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Wie aus Forschung Wirtschaft wird

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Start-ups stehen für Innovationen in allen Lebensbereichen: Sie entwickeln Technologien für die vernetzte Welt, im Kampf gegen Krebs oder den Hunger in der Welt. Nicht selten stammen die Ideen aus Instituten der Fraunhofer-Gesellschaft. Die Forschungseinrichtung gilt als die Start-up-Schmiede Deutschlands.

München – Film ab: Leon Szeli startet die Aufnahme. Auf seinem Tablet erscheinen fünf Bilder gleichzeitig – dasselbe Motiv aus fünf Perspektiven. Mit der Hand wischt er über den Bildschirm und die Perspektive wechselt – links unten wird ein Text eingeblendet, wie im Fernsehen. Das Ganze geht live online.

Möglich macht die Übertragung eine App, die man bei Szeli und seinen Kollegen kaufen kann. Im Fokus stehen Veranstalter von Musik- oder Sport-Ereignissen oder Unternehmen, die ihre Konferenzen, Vorträge oder Produktvorstellungen aufnehmen – und damit live ihre Social-Media-Kanäle speisen wollen. „Die Idee dahinter ist, dass jeder, der auf einem Event ist, seine Perspektive filmen kann, die jeweils beste Einstellung geht dann live online an den Zuschauer. Das ist kostengünstiger als ein Kamerateam und viel authentischer“, erklärt Szeli das Geschäftsmodell.

Der 23-Jährige hat im November 2016 gemeinsam mit drei anderen Studenten das Start-up Higgs gegründet, um mit dem Live-Streaming Geld zu verdienen. Dabei stammt die Ursprungstechnologie hinter der App nicht von den Gründern selbst, die zum Teil noch studieren, sondern von Wissenschaftlern der Fraunhofer-Gesellschaft. Bei Higgs wurde sie weiterentwickelt. Zusammengebracht wurden Wissenschaftler und Gründer von „Fraunhofer Venture“ – der Start-up-Schmiede innerhalb der Fraunhofer-Gesellschaft und der TU München.

Fraunhofer, Europas größter Organisation für anwendungsorientierte Forschung, hat seit mittlerweile 15 Jahren eine eigene Abteilung, die sich darum kümmert, dass Start-ups Fuß fassen können. Die Anfänge reichen bis in die 1990-er Jahre zurück. „Damals ist das Thema Start-ups von den USA nach Deutschland rüber geschwappt“, erzählt Thomas Doppelberger, der „Fraunhofer Venture“ leitet. In den USA wurden beinah täglich neue Technologie-Firmen gegründet. Am „Neuen Markt“ herrschte Aufbruchsstimmung.

In Deutschland hatte man zu dieser Zeit wenig Erfahrung mit Start-ups, vor allem nicht mit solchen, die aus Forschungsinstituten heraus gegründet werden. „Es standen viele Fragen im Raum: Darf man überhaupt ein Unternehmen aus einem Institut heraus gründen? Wie läuft das mit den Patenten? Und vor allem: Welche Finanzierungsmöglichkeiten gibt es?“, zählt Doppelberger auf.

Die Politik sei auf Fraunhofer zugekommen, um all diese Fragen zu klären. Zwei Jahre arbeitete Doppelberger gemeinsam mit einer Juristin daran, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu definieren. Das erste Start-up wurde gegründet. 2001 wurde aus dem Pilotprojekt eine eigenständige Abteilung: Fraunhofer Venture.

„Fast 400 Ausgründungen hat Fraunhofer Venture seit dem begleitet“, berichtet Doppelberger. An 80 Start-ups ist die Forschungseinrichtung aktuell selbst beteiligt. Darunter auch viele bayerische Start-ups – zum Beispiel die Prolupin GmbH mit Sitz in Freising. Das Unternehmen stellt Lebensmittel aus Lupinenkernen her – ein Ersatzstoff für Eiweiß, aus dem sich Joghurt, Wurst oder Käse machen lassen, ganz ohne tierische Stoffe. 2014 wurde Prolupin mit dem Deutschen Zukunftspreis ausgezeichnet.

Doch auch die übrigen Start-ups aus dem Hause Fraunhofer können sich sehen lassen. Die Insolvenzquote liegt bei acht Prozent. Das bedeutet: Nach 36 Monaten mussten lediglich acht Prozent der Start-ups das Handtuch werfen. Zum Vergleich: In der Regel liegt die Ausfallquote in Deutschland laut Deutschem Start-up-Monitor bei 32 Prozent.

„Ein Großteil der von uns betreuten Spin-offs hat sich am Markt etabliert, macht Umsatz und schafft Arbeitsplätze“, sagt Doppelberger. Grund für die hohen Erfolgsaussichten ist ein Förderprogramm, das bei Fraunhofer Venture entwickelt wurde. Die Gründer werden von der Ideenfindung über die Finanzierungsphase bis zum sogenannten Exit – dem Moment, ab dem das Unternehmen schwarze Zahlen schreibt, – begleitet. Investment-Manager und Juristen coachen die Gründer-Teams im „Fraunhofer Venture Lab“ und helfen bei der Investorensuche. Das Förderprogramm „Fraunhofer fördert Entrepreneure“ stellt aussichtsreichen Teams für die Gründungsphase (für einen Zeitraum von einem Jahr) bis zu 150 000 Euro zur Verfügung.

Bei sogenannten „Fraunhofer Days“ werden außerdem regelmäßig Wissenschaftler aus den Fraunhofer-Instituten mit Studenten zusammengebracht – eine Kooperation mit der Initiative „Unternehmertum“ an der TU München. Sechs Wochen lang werden Geschäftsmodelle entworfen, Business-Pläne geschrieben und erste Unternehmen kontaktiert, um zu klären, ob es überhaupt Bedarf für die einzelnen Produkte gibt. Hier entstehen oft Start-ups in ganz unterschiedlichen Konstellationen. „Manchmal hat zum Beispiel ein Wissenschaftler bei uns eine gute Idee, will sie aber nicht vermarkten. Da findet sich bei den F-Days dann ein passender Gründer“, berichtet Doppelberger.

So war es auch bei Higgs. Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut in Erlangen waren dabei, neuartige Kameras zu entwickeln, als „Nebenprodukt“ fiel dabei die Live-Streaming-App ab. Als Leon Szeli und seine späteren Mit-Gründer bei den F-Days im vergangenen Jahr davon hörten, waren sie Feuer und Flamme. Für die Fraunhofer-Forscher kam eine Unternehmensgründung dagegen nicht in Frage. Und so ergriffen Szeli und sein Team die Chance. Die Gründer haben im vergangenen Jahr ein Büro in Garching bezogen. Zehn Mitarbeiter wurden mittlerweile eingestellt. Momentan läuft ein Pilot-Projekt in Kooperation mit dem Bezahlsender Sky – es geht um die Übertragung von Fan-Emotionen bei Sport-Veranstaltungen.

Von Fraunhofer ist Higgs mittlerweile unabhängig – die Gründer haben das Patent für die Live-App übernommen gegen die Zahlung von Lizenzgebühren. Kontakt zu den Wissenschaftlern aus dem Fraunhofer-Institut in Erlangen besteht aber immer noch – die wollen schließlich wissen, was aus ihrer Entwicklung geworden ist.

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