Wenn der Vorstand in der Südsee ankert

- München - Die Aktionäre der Unterschleißheimer Comroad AG konnten noch so fluchen auf der Hauptversammlung, ihr Geld bekommen sie nicht wieder. Bevor herauskam, dass Firmengründer Bodo Schnabel fast den kompletten Umsatz erfunden hatte, lag der Preis für einen Comroad-Anteil über 60 Euro. Heute sind die Aktien kaum das Papier wert: 19 Cent. Nachher ist man immer schlauer. Vorher gibt es Alarmsignale, die den Aktionär misstrauisch machen sollten.

<P>Hat man aufs falsche Pferd gesetzt, hilft es auch nicht, wenn sich die Börsen allgemein erholen. Der Deutsche Aktienindex Dax erreichte gestern ein neues Jahreshoch (siehe Kasten). Die Comroad-Aktie dümpelte weiter. Wer Einzelwerte im Depot hat, sollte die dazugehörigen Unternehmen gut beobachten und auf Alarmsignale achten. Nicht immer sind sie Grund zur Beunruhigung und manchmal verstecken sich echte Gründe zur Sorge woanders doch lohnt es sich, auf Nebengeräusche zu hören, die sich mitunter als das Wiehern falscher Pferde entpuppen.</P><P>Verschleppte Bilanz</P><P>Den Jahresabschluss einer Aktiengesellschaft muss ein Wirtschaftsprüfer testieren. Dafür gibt es Stichtage. Und wehe, ein Unternehmen hält diese nicht ein. Harmlose Begründungen für solche Fälle gab es schon viele. Harmlose Gründe umso weniger.<BR><BR>Knapp bei Kasse</P><P>Sind Bilanz sowie Gewinn- und Verlustrechnung veröffentlicht, sollte der Aktionär einen genauen Blick darauf werfen. Ein einfacher Anhaltspunkt: Wieviel Kapital wird verbraucht und wie groß ist die verfügbare Liquidität? "Reicht das Geld nur noch für einige Monate, ist Gefahr im Verzug", warnt Iris Albrecht, Geschäftsführerin des Vermögensverwalters Fundmarket Deutschland.<BR><BR>Umsatzwunder</P><P>Eine Spezialität aus der Blütezeit des Neuen Marktes: Ein Unternehmen brüstet sich mit "250 Prozent Wachstum" - im Umsatz versteht sich. Dass der Verlust fast genauso hoch ausfällt wie die Erlöse, wird im Kleingedruckten zugegeben - wenn überhaupt. Wer seine Produkte zum Spottpreis verramscht, kann viel umsetzen und große Marktanteile erobern. Doch auf Dauer türmen sich die Verluste auf.<BR><BR>Kaufrausch</P><P>Oft liegt im Kaufrausch die Ursache für ein Umsatzwunder, nämlich dann, wenn andere Firmen übernommen werden. "Bei riesigen Akquisitionen sollte man vorsichtig werden", rät Iris Albrecht. "Hat die Aktion Sinn gemacht? Übernimmt sich das Unternehmen nicht?"<BR><BR>Zahlensalat</P><P>Viele Zahlen, aber wenig Aussage - so versuchte sich schon mancher durchzumauscheln. Wer sich allein auf einen Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Sondereffekten beruft, gibt so viel preis wie ein Model im Wintermantel bei der Misswahl.<BR><BR>Rotations-Prinzip</P><P>Was im Fußball als Erfolgsrezept gilt, ist im Unternehmen alarmierend. Vorsicht bei Wechselspielen im Vorstand und dauernden Strategieänderungen. "Mit sowas wird manchmal versucht, nach dem rettenden Strohhalm zu greifen", urteilt Iris Albrecht. Besonders verdächtig ist, wenn der Finanzvorstand ohne nachvollziehbare Gründe den Posten räumt. Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass an den Zahlen gedreht wurde oder noch gedreht werden soll.<BR><BR>Wirtschafts-Kapitäne</P><P>Steht der Chef regelmäßig in der Klatschspalte und gibt er Interviews über seine neue Segeljacht, die vor einer Südsee-Insel ankert, ist der Blick auf das Tagesgeschäft womöglich verschwommen.<BR><BR></P>

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