Wettbewerb um Telefonkosten

EU will ein Ende der Billig-Vorwahlen

München - Die Call-by-Call-Vorwahlnummern haben 1998 einen beispielslosen Preisrutsch beim Telefonieren ausgelöst. Doch nun könnte der Wettbewerb im Telefon-Festnetz zum Erliegen kommen – durch die EU.

Call-by-Call geht den meisten Deutschen ebenso flott über die Lippen wie das Wort Handy. Das geht gut, solange man die vermeintlichen Anglizismen nicht gegenüber Briten oder Amerikanern verwendet. Die kennen nämlich diese Begriffe nicht. Es ist in der Tat deutscher Volkssport, dem einst so teuren Marktführer Deutsche Telekom ein Schnäppchen zu schlagen. Man wählt vor der eigentlichen Telefonnummer eine fünf- bis sechsstellige Vorwahl – und spart viel Geld. Das wurde Call-by-Call genannt. Abgerechnet wird über die Telekom. Es gibt also nicht einmal Ärger mit mehreren Rechnungen.

Doch dieses Verfahren – wie auch Preselection, wo ein Telefon-Anbieter fest voreingestellt ist – droht unter die Räder der europäischen Politik zu geraten. Denn Neelie Kroes, die EU-Kommissarin für die digitale Agenda, will Teile des Telekommunikationsmarktes von der Regulierung ausnehmen. In Bereichen, wo Wettbewerb in Gang gekommen ist, kann der Staat sich nach ihrer Auffassung zurückziehen. Und das gilt, so steht es in mehreren Vorlagen, ausdrücklich für die Endkundenebene im Festnetz und die Vorleistungsebene. Hinter diesen Begriffen verbergen sich unter anderem Call-by-Call und Preselection. Zuständig für die Umsetzung wäre zwar die deutsche Regulierungbehörde. Doch die ist in diesem Fall nur ausführendes Organ und hält sich als solches an die Vorgaben aus Brüssel, die aber noch nicht verabschiedet sind.

Dann wäre die Deutsche Telekom nicht mehr gezwungen, Konkurrenten auf diesem Weg in ihr Netz zu lassen. Unternehmen wie Tele2, die Dienste im Netz der Telekom anbieten, und ihr Branchenverband VATM fürchten damit um ihr Geschäftsmodell. Auf immerhin sechs bis sieben Millionen Menschen in Deutschland schätzt Tele2-Geschäftsführer Oliver Rockstein die Zahl der aktiven Call-by-Call-Nutzer. „Fällt diese Alternative weg, bedeutet das für diese Menschen nicht nur eine finanzielle Mehrbelastung, sondern auch eine erzwungene Einschränkung ihrer Wahlmöglichkeiten“, sagt er.

Call-by- Call wurde 1998 in Deutschland eingeführt, um den bis dahin marktbeherrschenden Ex-Monopolisten in den Wettbewerb zu zwingen. Er musste seine Endkundenzugänge für Konkurrenten gegen Bezahlung zugänglich machten – die wesentlich härter kalkulieren konnten als der privatisierte Staatskonzern, der viele Beamte zahlen musste, die er gar nicht mehr brauchte. Für die Kunden führte der Wettbewerb zu einem deutlichen Preisrutsch. Deutschlandweite Gespräche waren oft günstiger als Telefonate im eigenen Ortsnetz, wo der Wettbewerb erst 2003 – und ausgerechnet auf massiven Druck der EU – erzwungen wurde.

Auch die Telekom wurde durch den Wettbewerb ein bisschen billiger. Ihr halfen auch „Flatrates“, pauschale Preise, mit denen alle Festnetzgespräche ins Inland abgegolten sind. Vor allem jüngere, die sich darauf einließen, mussten nicht mehr auf die Minutenpreise achten.

Doch bei Auslandstelefonaten sind die Vorwahlnummern nach wie vor Peisbrecher. Gespräche rund um den halben Erdball, die früher mehrere D-Mark pro Minute kosteten, sind heute für knapp einen Cent pro Minute zu haben. Die Telekom langt dagegen immer noch kräftig hin: Eine Minute nach Australien kostet bei ihr 91,1 Cent und nach Thailand sogar 1,53 Euro. „Rund ein Drittel aller Auslandsgesprächsminuten werden über Call-by-Call geführt“, sagt Dieter Elixmann, Mitautor einer Studie des Beratungsunternehmens WIK Consult.

Auch Gespräche ins deutsche Mobilfunknetz, die bei der Telekom bis zu 23,4 Cent pro Minute kosten, sind bei Call-by-Call-Anbietern schon für rund zwei Cent zu haben – wobei einige Anbieter in jüngster Zeit durch schwer vorhersehbare Preissprünge, ihren Kunden zusetzen.

Für VATM-Präsident Peer Knauer führen die Kroels-Pläne zu einer erneuten Monopolstellung der Telekom . Diese würde sich sehr negativ auf den Innovationswettbewerb auswirken, sagt er. „Deutschland würde in Europa ins Hintertreffen geraten.“

Martin Prem

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