Direktversicherungen

Wenn Kassenbeiträge die Rente auffressen

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München - Für viele Neurentner ist es eine bittere Erkenntnis. Über Jahrzehnte haben sie zusätzlich fürs Alter gespart. Doch dann fressen Steuern und Krankenkassenbeiträge einen großen Teil der Zusatzrente wieder auf.

Der Name klingt harmlos. Doch das Gesetz zur Modernisierung der Krankenversicherung, das Anfang 2004 in Kraft trat, enthält drastische Einschnitte. Dazu gehören höhere Zuzahlungen für Arzneimittel, ein Sonderbeitrag für Versicherte für Zahnersatz und Krankengeld – und eine kräftige Belastung für Rentner: Gesetzlich Versicherte müssen seit der rot-grünen Reform auf die Altersvorsorge aus Direktversicherungen und Pensionskassen den vollen Beitrag für die Kranken- und Pflegeversicherung zahlen. Bisher war nur die Hälfte fällig. „Die Krankenkassenbeiträge schlagen bei vielen Rentnern stärker zu Buche als die Steuern“, sagt Susanne Arndt, Verbraucherberaterin beim VerbraucherService Bayern in Neufahrn.

Wer ist betroffen?

Grundsätzlich gilt die Regelung nur für gesetzlich Versicherte. Privatversicherte zahlen einen festen Monatsbeitrag – unabhängig von der Höhe ihrer Rente und sonstigen Einnahmen. Betroffen sind Rentner, die über den Arbeitgeber eine Direktversicherung oder eine Betriebsrente abgeschlossen haben. Sie müssen auf die monatliche private Rente den vollen Beitrag zur Krankenversicherung bezahlen. Der Satz liegt derzeit bei 15,5 Prozent. Hinzu kommt der Beitrag zu Pflegeversicherung in Höhe von 2,05 Prozent (Kinderlose: 2,3 Prozent). Das bedeutet: Über 17 Prozent weniger Auszahlung für die Betroffenen. Viele Rentner sind vor allem verärgert, weil man ihnen bei Abschluss der Versicherung noch gesagt hatte, die Auszahlung sei beitragsfrei. Im Vertrauen darauf haben sie über Jahrzehnte gespart. Doch Widerstand ist in den meisten Fällen aussichtslos. Der Sozialverband VdK ist bis vor das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gezogen – ohne Erfolg.

Was gilt bei einer Einmalzahlung?

Auch wer sich die Erträge aus einer Direktversicherung zu Rentenbeginn auf einmal auszahlen lässt, bleibt seit 2004 nicht mehr verschont. Um die monatlichen Kassenbeiträge zu berechnen, wird die Einmalzahlung auf zehn Jahre (120 Monate) verteilt. Ein Beispiel: Wer 100 000 Euro bekommt, muss im Monat gut 146 Euro Beitrag für Kranken- und Pflegeversicherung zahlen. Auf zehn Jahre gesehen, summiert sich dies auf mehrere tausend Euro.

Gibt es Ausnahmen?

Es gibt lediglich eine Ausnahme von der Regelung – das hat das Bundesverfassungsgericht Ende September 2010 bestätigt (Az.: 1 BvR 1660/08): Wer nach seinem Ausscheiden aus dem Betrieb nicht nur die Beiträge selbst gezahlt, sondern gleich den ganzen Altersvorsorgevertrag komplett übernommen und privat weitergeführt hat, darf nicht mit Kranken- und Pflegebeiträgen belegt werden. Wichtige Voraussetzung: Die Police muss auf den Versicherungsnehmer und nicht auf den Betrieb ausgestellt sein. „Steht der ehemalige Arbeitgeber noch im Versicherungsschein, gelten auch selbstfinanzierte Direktversicherungen für Arbeitnehmer als betriebliche Altersvorsorge, mit der Folge, dass darauf Beiträge zur Krankenversicherung zu entrichten sind“, schreibt die Verbraucherzentrale Hamburg.

Wie können sich Betroffene Geld zurückholen?

Pflichtversicherte Rentner, die als Versicherungsnehmer einen Teil der Beiträge für ihre Direktversicherung selbst getragen haben, nach dem Ausscheiden aus dem Betrieb weiter Beiträge gezahlt und den Vertrag auf sich überschrieben haben, können eine Beitragsrückerstattung verlangen. Ein Beispiel: Aus einer Direktversicherung werden im Alter 90 000 Euro ausbezahlt. 50 000 stammen aus Prämienzahlungen beim früheren Arbeitgeber. 40 000 Euro hat der Versicherte nach dem Ausscheiden aus dem Betrieb selbst aufgebracht. Für diesen Anteil sind keine Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge fällig.

Betroffene sollten sich zunächst von der Direktversicherung bestätigen lassen, welche Beiträge während der Beschäftigung beim früheren Arbeitgeber und welche von einem selbst, nach der Beendigung des Arbeitsverhältnisses, eingezahlt wurden. „Legen Sie diese Bescheinigung Ihrer Krankenkasse vor und verlangen Sie eine Neuberechnung Ihres Krankenversicherungsbeitrags für die Zukunft und eine Rückzahlung der zu viel erhobenen Beiträge für die Vergangenheit“, empfiehlt die Verbraucherzentrale Hamburg. Zu viel gezahlte Beiträge werden maximal vier Jahre rückwirkend erstattet. Wer noch nicht in Rente ist, aber eine Direktversicherung weiterführt, sollte prüfen, ob er wirklich selbst im Versicherungsschein eingetragen ist. „Ansonsten sollte die Police schleunigst auf den eigenen Namen umgeschrieben werden“, sagt Arndt.

Wo gibt es Hilfe?

Weitere Informationen und persönliche Beratung zum Thema Krankenkassenbeiträge auf Direktversicherungen bietet der VerbraucherService Bayern. Es gibt Beratungsstellen in München (Telefon: 089/596278) und in Neufahrn (08165/60748). Unterstützung bietet auch die Verbraucherzentrale Bayern (Telefon: 089/53 98 70).

Steffen Habit

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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