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Reinhard Ploss, 58, ist Ingenieur und begann schon 1986 in der Chipsparte von Siemens, die später zu Infineon wurde. Seit Oktober 2012 ist er Vorstandsvorsitzender des Dax-Konzerns

Reinhard Ploss im Interview

Infineon-Chef: "Wer durchatmet, hat verloren"

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München - Vor 15 Jahren entstand der Dax-Konzern Infineon. Vorstandschef Ploss erzählt, wie Chips heute unseren Alltag bestimmen, wann Autos ohne Fahrer fahren werden und warum er morgens panisch aufwacht.

Herr Ploss, vor 15 Jahren wurde Infineon gegründet. Konnten Sie sich damals vorstellen, wo heute überall Chips drinstecken?

Wir wussten, dass unsere Chips die Energieeffizienz steigern können und die Elektronik in Autos an Bedeutung gewinnen würde. Die Intelligenz, die heute in einer Motorsteuerung steckt, ist beeindruckend: Das ist praktisch ein chemisches Kraftwerk. Alle Prozesse werden überwacht und gesteuert, damit so wenig CO2 wie möglich ausgestoßen wird. Die Entwicklung ist inzwischen sogar noch weiter fortgeschritten, als wir damals dachten.

Und dass heute alle mit Tablet-Computern herumlaufen, hat sich das auch schon abgezeichnet?

Einen so tiefgreifenden Wandel haben wir damals nicht erwartet. Dafür dachten wir, dass man beim Thema Datensicherheit schon weiter wäre. Das Problem ist aber, dass die Menschen Daten und die Bedrohung durch deren Diebstahl kaum wahrnehmen. Der Mensch hat kein Gefühl dafür. Das sieht man am besten daran, wie die Leute ihr Online-Banking sichern. Die meisten benutzen immer noch Pin- und Tan-Nummern.

Wie schützen Sie sich beim Online-Banking?

Man kann an den PC ein Terminal anschließen, in den man seine Geldkarte stecken und die Pin-Nummer eingeben muss. So ein Gerät besitze ich. In dieses Extrakästchen kann sich niemand einhacken. Bei so sensiblen Dingen wie dem Online-Banking sollte man Hilfsmittel verwenden, die im ersten Moment vielleicht ein wenig mühsam sind, aber eine deutlich größere Sicherheit bieten als eine Tan-Nummer per SMS, die gekapert werden kann.

Kommt denn die Entwicklung zu mehr Sicherheitsbewusstsein noch?

Eher langsam. Für die Menschen muss das funktionieren wie Instant-Kaffee: reinkippen, umrühren, fertig. An diesem Punkt sind wir bei der IT-Sicherheit noch nicht. Vielleicht wächst aber das Bewusstsein für Gefahren durch die immer wiederkehrenden Nachrichten über gestohlene E-Mail-Konten oder die Entwicklung beim mobilen Bezahlen.

Sie meinen das Bezahlen mit dem Handy ?

Technisch ist es heute schon möglich, mit dem Handy zu bezahlen. Die Technik steckt in der Sim-Karte, wo man quasi ein kleines, sicheres Bankkonto unterbringen kann. Das Bezahlen funktioniert dann kontaktlos, man hält das Handy nur an das Kassenterminal und der Betrag wird abgebucht. Allerdings sind noch zu wenige Kassen mit so einem Terminal ausgestattet. In vielen anderen Ländern kann man aber zum Beispiel schon heute Fahrkarten mit dem Handy kaufen: Man hält beim Ein- und Aussteigen das Handy an ein Gerät und der Fahrpreis wird abgebucht.

Kann man sich da nicht auch reinhacken?

Das ist so sicher wie der Chip auf einer Geldkarte: Das ist ein Hochsicherheitstrakt für Daten und man kann nur mit dem passenden Schlüssel hinein. Wenn man allerdings nicht auf sein Handy aufpasst, kann es Probleme geben. Aber die gibt es auch, wenn man nicht auf seinen Geldbeutel aufpasst.

Oft merkt man gar nicht, wo im Alltag überall Chips drinstecken, oder?

