Energiewende

Zu wenig Wind: Rosenheim setzt auf Holz

Rosenheim - Wind, Sonne, Geothermie – darauf setzen die meisten beim Umbau der Energieversorgung. Die Stadt Rosenheim geht einen anderen Weg – mit Holz und der modernen Variante einer alten Technik.

Wenn Götz Brühl, Geschäftsführer der Stadtwerke Rosenheim, über die Möglichkeiten nachhaltiger Stromproduktion nachdenkt, kann er die üblichen alternativen Energien schnell abhaken:

-Windenergie: Der Wind bläst im Chiemgau zu schwach und in den Bergen, wo er doch brauchbar wäre, würden Windräder die Landschaft verschandeln.

-Geothermie: Das Wasser ist selbst in tiefen Gesteinsschichten unter der drittgrößten Stadt in Oberbayern nicht heiß genug.

-Wasserkraft: Die Möglichkeiten der eigenen Gewässer hat die Stadt an der Mangfall mit sieben Wasserkraftwerken bereits ausgereizt.

-Photovoltaik: Für Götz Brühl ist dieser Strom viel zu teuer und seine Produktion nicht zuverlässig genug. „Photovoltaik ist, wie der promovierte Ingenieur sagt, schwer zu integrieren.“

Droht in Rosenheim also die Energiewende zu scheitern? Nein. Aus der Not haben die dortigen Stadtwerke eine Tugend gemacht. Sie setzen langfristig vor allem auf einen Rohstoff, den es dort reichlich gibt und der immer wieder nachwächst: Holz. „Holz ist leicht zu transportieren und lässt sich gut lagern“, sagt Brühl. Doch bis Holz zum wichtigsten Energieträger in Rosenheim wird, wird es noch dauern.

Vorerst ist bei der Selbstversorgung vor allem Erdgas im Einsatz. Und seit Jahren schon ein Müllheizkraftwerk. Denn ein Angelpunkt des Rosenheimer Wegs ist, möglichst wenig der eingesetzten Energie zu verlieren, damit möglichst viel bei den Kunden ankommt. Deshalb verkaufen die Stadtwerke nicht nur den Strom, sondern auch die bei seiner Erzeugung entstehende Wärme.

Das bestehende Fernwärmenetz wird zügig ausgebaut, weil neue Kraftwerkskapazitäten mehr Strom, aber auch mehr Wärme erzeugen. Inzwischen sind mehrere Gaskraftwerke im Einsatz.

Das sind riesige Verbrennungsmotoren, die fast 50 Prozent der eingesetzten Energie als Strom abliefern. Vom Rest fließt ein Großteil als Wärme in Rosenheimer Haushalte. 90 Prozent Gesamtwirkungsgrad schaffen die modernsten dieser Motoren. Auf 70 Prozent kommen die Stadtwerke Rosenheim insgesamt.

Bei Flaute gibt Rosenheim Gas

Ein Vorteil dieser Verbrennungsmotoren: Sie können blitzschnell auf Verbrauchsschwankungen reagieren. Viel schneller auch als die modernen Gasturbinenkraftwerke, auf die die Bundesregierung setzt. Sie eignen sich damit hervorragend zur schnellen Reaktion auf Wetterkapriolen. Das ist auch ein finanzieller Vorteil: Herrscht an den Windparks in Norddeutschland Flaute, gibt Rosenheim Gas und erzeugt möglichst viel Strom – der dann nicht teuer eingekauft werden muss. Überschüsse lassen sich sogar für gutes Geld verkaufen. Die überschüssige Wärme wird dabei erst einmal gespeichert.

Brennt dagegen die Sonne auf die Solardächer bayerischer Bauernhöfe, stehen die Rosenheimer Motoren still, weil Strom dann spottbillig an der Leipziger Strombörse zu kaufen ist. Gleichzeitig leiten die Stadtwerke dann bei Bedarf eigene gespeicherte Wärme ins Fernwärmenetz.

Das Konzept, das den hohen Schwankungen bei der Produktion von Wind und Sonnenstrom entgegenwirkt, ist heute schon einsetzbar – im Gegensatz zum Speicherkonzept der Bundesregierung, die auf Pumpspeicherkraftwerke setzt. Die vielen hundert dieser Wasserkraftspeicher, die dafür nötig wären, hält Brühl für unrealistisch.

Der nächste Schritt im Rosenheimer Energiekonzept ist der zunehmende Einsatz von Holz. Das Problem: Holzkraftwerke mit Dampfturbinen bieten nur eine geringe Stromausbeute von bis zu 15 Prozent, während sie fast das Vierfache an Wärme liefern. Ziel ist aber ein möglichst hoher Stromanteil. Auch deshalb schlägt Rosenheim einen anderen Weg ein: Holzgas. Die Technik ist nicht neu. Ältere erinnern sich an Fahrzeuge, die im und nach dem Zweiten Weltkrieg große beheizte Kessel huckepack trugen. Darin wurde bei hoher Temperatur aus Holzscheiten ein brennbares Gasgemisch gewonnen, das den Motor antrieb. Die Abgase allerdings waren schwer zu ertragen.

2025 keine CO2-Belastung mehr

Das Verfahren wurde nun in Rosenheim in bisher sieben Versuchsanlagen immer weiterentwickelt. Es steht nun vor der Umsetzung und verspricht eine Stromausbeute von 30 Prozent. Eine Geruchsbelastung ist nicht mehr bemerkbar. Wie im Auto treibt das Gas einen Verbrennungsmotor an. Ein Holzgaskraftwerk, das 150 Kilowatt elektrische Leistung liefert, nimmt den Betrieb bald auf. 2012 soll es insgesamt 2000 Stunden lang elektrische Energie liefern, 2014 stehen 4000 Stunden auf dem Plan und 2015 sogar 6000 Stunden. Bereits im kommenden Jahr soll eine zweite 150-Kilowatt-Anlage an einen Testkunden verkauft und der Bau einer weiteren mit 500 Kilowatt elektrischer Leistung in Angriff genommen werden.

Denn Rosenheim will nicht nur den Strom verkaufen, sondern auch das von eigenen Ingenieuren und Technikern entwickelte Wissen vermarkten. Neben Holz lässt sich auch Klärschlamm vergasen, der bisher wegen des hohen Wassergehalts nicht verbrannt werden kann und teuer entsorgt werden muss. Künftig soll er über die Vergasung wertvolle Energie liefern.

Das Ziel in Rosenheim ist ehrgeizig. 2025 soll die Stadt bei der Strom- und Fernwärmeversorgung unterm Strich die Atmosphäre nicht mehr mit Kohlendioxid belasten. Es ist aber erreichbar. Bereits heute hat die Stadt gegenüber 1990 die CO2-Emissionen um mehr als ein Drittel gesenkt.

Von Martin Prem

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