Wenn Lärm zum Schaden wird

München - Ein einmal erlittener Gehörschaden ist nicht heilbar. Darauf weist die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung hin. Langjährige, hohe Geräuschpegel etwa am Arbeitsplatz können das Ohr genauso irreparabel zerstören wie ein einziger "Knalleffekt". Deswegen ist Lärmschutz die beste Prävention. Ist das Hörvermögen aber erstmal beschädigt, gibt es oft Ärger um die Folgen.

Mehr als fünf Millionen Menschen sind am Arbeitsplatz gehörschädigendem Lärm ausgesetzt. Mit rund 5000 neuen Fällen jährlich ist Lärmschwerhörigkeit die zweithäufigste Berufskrankheit in Deutschland. Deswegen gilt am Arbeitsplatz ein Grenzwert von 85 Dezibel für die zulässige Tagesbelastung. Gefahr für das Gehör droht aber nicht nur am Arbeitsplatz. Auch in der Freizeit gibt es viele Belastungen, die das Ohr schädigen: Jugendliche stopfen sich Kopfhörer von MP3-Playern in den Gehörgang und besuchen Diskotheken.

Am Arbeitsplatz sorgt der Arbeitgeber im Regelfall für Lärm- und Gehörschutz. In der Freizeit ist jeder für sich selbst verantwortlich. Wer springt aber ein, wenn der Chef auf seinen Beschäftigten nicht aufpasst oder in der Freizeit unvernünftig gehandelt wird?

Berufskrankheit Hörschaden

Die Anerkennung einer Lärmschwerhörigkeit als Berufskrankheit erfordert eine längjährige Belastung am Arbeitsplatz durch Lärm von mindestens 85 Dezibel. Sind die Voraussetzungen einer Lärmschwerhörigkeit erfüllt, so besteht Anspruch auf Verletztenrente aus der gesetzlichen Unfallversicherung nur, wenn hierdurch die Erwerbsfähigkeit um wenigstens 20 Prozent gemindert ist. Bei geringerer Beeinträchtigung könnte allenfalls eine sogenannte Stützrente, nicht aber eine eigenständige Verletztenrente beansprucht werden.

Der Dirigent

Ein Dirigent, der an einer berufsbedingten Lärmschwerhörigkeit leidet, verlangte von der Berufsgenossenschaft die Übernahme der Kosten für ein digitales Hörgerät in Höhe von 2630 Euro. Der dafür vorgesehene Festbetrag beträgt aber nur 1650 Euro. Um die Differenz ging es vor dem Landessozialgericht Rheinland-Pfalz, wo der Dirigent - 26 Jahre lang ehrenamtlich als Ausbilder tätig - schließlich gewann. Das höherwertige Hörgerät musste (ausnahmsweise) bezahlt werden, weil damit die "Folgen der anerkannten Berufskrankheit im Rahmen einer für ihn sehr bedeutsamen privaten Betätigung im gesellschaftlichen Leben" kompensiert werden. (AZ: L 3 U 73/06)

Der Steinmetz

Ein Steinmetz aus Bayern, der unter anderem mit Presslufthammer, Flex und Rüttelbock arbeitete, wollte seine ärztlich festgestellte Schwerhörigkeit als Berufskrankheit anerkannt bekommen, um Leistungen aus der DGUV beziehen zu können. Es stellte sich heraus, dass der Hörschaden im Hochtonbereich tatsächlich als lärmverursacht anzuerkennen war; dagegen im Tieftonbereich eine "lärmuntypische pantonale Schwerhörigkeit" in einem Ausmaß vorlag, die keineswegs durch Lärm verursacht sein konnte. Dennoch sprach ihm das Bayerische Landessozialgericht eine Entschädigung zu. (AZ: L 17 U 75/05)

Das Pop-Konzert

Eine 13-Jährige war während eines Popkonzertes einer Boy-Group 90 Minuten lang dem Schall der zwei Meter entfernten Boxen von 104 Dezibel ausgesetzt. Sie verlangte später Schmerzensgeld vom Veranstalter in Höhe von 4500 Euro, weil sie einen Tinnitus sowie eine "hochgradige, lärmtraumatische Innenohrschädigung" davontrug. Das Oberlandesgericht Koblenz sprach ihr das Geld zu. Der Veranstalter hatte seine Verkehrssicherungspflicht verletzt - das Mädchen musste sich kein Mitverschulden anrechnen lassen. (AZ: 5 U 1324/00) Ähnlich entschied das Landgericht Nürnberg-Fürth. Dort hatte die Rockgruppe "Bon Jovi" dafür gesorgt, dass eine Besucherin, die in der Mitte des Zuschauerfeldes stand, so heftig beschallt worden war, dass sie ein Lärmtrauma und einen Tinnitus erlitt. Auch hier wurde sie von der Mitschuld freigesprochen. Obwohl sie nur "drei bis fünf Meter" von der nächsten Box entfernt stand, durfte sie darauf vertrauen, dass der Veranstalter Einfluss auf die Tontechniker oder auf die Band nähme, um Schäden zu verhindern. (AZ: 6 O 4537/04)

Die Aufführung

Ein Besucher von Goethes "Faust" in einem Theater verlangte Schadenersatz vom Betreiber, weil er durch den Knall aus einer Schreckschusspistole einen Hörschaden erlitt - vergebens. Es stellte sich heraus, dass der Mann bereits vorher einen Tinnitus hatte. Er habe wissen müssen, dass es in den Aufführungen nicht nur leise zugehe. Der Bundesgerichtshof (BGH) stellte zwar per Sachverständigengutachten eine Lautstärke von 128 Dezibel fest. Da der Schuss aber eine kurzfristige Lärmbeeinträchtigung gewesen war, konnte ein Hörschaden daraus nicht resultieren, so der BGH. (AZ: VI ZR 332/04)

Der Faschingsumzug

Der Organisator eines Faschingsumzugs sollte dafür verantwortlich gemacht werden, dass eine Närrin durch Böllerschüsse aus Weinbergkanonen einen Hörschaden erlitt. Das Landgericht Trier urteilte jedoch, dass sich die Frau davor durch Zurücktreten aus der ersten Reihe hätte selbst schützen können. Es könne vom Veranstalter nicht erwartet werden, dass er "sämtliche mitgeführten Gerätschaften vorher mittels Sachverständigengutachten per Schalldruckmessung untersuchen lässt", so das Gericht. (AZ: 1 S 18/01)

Weitere Urteile zum Thema Böller

Schüler können nur dann für die Verletzung eines Mitschülers haftbar gemacht werden, wenn sie vorsätzlich gehandelt haben. Wirft ein (hier: 13-jähriger) Junge auf dem Schulhof einen "Böller" in eine Gruppe Mädchen und explodiert der Kracher in Gesichtshöhe, so kann kein Schadenersatz durchgesetzt werden, wenn die Tat "schulbezogen" war und aus "Imponiergehabe und Neckerei" resultierte. (Bundesgerichtshof, VI ZR 163/03)

Unbekannte Objekte

Ohne "unbekanntes Flugobjekt" gibt's kein Geld. Kann der Gegenstand, der von einem- eigentlich unbeladenen - Lkw auf ein Auto gefallen war und dabei die Windschutzscheibe "mit einem lauten Knall zerschlagen" hat, nicht gefunden werden und leidet die Fahrzeugführerin seitdem an einem Hörschaden, kann sie kein Schmerzensgeld von der Kfz-Haftpflichtversicherung des Lkw-Fahrers verlangen, wenn ihm kein "schuldhaftes Verhalten" nachgewiesen wird. (Oberlandesgericht Karlsruhe, 14 U 114/99)

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