Stimmt, viele wissen nicht, wie viel Elektronik in ihrem Leben steckt, dass zum Beispiel der Staubsauger einen kleinen Computer enthält. Der regelt die Saugstärke und merkt, wann der Beutel voll ist. Da steckt eine Menge Intelligenz drin. Die Waschmaschine misst heute, wie viel Wasser sie braucht, die Heizung wird schon lange elektronisch gesteuert. Die Menschen nehmen all dies nicht mehr wahr und halten es für selbstverständlich.

Sie haben die Elektronik im Auto angesprochen. In welchen Modellen stecken Infineon-Chips?

Wir sind praktisch überall auf der Welt in fast allen Modellen vertreten. Deutschland ist sicher der Leitmarkt, wenn es um Innovationen im Automobilbau geht. Das ist ein Riesenvorteil für uns. Bei der Entwicklung des i3 haben wir zum Beispiel eng mit BMW zusammengearbeitet. Dort wollte man ein Elektroauto bauen und hat sich gezielt nach einem Partner umgeschaut, der gut mit sehr viel Strom umgehen kann. BMW wusste, dass Infineon das beherrscht und direkt vor der Tür sitzt.

Wie viele Chips stecken denn in solchen Autos?

In jedem Standard-Auto steckt heute eine Menge Elektronik: die Airbags, die LEDs der Innenbeleuchtung, die elektronischen Gurtstraffer, die Scheibenwischer – alles wird durch Chips gesteuert, die wir anbieten. Bei Elektroautos kommen noch die Steuerung des Elektromotors, der Batterieladung und der Rückspeisung der Bremsenergie dazu. 1990 wurden im Durchschnitt pro Auto Chips im Wert von gut 60 Dollar verbaut, heute sind es 334 Dollar – in Luxuswagen sogar mehrere Tausend.

Ihre Mitarbeiter müssen ständig Neues erfinden, wie entscheiden Sie, welche Idee Sie vorantreiben?

Innovation birgt immer ein Risiko, man kann sich auch verrennen. Man braucht das nötige Durchhaltevermögen – und ein Management, das einschätzen kann, wann man lieber aufhört. Es gibt bei uns das Prinzip: Eine Idee muss nach einem Jahr einen internen Kunden finden, der die Entwicklung dann bezahlt und vorantreibt. Wer die Idee hat, muss sie nicht komplett umsetzen, aber er muss wie bei Start-Ups Begeisterung dafür wecken. Das funktioniert ganz gut.

Aber woher wissen Ihre Leute, in welche Richtung sie denken müssen?

Infineon denkt heute stärker in Systemen, nicht mehr nur in einzelnen Produkten. Wir stellen uns die großen Fragen: Wie wird ein Auto morgen funktionieren? Wie kann autonomes Fahren ohne Fahrer funktionieren? Wie könnte die Welt morgen ausschauen? Beim Mobiltelefon gab es lange einen europäischen Platzhirsch, aber die Leute wollten irgendwann gar kein simples Handy mehr, sondern einen mobilen Zugang zum Internet und bequemen Services – die Apps. Wir wollen Trends frühzeitig erkennen. Der gefährliche Wettbewerb kommt nicht von hinten, den erkennt man im Rückspiegel. Die Konkurrenz kommt aus der Seitenstraße. Wir wollen neue Konkurrenten nicht nur früh erkennen, sondern auch selbst aus der Seitenstraße kommen und andere überraschen.

Was sind denn die Trends von morgen?

Es gibt nicht den einen Trend, sondern viele. Nehmen wir zum Beispiel die Auto-Industrie: Die individuelle Mobilität wird meiner Meinung nach erhalten bleiben. Der große Trend wird sein, den Fahrer immer stärker zu entlasten und damit auch einen stetigeren Verkehrsfluss zu erzeugen. Fahren ganz ohne Eingreifen eines Fahrers wird es wohl erst 2030 oder 2040 geben. Heute gibt es eine Nachfrage nach amerikanischen Elektroautos wie dem Tesla, das ist quasi ein internetfähiges Wohnzimmer auf vier Rädern. Generell wird die Vernetzung immer wichtiger und das Internet entwickelt sich von einer Plattform zum Daten- und Informationsaustausch zu einem Steuerungsinstrument in allen Bereichen des Lebens – Stichwort Internet der Dinge. Dazu gehört auch Industrie 4.0, die vernetzte Produktion. Erneuerbare Energien werden ebenso weiter an Bedeutung gewinnen. Während wir in Deutschland endlos diskutieren, setzen sich die Erneuerbaren in China seit Jahren durch – allerdings unauffälliger.

