Weniger Geld für Kranke: Brauns Vorschlag stößt auf Widerstand

- München - Ludwig Georg Braun sorgt einmal mehr für Trubel. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hat erneut gefordert, die Gehälter von kranken Arbeitnehmern zu kürzen und damit seine politischen Gegener provoziert. Die Einsparungen durch die seit Jahren rückläufigen Krankenstände reichten nicht aus.

Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat ausgerechnet: 29,4 Milliarden Euro haben deutsche Unternehmen im vergangenen Jahr an erkrankte Beschäftigte überwiesen, während die zu Hause blieben. Ludwig Georg Braun ist das zu viel: "Ich bin dafür, dass Arbeitnehmer im Krankheitsfall in den ersten beiden Tagen keine Lohnfortzahlung erhalten", sagte er der Tageszeitung "Die Welt". Das stärke die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und schaffe Spielraum für Investitionen, so Braun, dessen Verband Sprachrohr von 3,6 Millionen Betrieben in Deutschland ist.

Einen ähnlichen Vorstoß hatte vor zwei Monaten schon ZDH-Präsident Otto Kentzler unternommen. Er hatte gefordert, Krankheitstage von Mitarbeitern auf deren Urlaub anzurechnen. Kleinere Betriebe könnten es sich nicht mehr leisten, ihren Beschäftigten nach langer Krankheit noch den Gesamtanspruch auf ihren Urlaub zu erfüllen, sagte der oberste Handwerker - damit rief er ähnlich viel Protest hervor wie jetzt Braun.

"Dass jetzt auch kranke Menschen zur Entlastung der Unternehmer herangezogen werden sollen, ist dreist und perfide", sagte IG-Metall-Chef Jürgen Peters. Bayerns SPD-Chef Franz Maget sagte: "Das ist eine olle Kamelle." Auch die Union nahm Abstand vom Vorschlag des DIHK-Präsidenten. Die wirtschaftspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Dagmar Wöhrl, nannte ihn nicht nachvollziehbar. Das Bundesgesundheitsministerium wies den Vorstoß zurück, da der Krankenstand so niedrig sei wie nie.

Tatsächlich bleiben die Deutschen seit Jahren immer seltener krankheitsbedingt zu Hause. "Die Zahlen gehen erheblich zurück", sagt Christian Vetter, Mitarbeiter am Wissenschaftlichen Institut der AOK, gegenüber unserer Zeitung. Bei der größten deutschen Krankenkasse sank der Krankenstand von 5,4 Prozent im Jahr 2000 auf 4,5 Prozent im vergangenen Jahr. Ursache ist laut Vetter eine Verjüngung der Arbeitnehmer, eine bessere Gesundheitsvorsorge sowie die Angst der Menschen vor einem Arbeitsplatzverlust.

Ähnliches melden auch die Barmer Ersatzkasse sowie die Betriebskrankenkassen, die 2004 ebenfalls einen "historischen Tiefstand" bei den Krankmeldungen notierten. Dabei profitierten die Unternehmen von dieser Entwicklung unter anderem dadurch, dass sie seit dem Jahr 2000 immer weniger Lohnfortzahlungen leisten mussten. Damals belief sich die gesamte Summe noch auf 31,8 Milliarden Euro - bis 2004 ging sie um 8,8 Prozent zurück. "Das ist aber immer noch eine enorme Belastung", sagt Jochen Pimpertz, Sozialexperte beim unternehmernahen IW. Er hält den Vorschlag von Braun für richtig, denn "das würde dazu führen, dass Menschen nur zu Hause bleiben, wenn sie ernsthaft erkrankt sind."

Die Forderungen von DIHK und ZDH sind nicht neu. 1996 hatte die schwarz-gelbe Regierung von Helmut Kohl eine ähnliche Kürzung der Lohnfortzahlung gesetzlich verankert - bis Rot-Grün sie 1999 wieder kippte. Die Regelung hatte aber ohnehin kaum Auswirkungen, da sie in den Tarifverträgen nicht angewendet wurde. "Die Unternehmen ließen sich damals erpressen", sagte Reinhard Dörfler Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern unserer Zeitung. Der damalige Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) sieht das anders: Die Firmen seien umgefallen. "Es gab einen richtigen Dominoeffekt."

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