+
Das Lehrgeld ist meistens nicht besonders üppig. Deutsche Auszubildende haben im Bedarfsfall Anspruch auf Berufsausbildungsbeihilfe. Bei Kriegsflüchtlingen ist die Lage schwieriger, hier gibt es eine Förderlücke.

Arbeitsmarkt

Wenn Flüchtlinge in die Lehre gehen

  • schließen

München - Viele Betriebe in Bayern haben Probleme, Lehrlinge zu finden. Gleichzeitig gibt es junge Flüchtlinge, die gerne eine Ausbildung beginnen würden. Noch erschweren gesetzliche und bürokratische Hürden den Zugang zum Ausbildungsmarkt. Doch das ändert sich – langsam. Der Traum von der Ausbildung rückt näher.

Mustafa Mamo (28) und sein Bruder Ibrahim (23) sind zwei von tausenden jungen Männern, die am 1. September eine Ausbildung in Bayern beginnen. Die Ausbildungsverträge sind unterschrieben. Mustafa macht eine Lehre zum Feinwerkmechaniker in Weilheim, sein kleiner Bruder lernt Kfz-Mechaniker in Murnau. Was die beiden allerdings von den meisten anderen Lehrlingen unterscheidet: Die Brüder sind Kriegsflüchtlinge aus Syrien.

Auch wenn die beiden fließend deutsch sprechen, leben sie erst seit gut zwei Jahren in Deutschland. Die beide haben mittlerweile eine Aufenthaltsgenehmigung und eine Arbeitserlaubnis. Sie müssen nicht fürchten, abgeschoben zu werden – wie viele andere in ihrer Berufsschulklasse. Bei den meisten der zwölf anderen jungen Männer und Frauen läuft das Asylverfahren noch – oder sie sind lediglich „geduldet“, wie es im Fachjargon heißt.

Der Aufenthaltsstatus der Brüder ist auch für ihre Ausbildungsbetriebe viel wert. Doch trotz Rechtssicherheit steht die Ausbildung der beiden auf wackligen Beinen. Das Problem der Brüder ist nicht der sogenannte Aufenthaltsstatus, sondern die Finanzierung während der Ausbildung: Bisher bekommen Mustafa und Ibrahim Mamo, die gemeinsam in Weilheim wohnen, Hartz IV. Mit dem Ausbildungsstart ist es damit vorbei. Dann wird es schwer, alleine mit dem Lehrlingsgehalt, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Familie der beiden lebt in Syrien. Sie sind auf sich alleine gestellt.

Andere Jugendliche können in einer solchen Situation Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) beantragen. Für Flüchtlinge ist das nicht so einfach. Hier gebe es eine Förderlücke, die sich aus dem Zusammenwirken verschiedener Gesetze ergebe, heißt es bei Verbänden und Behörden. Die Rechtslage ist kompliziert. Für Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, ist der entscheidende §59 im Sozialgesetzbuch (SGB) III kaum zu verstehen. Hier ist aufgeführt, wer, wann, unter welchen Voraussetzungen Anspruch auf BAB hat (siehe Kasten). Oft gilt für Flüchtlinge, die wie die Brüder Mamo eine Ausbildung beginnen wollen, eine mehrjährige Wartezeit, bevor sie Anspruch auf BAB haben.

„Nach aktueller Gesetzeslage können wir jungen Asylbewerbern und Geduldeten erst nach einer Wartezeit von mindestens vier Jahren Angebote wie berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen oder assistierte Ausbildung anbieten“, schildert Markus Schmitz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Bayern der BA, die Situation. Das sei viel zu spät. „Der Bund könnte hier schnellstens für Abhilfe sorgen. Es bedürfte dafür keines Gesetzes, sondern lediglich einer Verordnungsgrundlage,“ sagt Schmitz. Für europäische Jugendliche würde diese schon existieren, für junge Menschen aus Drittstaaten werde dies jetzt dringend benötigt, so der Arbeitsmarktexperte.

Dafür spricht auch die Lage auf dem bayerischen Ausbildungsmarkt. Zahlreiche Betriebe suchen momentan händeringend nach Auszubildenden. Mehr als 35 000 Lehrstellen im Freistaat sind noch nicht besetzt (Stand: Ende Juni). Dem stehen knapp 25 000 unversorgte Bewerber gegenüber. Auch wenn sie in den kommenden Wochen alle noch einen Ausbildungsplatz finden würden, bleibt eine Lücke von rund 10 000 offenen Lehrstellen. Gleichzeitig befinden sich in Bayern derzeit rund 3300 jugendliche Asylsuchende in berufsvorbereitenden Berufsschulklassen. Sie könnten den Azubi-Mangel dämpfen – theoretisch.

„Das Problem ist, dass viele junge Leute, die ausbildungsbegleitende Hilfen bräuchten, von der Förderung ausgeschlossen sind“, sagt Hubert Schöffmann, bildungspolitischer Sprecher des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags (BIHK). Er hat oft mit Betroffenen zu tun. „Wenn jemand bereit und fit für eine Berufsausbildung ist, soll er unabhängig von seinem Aufenthaltsstatus eine Ausbildung starten und beenden können“, findet er.