Was kritisieren Sie an der deutschen Diskussion?

Heute stimmt der Fokus nicht mehr. Wir müssen ihn von der Erzeugung hin zur Nutzung verschieben. Es war richtig, am Anfang die Erzeugung erneuerbarer Energien zu unterstützen. Aber Deutschland hat es bislang versäumt, sich um die effiziente Energienutzung zu kümmern. Der Perspektivenwechsel ist wichtig. Die Angebotsseite wird dem Industriestandort nicht mehr viel weiterhelfen. Aber wir sollten Systeme für Energiemanagement, -verteilung, -speicherung, und -umwandlung entwickeln. Das könnte ein Exportschlager werden.

Die Kanzlerin hat die europäische Industrie gewarnt, nicht den Anschluss im digitalen Zeitalter zu verpassen. Fühlen Sie sich angesprochen?

Infineon lebt in einem Umfeld der konstanten Bedrohung. Wir haben mal Speicher- und Kommunikationschips hergestellt, mussten uns dann aber komplett neu erfinden. Durch diese Erfahrung haben wir zumindest bei der Wahrnehmung, wie stark der Wettbewerb ist, einen Vorteil. Wir wissen, dass wir unsere Stärke jeden Tag erneuern müssen. Das haben viele andere Unternehmen so noch nicht erfahren.

Sind die andere Unternehmen träge geworden?

Konzepte, die lange sehr erfolgreich sind, bergen eine Gefahr: Unternehmen erkennen die schleichende Veränderung nicht rechtzeitig und stellen zu spät fest, dass ihr Erfolgskonzept keines mehr ist. Wenn etwas lange gut funktioniert, wachen Sie nicht jeden Tag in Panik auf.

Sie wachen jeden Morgen in Panik auf?

(lacht) Ich bin höchstens fünf Sekunden lang beunruhigt, dann lassen wir uns etwas einfallen. In der Halbleiterbranche gilt: Wer meint, durchatmen zu können, hat schon verloren.

Sie haben zuletzt in Malaysia und Dresden investiert. Ihre Zentrale ist aber in Neubiberg. Bleiben Sie in Bayern?

Wir haben keinen Anlass, Bayern zu verlassen. Natürlich hätten wir aber den Wunsch, dass Bayern mehr für seine industrielle Hochtechnologie tut.

Inwiefern?

Ich bin ein großer Fan von Forschungsförderung, um Ideen aus den Startlöchern zu helfen und den Weg bis zur Markteinführung eines Produktes zu ebnen. Allerdings sollte der Staat nicht zu lange subventionieren, sondern nur eine Starthilfe geben.

Werden Sie in Neubiberg wachsen? 

Wir wachsen hier moderat. Deutschland ist unser Standort für Forschung und Entwicklung, in Deutschland arbeiten derzeit knapp 8700 unserer weltweit mehr als 27 700 Mitarbeiter, rund 5500 davon in Bayern. Hier in Neubiberg ist und bleibt unsere Zentrale, hier treffen wir unsere unternehmerischen Entscheidungen.

Hat Infineon Probleme, Fachkräfte zu finden?

Eigentlich nicht. Seit wir vermitteln, dass das, was wir tun, Bedeutung für die Gesellschaft hat, ist es für junge Menschen attraktiv, zu uns zu kommen. Unsere Produkte helfen, die Welt ein wenig besser zu machen: weniger Energieverbrauch, weniger CO2 bei mehr Lebensqualität – und das nachhaltig! Wir haben außerdem eine sehr offene Unternehmenskultur, spannende Themen, spannende Technik. Das spricht sich herum.

Zum Schluss der Blick in die Zukunft: Wie sieht Infineon in 15 Jahren aus?

Anders. Trotzdem wird die Elektronik für den Automobilbau eines unserer Standbeine bleiben. Für Datensicherheit gilt das genauso, wie für die effiziente Nutzung von Energie. Wir werden immer noch in Bayern sein. Und wir werden weiter erfolgreich sein, weil der Wille zur Veränderung, der Wille zum Erfolg da ist.

Interview: Bettina Bäumlisberger und Philipp Vetter

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