Porträt Michael Diederich, Vorstandsvorsitzender der HypoVereinsbank
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Sieht den Green Deal positiv: Michael Diederich, Vorstandschef der HypoVereinsbank

INTERVIEW mit HVB-Chef Michael Diederich: „Nachhaltigkeit ist eine Riesen-Chance“

Wie das Klima die Wirtschaft verändert

  • Corinna Maier
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Auf die Wirtschaft in Europa kommen einschneidende Veränderungen zu. Der Kontinent will klimaneutral werden. Um dieses Ziel zu schaffen, haben Europäische Union und Europäische Zentralbank neue Regularien beschlossen. Eine zentrale Stellschraube für den notwendigen Umbau der Wirtschaft wird der Finanzsektor sein. Die Kapitalströme sollen künftig nur noch in saubere Unternehmen fließen.

Was das für Banken und Betriebe bedeutet, besprachen wir mit Michael Diederich, Vorstandschef der HypoVereinsbank.

Im Finanzsektor wird das Thema Nachhaltigkeit immer wichtiger. Was kommt da auf die Unternehmen zu?

Zunächst muss klar sein: Jeder einzelne Industriezweig und jeder einzelne Dienstleister wird betroffen sein. Angeschoben von der Europäischen Union, gewollt von der Politik, flankiert von der Europäischen Zentralbank heißt die Vorgabe: Europa wird bis zum Jahr 2050 komplett klimaneutral.

Was haben die Banken damit zu tun?

Dem Finanzsektor ist eine Art Schiedsrichterrolle zugedacht. Auch wir Banken müssen unsere Kreditbücher künftig daraufhin abklopfen, wie viel CO2-Ausstoß die Unternehmen verursachen, mit denen wir im Geschäft sind. Bei einer Bilanzsumme von über 300 Milliarden Euro, wie wir sie haben, müssen wir ein gewaltiges Kreditportfolio durchforsten. Das ist dann erst mal eine Bestandsaufnahme, der Startpunkt, wenn man so will. In den kommenden Jahren wollen wir dann unser Kreditportfolio Schritt für Schritt nachhaltiger gestalten. Dabei geht es vor allem darum, dass die Richtung stimmt.

Was sind denn die Kriterien, an denen sich Nachhaltigkeit bemisst?

Das Schlagwort lautet ESG (Environment, Social, Governance). Das steht für ökologisch, sozial und für gute Unternehmensführung. Also: Man schaut sich zum Beispiel an, wie viel CO2-Ausstoß hat dieses Unternehmen, wie geht es mit seinen Mitarbeitern und Lieferanten um, wie divers ist die Führungsetage besetzt, wie viele Frauen arbeiten dort und wie nachhaltig sind seine Wertschöpfungsketten.

Was bedeutet das konkret?

Ein Beispiel: Ein typisches Auto besteht aus tausenden Einzelteilen. Überspitzt gesagt muss künftig die Wertschöpfungskette von jedem dieser zig Teile bewertet werden. Also: Ist die Rohstoffgewinnung akzeptabel? Sind die Materialien ökologisch einwandfrei? Wie werden die Transportwege zurückgelegt? Wie laufen die Warenströme? Das ist für jedes Unternehmen und für die gesamte Volkswirtschaft ein gigantisches Programm.

So mancher dürfte sich überfordert fühlen.

Es kommt darauf an, wie man das betrachtet. Es ist eine Riesen-Herausforderung, es ist aber auch eine Riesen-Chance für ganz Europa.

Inwiefern?

Wenn man die Pandemie einmal außer Acht lässt, gibt es kein bedeutsameres Thema als die Nachhaltigkeit. Gerade eine so industriell und technologisch geprägte Volkswirtschaft wie Deutschland kann massiv profitieren, wenn es um neue Verfahren und Technologien geht. Da entstehen neue Unternehmen und neue Arbeitsplätze.

Haben die genannten Kriterien auch einen Einfluss darauf, wie teuer der Kredit für ein Unternehmen wird?

Natürlich spielt die Nachhaltigkeit eine Rolle dabei, wie viel ein Unternehmen für seine Refinanzierung bezahlen muss. Große Fonds und Investoren wie zum Beispiel Blackrock haben bereits vor Jahren angekündigt, nur in nachhaltige Unternehmen zu investieren, wodurch die Nachfrage steigt und diese Unternehmen bessere Konditionen erzielen. Auch bei normalen Bankkrediten gibt es Möglichkeiten, den Zins beispielsweise an das Nachhaltigkeitsrating eines Unternehmens zu knüpfen.

Fühlt man sich als Banker nicht bevormundet, wenn man nicht mehr selbst über Geschäftsbeziehungen entscheidet, sondern sich nach von der EU vorgegebenen Kriterien richten muss?