Ähnlich sieht das Christoph Karmann. Er ist Ausbildungsakquisiteur für junge Flüchtlinge bei der Handwerkskammer (HWK) für München und Oberbayern. Sein Job ist es, junge Flüchtlinge in Handwerksbetriebe zu vermitteln. „Es geht im Wesentlichen um drei Kernpunkte“, erklärt er. „Sprache, Bleiberecht und ausbildungsbegleitende Maßnahmen.“

Beim Thema Sprache gebe es viel Informationsbedarf. „Manche Betriebe denken, dass die jungen Flüchtlinge gar kein deutsch sprechen. Das ist aber nicht der Fall – schließlich besuchen sie berufsvorbereitende Berufsschulklassen.“

Beim Thema Bleiberecht arbeiten bayerische Wirtschaftsverbände und Kammern gemeinsam daran, Rechtssicherheit zu schaffen. Denn: „Ohne Rechtssicherheit für Betrieb und Lehrling hängt ein Damoklesschwert über der Ausbildung“, so Karmann. Das entsprechende Projekt „3+2“ soll gewährleisten, dass Flüchtlinge, die eine Ausbildung in Bayern starten, drei Jahre während der Lehre und zwei Jahre danach, nicht abgeschoben werden können – unabhängig vom Aufenthaltsstatus.

Erst kürzlich wurde hier ein Etappensieg errungen. Mit der Reform des Bleiberechts dürfen Asylbewerber aus unsicheren Herkunftsländern, die in einer Berufsausbildung stehen, künftig drei Jahre in Deutschland bleiben. Die Duldung wird für ein Jahr erteilt – und während der Ausbildung entsprechend verlängert. Allerdings gibt es Einschränkungen: Zum Beispiel muss die Lehre vor Vollendung des 21. Lebensjahres begonnen werden. Die neue Regelung bringe Betrieben kaum etwas, kritisiert deshalb Georg Schlagbauer, Präsident des Bayerischen Handwerkstages (BHT). Auch vom BIHK kommt Kritik. Die Planungssicherheit für Unternehmen und Auszubildende sei nicht komplett erfüllt, heißt es dort.

Beim Thema „Ausbildungsbegleitende Maßnahmen“ spielt die Berufsausbildungsbeihilfe eine wichtige Rolle. Auch hier ist zumindest Besserung in Sicht: Ab dem 1. August 2016 beträgt die Wartezeit, bis Flüchtlinge (mit entsprechendem Status) BAB beantragen können, nicht mehr wie bisher 48 sondern 15 Monate. „Junge Flüchtlinge, die jetzt in die Lehre gehen, müssen sich noch ein Jahr gedulden“, sagt Karmann.

Mustafa und Ibrahim Mamo haben bereits Ausbildungsbeihilfe beantragt. Sie haben zwar gute Chancen mit ihrem Status: „Ausländer mit Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen nach §25, Absatz 2“ können grundsätzlich BAB ohne Wartezeit beantragen. Noch sind die Anträge der Brüder allerdings nicht bewilligt. „Wenn wir kein BAB bekommen, müssen wir uns wenn nötig mit Nebenjobs über Wasser halten“, sagt Mustafa Mamo. Den Traum von der Berufsausbildung lassen sich die Brüder nicht nehmen. Sie werden alles daran setzen, ihn zu verwirklichen – notfalls auch ohne Hilfe.

Manuela Dollinger

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Keine Machtübernahme von Hastor bei Grammer
Seit fünf Monaten machten Vorstand und Belegschaft des Autozulieferers Grammer Front gegen den unbeliebten Großaktionär Hastor. Jetzt fällte die Hauptversammlung eine …
Keine Machtübernahme von Hastor bei Grammer
Dax fehlt vorm Feiertag weiter der Schwung
Frankfurt/Main (dpa) - Trotz guter Konjunkturdaten aus Deutschland hat der Dax am Mittwoch etwas schwächer geschlossen. Mit einem kleinen Abschlag von 0,13 Prozent auf …
Dax fehlt vorm Feiertag weiter der Schwung
Komitee empfiehlt Opec-Förderlimit bis Frühjahr 2018
Es war ein historischer Schulterschluss: Die Opec hatte mit anderen wichtigen Förderländern eine Öl-Drosselung beschlossen. Die Vereinbarung soll nun wohl um neun Monate …
Komitee empfiehlt Opec-Förderlimit bis Frühjahr 2018
Linde und Praxair wollen "Zusammenschluss unter Gleichen"
Zu einem Weltkonzern will Linde-Aufsichtsratschef Reitzle sein Unternehmen machen und dafür mit dem Konkurrenten Praxair zusammengehen. Das ruft Gewerkschafter und …
Linde und Praxair wollen "Zusammenschluss unter Gleichen"

Kommentare