Wenn der Arzt mit "Igeln" lockt: Vorsicht bei Zusatzbehandlungen

- Während die Politik noch erbittert um ein Fundament für das Gesundheitswesen der Zukunft ringt, ist in deutschen Praxen längst schon ein neuer Trend auf dem Vormarsch: Der Verkauf medizinischer Extras. Immer häufiger passiert es Kassenpatienten, dass ihr Arzt ihnen Sondertherapien, Vorsorgeuntersuchungen oder Zusatzbehandlungen anbietet, die privat bezahlt werden müssen, angeblich mehr Qualität bieten und nicht mehr über Chipkarte abgerechnet werden können.

<P>"Schätzungsweise die Hälfte der Ärzte versucht inzwischen schon, mit Hilfe solcher Zusatzeinnahmen die eigene wirtschaftliche Situation aufzubessern", vermutet Daniela Hubloher, Gesundheitsexpertin der Verbraucherzentrale Hessen. Marketing-Firmen böten Medizinern und Helferinnen bereits komplette Schulungspakete und Seminare an. Damit könnten "Verkaufsgespräche" trainiert werden, zuweilen schon am Empfangstresen oder dann später im Behandlungsstuhl.</P><P>Kosten für die Extras<BR>schwanken immens</P><P>Einige Kranke bekommen auf dem Weg ins Wartezimmer eine Art Preisliste in die Hand gedrückt, auf der sie Extra-Behandlungswünsche ankreuzen und dann beim Arzt abgeben sollen. "Das ist eine ganz neue Dimension im Verhältnis zwischen Arzt und Patient", mahnt Hedwig Telkamp, Verbraucherschützerin in München, betroffene Kassenpatienten zur Vorsicht. Statt Vertrauen in den Mediziner sei Zurückhaltung gegenüber dem Unternehmer angesagt. "Bloß nicht unter Druck setzen lassen, schon gar nicht in der Praxis", meint auch Hubloher. Denn so manche Leistung, die extra gehen soll, wird womöglich doch von der Kasse bezahlt. Und schon gar nicht jede ist unbedingt notwendig.</P><P>"Bei den Krankenkassen nachfragen lohnt sich", betont Telkamp. Die meisten halten eigens eine Hotline für Rückfragen bereit. Was Mediziner auf Privatrechnung anbieten, heißt abgekürzt "Igel": Individuelle Gesundheitsleistungen. Sie wurden 1998 eingeführt und umfassen alles, was nicht medizinisch notwendig ist. Dazu gehören beispielsweise die Anti-Aging-Medizin, kosmetische Eingriffe oder das Entfernen von Tattoos. Gynäkologen offerieren aber auch immer häufiger Extra-Blutbilder, Krebsvorsorge wie Ultraschalluntersuchungen oder Zusatzdiagnostik für Schwangere. Augenärzte raten zur separaten Glaukomuntersuchung auf private Rechnung, Hausärzte bieten reisemedizinische Beratung gegen Bares, Dermatologen ein Extra-Hautscreening. Zahnärzte legen ihren Patienten Prophylaxemaßnahmen dringend ans Herz, "über die vor drei Jahren nicht geredet wurde", wie die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg kritisiert. Die Kosten für die Extras schwanken immens.</P><P>Empfehlungen nicht<BR>blind vertrauen</P><P>Wichtig zu wissen für Patienten ist: Nicht alle offerierten "Igel" fallen automatisch von vornherein aus dem Leistungskatalog der Kassen. Grenzfälle sind möglich. Ein kurzer Anruf bei der Kasse kann deshalb Geld und Ärger ersparen: So braucht niemand privat zu zahlen, wenn bei ihm ein begründeter Verdacht auf Hautkrebs besteht. Liegt ein auffälliger Tastbefund oder erbliche Vorbelastung vor, muss auch keine Mammographie aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Diese wird von der Kasse übernommen. "Für die Zukunft heißt das: Patienten müssen sich immer schlau machen und nicht blind auf die Empfehlungen der Ärzte-Unternehmer vertrauen", betont Telkamp.</P><P>Argumente, gegen einen Aufpreis "in besserer Qualität" oder durch "besondere Geräte" behandelt zu werden, müssten sehr kritisch gesehen werden. Von Rechts wegen gilt: Ärzte dürfen Kassenleistungen nicht aus finanziellen Gründen einfach privat in Rechnung stellen.<BR></P>

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