Wenn sich Agenten als Praktikanten tarnen

Berlin - Wirtschaftsspionage ist ein Tabuthema: Aus Angst vor einem Imageschaden machen deutsche Firmen die Angriffe nur selten öffentlich. Auch die Bundesregierung verschweigt die Umtriebe fremder Staaten - aus diplomatischen Gründen. Dabei spionieren ausländische Agenten so aggressiv wie nie zuvor.

Chen Yonglin ist einer von weltweit tausenden Gesandten der Volksrepublik China. Als Mitarbeiter eines Konsulats wäre Chen eigentlich zu einer diplomatischen Wortwahl verpflichtet gewesen. Was der chinesische Konsularbeamte jedoch zur Wirtschaftsspionage sagte, ließ an Klarheit nichts zu wünschen übrig: "Jeder Student, jeder Geschäftsmann, der ins Ausland gelassen wird, steht in der Schuld der Partei. Er revanchiert sich als Spitzel und als Denunziant."

Nachzulesen ist das denkwürdige Zitat im jüngsten Bericht des Verfassungsschutzes. Bereits lange vor den ersten Angriffen chinesischer Hacker, die Bundeskanzlerin Angela Merkel auf ihrem China-Besuch zur Sprache brachte, hatte der deutsche Inlandsgeheimdienst vor dem immer aggressiver werdenden Auftreten ausländischer Spione gewarnt. Neben Ministerien, Fachbehörden und militärischen Objekten rücken zunehmend Unternehmen ins Visier der Dienste. Gefährdet sind vor allem Firmen, die Hochtechnologie entwickeln - Rüstungsgüter, Messgeräte, Computer- oder Telefonsysteme, Solar- und Windkraftanlagen sowie Verkehrstechnik. Während Konzerne wie EADS, BMW oder Siemens mit hohem Aufwand eigene Geheimschutzabteilungen unterhalten, können sich Mittelständler und Kleinbetriebe nur selten ausgeklügelte Sicherheitskonzepte leisten. Häufig werde die Bedrohung auch schlicht unterschätzt, beklagt die Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft (ASW).

Über das wahre Ausmaß der Wirtschaftsspionage gibt es nur vage Schätzungen: Eine Studie der Universität Lüneburg taxiert den Schaden auf jährlich rund 50 Milliarden Euro. Im Einzelfall kann beim Raub einer Patentidee auch die Existenz des gesamten Unternehmens auf dem Spiel stehen. Mehr als zwei Drittel der für die Studie befragten Betriebe sind bereits Opfer von Wirtschaftsspionage geworden. Am häufigsten spionieren die eigenen Mitarbeiter das Wissen der Betriebe aus, gefolgt von inländischen Konkurrenz- oder Kooperationsunternehmen. Ausländische Organisationen kommen erst an dritter Stelle.

Laut Bundesamt für Verfassungsschutz sind China und Russland in der Industriespionage besonders präsent. "Während die russischen Dienste noch mit klassischen Agenten arbeiten, sind die Chinesen hauptsächlich auf dem elektronischen Sektor aktiv", so Vizepräsident Hans Elmar Remberg. Die jüngsten Hacker-Attacken auf das Bundeskanzleramt und drei Ministerien bestätigen diese Einschätzung. Allerdings bedient sich China immer öfter auch vermeintlich harmloser Praktikanten und Gaststudenten, um in deutschen Firmen und Universitäten an Betriebsgeheimnisse zu gelangen. Diese jungen Spione seien "ausgestattet mit Fleiß, Bildungshunger, Karrieredenken und Erwerbsstreben", so der Verfassungsschutz.

Der Großteil der hauptamtlichen Spione sitzt an den offiziellen Botschaften und Konsulaten der jeweiligen Staaten. Wegen ihres Diplomatenstatus sind die Botschaftsmitarbeiter vor Strafverfolgung geschützt. Russland, China und andere Staaten beschäftigen auch Journalisten, um unauffällig deutsche Gesprächspartner abschöpfen zu können.

Obwohl Deutschland weltweit zu einem der bedeutendsten Aufklärungsziele geworden ist und immer wieder Wirtschaftsspione enttarnt werden, leitete die Justiz im vergangenen Jahr nur 25 Ermittlungsverfahren gegen Verdächtige ein. Häufig werden ausländische Agenten nach der Enttarnung diskret des Landes verwiesen. Die Aktivitäten der amerikanischen, französischen und britischen Geheimdienste, die ebenfalls die deutsche Wirtschaft ausforschen, werden im Bericht des Verfassungsschutzes überhaupt nicht erwähnt.

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