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Der Visionär: Werner von Siemens gehört zu den Wegbereitern der Moderne. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, den Alltag der Menschen durch grundlegende Innovationen auf dem Gebiet der Kommunikation und Energie zu verändern.

Zum 200. Geburtstag des Firmengründers

Wie Siemens einen Weltkonzern schuf

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München - Was 1847 in einer Hinterhofwerkstatt begann, ist heute ein Weltkonzern: Siemens. Gründer Werner von Siemens veränderte mit seinen Erfindungen das Leben von Millionen Menschen. In der heutigen Start-up-Szene wäre er ein Star. Sein Erfolgsrezept? Neue Ideen, Tatendrang und starker Familiensinn.

Fein säuberlich aufgereiht liegen rostige Feilen auf der Werkbank. Holz- und Metallspäne bedecken die Tischplatte. An der Wand steht ein Schmelzofen, auf dem Schreibtisch Kohlezeichnungen, ein vergilbtes Familienfoto. Und daneben: der Zeigertelegraf. Die Erfindung, die die Brieftaube ablöste, weil plötzlich jeder Nachrichten verschicken konnte. Die Erfindung, mit der Werner Siemens den Grundstein für das Weltunternehmen legte, das heute noch seinen Namen trägt. Gebaut in der Werkstatt, die er 1847 in einer Berliner Hinterhofwohnung eröffnete.

Der Erfinder: Am Siemens-Hauptsitz in München können Besucher die nachgebaute Siemens-Werkstatt bestaunen.

Heute liegt die Werkstatt, originalgetreu nachgebaut, am Wittelsbacherplatz in München. Hier hat Siemens seit 1945 seinen Hauptsitz, weltweit arbeiten 348 000 Menschen für den Konzern. Durch ein Schaufenster können Passanten, die an der nagelneuen Konzernzentrale vorbeikommen, die Keimzelle des Unternehmens bestaunen. Den Schreibtisch, an dem Siemens im 19. Jahrhundert seine Erfindungen austüftelte. Innovationen, die in einer Zeit ohne Strom, Telefon und Eisenbahn den Alltag von Millionen Menschen veränderten.

Der Erfinder Werner Siemens, der heute 200 Jahre alt geworden wäre, revolutionierte die Nachrichtenübertragung, die Energieerzeugung, die Gebäude-Beleuchtung und den Antrieb von Maschinen. Er verband naturwissenschaftliche Begabung und unternehmerischen Spürsinn. Er war Erfinder und Unternehmer in Personalunion.

Der Familienmensch: Hans Werner von Siemens mit seiner zweiten Frau Antonie und seinen sechs Kindern.

In einem Brief an seinen Bruder Carl schrieb Siemens 1865: „Ideen an und für sich haben nur einen sehr geringen Wert. Der Wert einer Erfindung liegt in der praktischen Durchführung.“ Als „praxisnah und marktorientiert“, gleichzeitig willensstark und risikobereit, beschreibt auch der Historiker Johannes Bähr Werner Siemens in seiner neuen Biografie. „Ein Mann, der schwer aufzuhalten war, wenn er sich etwas vorgenommen hat.“

Und Willensstärke war vonnöten. Denn die Startbedingungen für Siemens waren alles andere als einfach. Siemens wurde am 13. Dezember 1816 als viertes von 14 Kindern in Lenthe bei Hannover geboren, mitten auf dem norddeutschen Land. Ganz Mitteleuropa litt unter den Folgen der Napoleonischen Kriege. Die Zeiten waren hart, die finanzielle Lage der Eltern, Pächter eines Landguts, schwierig. Weil Geld für Schulgebühren fehlte, verließ Werner 1834 ohne Abschluss das Gymnasium. Er trat in die preußische Armee ein – mit dem Ziel, dort eine naturwissenschaftliche Ausbildung zu bekommen. In seinen „Lebenserinnerungen“ beschreibt er den dreijährigen Besuch der Artillerie- und Ingenieurschule in Berlin als schönste Zeit seines Lebens. Die Ausbildung bildete die Basis für seine spätere Arbeit.

Der Traum vom Leben als „Erfinderunternehmer“, so wird er oft genannt, musste allerdings noch warten. Nach dem Tod der Eltern 1839 und 1840 lastete auf Werner als zweitältestem Sohn (der Erstgeborene war verstoßen worden) viel Verantwortung. Für drei der neun minderjährigen Geschwister übernahm er die Vormundschaft, zeitweise lebten die Brüder in seiner Berliner Wohnung. Erst Jahre später, als nach der Firmengründung 1847 die Einkünfte anderweitig gesichert waren, verließ Siemens die Armee. Mit knapp 31 konnte er sich nun endlich ganz seinen Erfindungen widmen – und das mit bahnbrechendem Erfolg.