Das sehe ich nicht so. Banking ist nun mal eine regulierte Industrie, auch heute schon. Es ist nur ein weiterer Baustein zu sagen: Wenn es gesellschaftlicher Konsens ist, klimaneutral zu werden, dann brauchen wir die Gewähr dafür, dass es nachvollziehbare Schritte in diese Richtung gibt. Wir sehen ja gerade bei den Überschwemmungen und Unwettern, was geschieht, wenn die Natur außer Kontrolle gerät. Wir müssen also unsere Art des Wirtschaftens verändern. Dann ist klar: Dafür braucht man Spielregeln. Der Finanzsektor, der das Geld für Investitionen bereitstellt, hat da eine Katalysatorfunktion. Wir begleiten die Unternehmen dabei, ihren CO2-Ausstoß zu senken.

Ist auch denkbar, dass Sie sich in der Folge von einem Kunden trennen, weil er nicht mehr zum Kriterienkatalog passt?

Es muss klar sein, wir begeben uns in einen gewaltigen Transformationsprozess. Da spielt der Finanzsektor eine wichtige Rolle. Unsere Aufgabe ist es, unsere Kunden bei diesem Veränderungsprozess zu begleiten. Es geht nicht darum, dass nun alle Banken gleichzeitig Kunden fallen lassen. Und das wird auch nicht passieren: Ich bin beeindruckt, wie entschlossen viele Kunden das Thema Nachhaltigkeit inzwischen angehen.

Gegen die letzten großen regulatorischen Eingriffe im Zuge der Finanzkrise hat sich Ihre Branche gewehrt. Bei der Nachhaltigkeit wirkt es so, als würden Sie dieser Regulierung sehr offen gegenüberstehen. Täuscht das?

Nein. Wir nehmen diese Aufgabe tatsächlich gerne an. Sich dagegen zu wehren, wäre eine falsche Entscheidung – abgesehen davon, dass der Prozess gar nicht mehr aufzuhalten wäre. Wenn wir es nicht hinbekommen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten, den Klimawandel zu stoppen, haben wir als Volkswirtschaft und als Gesellschaft ein echtes Problem. Manche sehen dieses Projekt vielleicht als Riesen-Bürokratie. Man kann es aber auch anders sehen: Nachhaltigkeit ist eine Riesen-Chance. Wir können in diesem Transformationsprozess eine entscheidende Rolle spielen.

Auch die EZB hat angekündigt, verstärkt in grüne Anleihen zu investieren. Wie sehen Sie das?

Die EZB unterstreicht, was die EU-Kommission als Ziel gesetzt hat: Europa soll spätestens 2050 klimaneutral sein. Für uns wäre eher schwierig, wenn es unterschiedliche Vorgaben gäbe, wie es in der Finanzkrise oft der Fall war. Wenn aber EZB, EU und nationale Regierung in die gleiche Richtung marschieren, herrscht Klarheit. Damit kommen wir gut zurecht.

Wie nehmen denn die Unternehmen die neuen Regularien auf?

Der große Teil der Betriebe sieht es als Herausforderung. Die Unternehmer erkennen durchaus, dass Nachhaltigkeit zum Wettbewerbsfaktor für sie wird. Es gibt aber natürlich auch Firmen, die mit der aktuellen Lage noch zu kämpfen haben. Wir sind ja aus der Corona-Krise wirtschaftlich noch nicht heraus und auch die Digitalisierung ist für viele noch kein Selbstläufer. Und jetzt kommt noch ein viel dickeres Brett, das überfordert einige noch. Deshalb haben wir zu Jahresbeginn eine Initiative für mehr Nachhaltigkeit im Mittelstand gestartet und ein spezielles Beratungstool und einen Nachhaltigkeitskredit für Mittelständler entwickelt.

Auch aufseiten der Geldanlage gibt es immer mehr grüne Anlagen. Verlangen die Kunden danach?

Die Nachfrage wächst tatsächlich rasant. Zum einen soll eine Anlage, also zum Beispiel ein Fonds, eine möglichst gute Rendite bringen. Andererseits wollen immer mehr Leute auch mit ihrer Geldanlage etwas Gutes tun. Sie wollen sicher sein, dass ihr Fonds nur in Unternehmen investiert, die sozialen und Umweltkriterien genügt. Da schließt sich dann der Kreis. Weder die großen institutionellen Investoren, noch die Privatanleger werden noch in nicht nachhaltig wirtschaftende Unternehmen investieren.

Das ist aber nicht immer zweifelsfrei feststellbar. Nehmen wir BMW, das sich anders als VW nicht auf den E-Motor als ausschließliche Technologie festlegen will. Ist BMW deshalb weniger nachhaltig?

Wir würden das festmachen an den Nachhaltigkeitsratings, die die beiden Unternehmen haben. Aber ich gebe zu, es ist nichts nur schwarz oder weiß. Da ist die Frage des CO2-Ausstoßes wahrscheinlich noch die einfachere. Spannender wird es, wenn es darum geht, wie man mit Unternehmen umgeht, die mit genetisch veränderten Lebensmitteln handeln. Oder mit solchen aus konventioneller Tierhaltung. Oder mit bestimmten pharmazeutischen Produkten. Was wir da vorhaben, ist eine Mammutaufgabe.

Interview: Corinna Maier, Sebastian Hölzle

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