Werbung kontra Monopol auf Rechtsrat

- München - Die Zeiten sind vorbei, als ein Rechtsanwalt in seiner Kanzlei auf Mandanten warten konnte. Eine Anwaltsschwemme rollt über den Markt, alleine in München kommt ein Anwalt auf 116 Einwohner. Weiter fordert die EU, das langjährige Beratungsmonopol der Rechtsanwälte abzuschaffen. Diese Situation verlangt Ungewohntes von den Anwälten: Sie müssen Werbung treiben.

Schon die Zahl der zugelassenen Rechtsanwälte gibt dem Berufsstand Anlass zur Sorge. Gute 133 000 sind es in ganz Deutschland, fast doppelt so viele wie vor zehn Jahren. 100 000 Juristen befinden sich in Ausbildung. Noch ist es immerhin so, dass in Deutschland nur zugelassene Rechtsanwälte juristischen Rat erteilen dürfen. Aber im Frühjahr hat die Bundesregierung den Entwurf eines neuen Rechtsdienstleistungsgesetzes veröffentlicht. Danach dürfen auch Nichtanwälte rechtlich beraten. Der Architekt zum Beispiel soll seinen Bauherren bei Handwerkerverträgen beraten dürfen, Rechtschutzversicherer ihre Kunden.

Die Anwaltschaft sieht das mit Grausen. "In diesen Fällen ist eine unabhängige Beratung nicht gewährleistet, weil der Berater nicht einzig die Interessen des Kunden im Auge hat", erklärt der Präsident des Bayerischen Anwaltverbandes, Anton A. Mertl. Der Rechtsanwalt als Organ der Rechtspflege dagegen sei alleine seinem Mandanten verpflichtet und dürfe keine widerstreitenden Interessen vertreten.

Da trifft es sich gut, dass seit einigen Jahren nach und nach das Standesrecht der Anwälte gelockert wurde. Während ihnen früher mehr Werbung als ein Schild vor der Tür nicht erlaubt war, dürfen sie heute mit Mitteln werben, die "sachlich und berufsbezogen" sind.

Die Rechtsanwälte aber schrecken noch zurück. Werben war lange nichts für den seriösen Anwalt. Erst langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass Öffentlichkeitsarbeit und Marketing probate Mittel sein können. Auch der Zeitaufwand für Strategien wird von denjenigen gescheut, die heute jede Minute ihres Tages benötigen, ihr Geld zu verdienen. "Interesse am Kanzleimarketing ist kaum vorhanden. Sobald das Stichwort fällt, laufen viele davon", berichtet Julia von Kuester, die erste und einzige Marketingfachfrau, die in einem Anwaltverband - nämlich dem Bayerischen - als Marketing-Geschäftsführerin angestellt ist.

Von Kuester greift deshalb schon mal zu Tricks: Beim ersten Bayerischen Anwaltstag in München hielt sie den überraschten Tagungsbesuchern, die eigentlich zur Fortbildung in Arbeits- und Gebührenrecht angereist waren, den offiziell für später vorgesehen Vortrag übers Marketing direkt nach der morgendlichen Begrüßung - Türmen unmöglich.

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