Die Idee, die ihm zum Durchbruch verhalf, hatte er beim Militär aufgeschnappt. Denn die Armee interessierte sich in dieser Zeit vor allem für schnelle und sichere Nachrichtenübertragungen. Und so setzte Siemens, der zu dieser Zeit hoch verschuldet war, alles auf eine Karte und entwickelte einen Zeigertelegrafen, der zuverlässig arbeitete und allen bisherigen Apparaten dieser Art überlegen war. Zur Übertragung von Nachrichten wurde der Zeiger beim sendenden Apparat auf den gewünschten Buchstaben gestellt, was den Zeiger auch beim empfangenden Gerät verstellte. Ein Quantensprung in der Kommunikation – vorbei war die Zeit der Brieftauben und optischen Telegrafen.

Um den Telegrafen industriell herstellen zu können, gründete er mit dem Feinmechaniker Johann Georg Halske, der das nötige handwerkliche Geschick mitbrachte, und mit dem Geld eines Vetters die „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“. 1848 erhielten die Partner den ersten Großauftrag – den Bau einer 650 Kilometer langen Telegrafenlinie von Berlin nach Frankfurt am Main. Der Grundstein für Siemens als Staatszulieferer war gelegt.

Ur-Ur-Enkelin Nathalie von Siemens

In einem Berliner Hinterhof lag die Werkstatt im ersten Stock, drüber wohnte Siemens, drunter Halske. Von hier aus entwickelte sich – befeuert durch immer neue Erfindungen – schnell ein international tätiges Unternehmen mit hunderten Mitarbeitern. Als Meilenstein gilt vor allem, aufbauend auf die Arbeiten des Briten Michael Faraday, die Erfindung des dynamoelektrischen Prinzips 1866 – der Grundstein für die Nutzung der Elektrizität zur Energieversorgung. Für Aufsehen sorgte 1879 die erste elektrische Eisenbahn, die Siemens bauen und in Berlin fahren ließ. Und auch vor waghalsigen Unternehmungen schreckte der Unternehmer nicht zurück. Als Telegrafenkabel nach Nordamerika und Vorderasien verlegt wurden, war Siemens oft selbst an Bord – er riskierte sein Leben, denn zahlreiche Schiffe sanken. Weltbekannt wurde das Dampfschiff Faraday, mit dem Siemens 1874 das erste transatlantische Telegrafenkabel verlegen ließ – was erst im dritten Anlauf gelang.

Neben seinen technischen Innovationen und seinem Unternehmergeist machte sich Siemens auch mit sozialpolitischen Initiativen einen Namen. So etablierte er 1872 eine Pensions-, Witwen- und Waisenkasse als betriebliche Altersversorgung. Das sicherte die Loyalität der Mitarbeiter, in einer Zeit, in der gutes Personal schwer zu finden war.

Bei der Expansion der Firma spielten auch die starken Familienbande eine wichtige Rolle. Werner Siemens hatte die Vision eines multinationalen Familienunternehmens und holte seine Brüder mit ins Boot. Als Vorbild nannte er einmal das weitverzweigte Bankhaus Rothschild, das als Familienunternehmen geführt wurde. Die Siemens-Brüder sollten alleinige Teilhaber der Firma werden und ihre „Weltfirma“ später an die nächste Generation übergeben, so der Plan. Und so leitete Wilhelm Siemens bald die Geschäfte in London, Carl agierte von St. Petersburg aus, Walter saß in der Dependance in Tiflis, Georgien. „Die Loyalität untereinander war ein wichtiger Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg“ schreibt auch Historiker Bähr. 1881 stieg Siemens’ Kompagnon Halske aus dem Unternehmen aufgrund „unterschiedlicher Auffassungen“ aus. Siemens war nun gänzlich in Familienhand.

Und das sollte noch lange so bleiben. Bis zu seinem Tod 1892 wehrte sich Werner Siemens dagegen, die Firma in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Kritiker bemängelten, dass das Unternehmen bereits viel zu groß für eine eigentümergeführte Personengesellschaft war. Doch Siemens trieb die Sorge vor einem Machtverlust der Familie um. „Für augenblicklichen Gewinn verkaufe ich die Zukunft nicht“, schrieb er 1884 seinem Bruder Carl. Siemens selbst hatte mit seinen beiden Frauen – seine erste Frau Mathilde verstarb früh – drei Söhne und drei Töchter, die nach und nach ins Unternehmen einstiegen. Erst fünf Jahre nach seinem Tod ging Siemens & Halske schließlich an die Börse.

Die Familie spielt aber auch heute noch eine wichtige Rolle. Sie hält sechs Prozent der Anteile an der Siemens AG – der Name „Halske“ verschwand 1966. Nathalie von Siemens, die Ur-Ur-Enkelin des Gründers, sitzt im Aufsichtsrat. Die 45-Jährige wird sogar als nächste Vorsitzende gehandelt, wenn der gegenwärtige Chefkontrolleur Gerhard Cromme 2018 abtritt. Damit würde erstmals seit 35 Jahren wieder ein Familienmitglied auf eine Spitzenposition im Unternehmen rücken. Das hätte Werner von Siemens, der vier Jahre vor seinem Tod von Kaiser Friedrich III. in den Adelsstand erhoben wurde, gefallen.

Biografie

Zum 200. Geburtstag des Gründers ist die Biografie „Werner von Siemens 1816 – 1892“ des Historikers Johannes Bähr im Verlag H.C. Beck erschienen (29,90 Euro).

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