interpretiert, nämlich nicht als Signal für eine übermäßige Krise, sondern als richtigen Schritt, um die amerikanische Konjunktur zu stabilisieren. Ob die Euphorie lange anhält, muss man aber bezweifeln. Denn natürlich sind die Probleme in einzelnen Teilen des Finanzmarktes damit nicht behoben. Meines Erachtens werden die Märkte nun nicht gleich wieder in einen Aufschwung übergehen. Es ist eine Seitwärtsbewegung bei ziemlich hohen Schwankungen zu erwarten.

- Wie bedrohlich ist die US-Hypothekenkrise noch?

Das ist zunächst ein regionales Problem in den USA, das nicht leicht zu lösen ist. Es stehen viele Neuverhandlungen von Hypotheken an, die mit flexiblen Zinsen ausgestattet sind, sodass die Darlehensnehmer jetzt deutlich schlechtere Konditionen als in den vergangenen Jahren haben und entsprechende Belastungen tragen müssen. Die Phase mit Zwangsversteigerungen und Zahlungsausfällen wird noch eine Weile anhalten.

Darüber hinaus hatte dieses Problem über die Kapitalmärkte weltweite Auswirkungen und führte zu einer Liquiditätsverknappung im Bankensystem. Ich glaube, dass wir hier bald eine Beruhigung sehen werden, auch weil die Notenbanken gezeigt haben, dass sie bereit sind zu handeln und die Märkte funktionsfähig zu halten.

- Sollte nun die Europäische Zentralbank auf ihre bislang aufgeschobene Zinserhöhung verzichten?

Es gibt genügend Grund, die Zinserhöhung erst einmal zu unterlassen und sie auch nicht für einen späteren Zeitpunkt anzukündigen. Man muss jetzt sehen, wie die Auswirkungen der Konjunktur-Abschwächung in den USA auf die europäische Volkswirtschaft sind.

- Auch der Anstieg des Eurokurses wurde beschleunigt. Wird die Stärke der Währung zur Belastung für die exportorientierten Unternehmen?

Der Anstieg des Euro ist markant und es ist zu erwarten, dass er sich kurzfristig noch fortsetzt. Das ist jetzt schon ein dämpfender Faktor für die Exportkonjunktur der Euro-Länder. Und es wird den Exportzuwachs 2007 und 2008 begrenzen. Positiv ist auf der anderen Seite, dass der starke Euro die Importpreise dämpft - so schlägt auch der Anstieg des Ölpreises nicht so stark durch.

Interview: Dominik Müller 

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