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Hier noch am Boden und in voller Größe sichtbar: Der gewaltige Rotor eines Windrades, das gerade bei Parchim (Mecklenburg-Vorpommern) aufgestellt wird.

Konzept von MAN

Wie Windstrom billiger nach Bayern kommt

München - Die umstrittenen Stromtrassen durch Bayern sind ein Herzstück der deutschen Energiepolitik. Man kann Energie anders günstiger nach Süden bringen, findet MAN: in Gasleitungen.

Gewaltige Überlandleitungen, Berge, die mit riesigen Wassertanks und ganzen Seen zu Energiespeichern gemacht werden: Vieles was mit einem umweltverträglichen Umbau der deutschen Energieversorgung verbunden wird, treibt Naturschützer auf die Barrikaden. Es geht auch anders, sagt Georg Pachta-Reyhofen, der Chef von MAN. Die Münchner Volkswagen-Tochter, die vor allem für ihre Lastwagen und Busse bekannt ist, gehört mit ihrem Maschinenbau-Unternehmen zu den wichtigsten Anlagenbauern im Energiebereich und tüftelt an Alternativen.

Die Lösung, die MAN jetzt vorschwebt, heißt Erdgas. Dabei geht es nicht um das Gas, das aus dem Boden von Russland und Kasachstan oder vor der norwegischen Küste gefördert und nach Europa gebracht wird. Pachta-Reyhofen denkt vor allem daran, überschüssigen Wind- und Sonnenstrom aus Deutschland in einem zweistufigen Verfahren in Form von Erdgas zu speichern.

In einer ersten Phase wird Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten. Dabei wird viel Energie eingesetzt, die bei der späteren Verbrennung wieder frei wird. In der zweiten Phase wird daraus mit dem Kohledioxid der Luft Methan (CH4) erzeugt, der Hauptbestandteil des Erdgases, der viel leichter zu speichern und zu transportieren ist als der extrem flüchtige und leichte Wasserstoff. „Power to Gas“ heißt das Verfahren: Kraft zu Gas.

Speicherung und Transport sind kein Problem. Bereits ausgebeutete Erdgas-Lagerstätten in Deutschland lassen sich ohne größere Probleme zu Speichern umfunktionieren. Und Pipelines leiten heute schon gewaltige Mengen des Brennstoffs nach und vor allen quer durch Deutschland. Gasautobahnen mit vielen Parkplätzen sind also vorhanden.

Was fehlt, sind die entsprechenden Zu- und Abfahrten. Die Anlagen für die Verwandlung von Strom zu Erdgas arbeiten nach uralten Verfahren. MAN hat für die Konzern-Schwester Audi gerade eine Versuchsanlage aufgebaut – um zu demonstrieren, dass der Einsatz realistisch ist. Die Schattenseite: Alles ist noch viel zu teuer. Doch René Umlauft, Chef von MAN Diesel & Turbo, hält wettbewerbsfähige Kosten für erreichbar, wenn die Anlagen im industriellen Maßstab zur Verfügung stehen.

Konzept von MAN ist nicht ganz uneigennützig

Bei den Abfahrten von der Gasautobahn geht es um kleine, hochflexible Gaskraftwerke, die das Erdgas wieder in Strom zurückverwandeln. Sie gelten ohnehin als Schlüsseltechnologie der Energiewende. Sie können rasch hochgefahren werden, wenn Wind und Sonne nicht genügend Energie liefern. Um die unvermeidlichen Verluste bei der Umwandlung von Strom zu Gas und in den Kraftwerken so niedrig wie möglich zu halten, muss auch die Abwärme dieser Kraftwerke – etwa zu Heizzwecken – verwendet werden. Nur dann können sie beim Gesamtwirkungsgrad mit den billigen und riesigen aber umweltschädlichen Braunkohlemeilern mithalten, die derzeit die Energieversorgung in Deutschland sicherstellen.

Stromautobahnen im bisher geplanten Ausmaß wären nach diesem Konzept nicht notwendig. Weil der Strom dezentral in der Nähe der Verbraucher erzeugt werden könnte. Allerdings gibt es noch keine belastbaren Daten darüber, ob die gegenwärtige Erdgas-Infrastruktur mit ihrem deutschlandweiten Leitungsnetz schon ausreicht oder ausgebaut werden müsste.

Dagegen ist die CO2-Frage kein Problem. Bei der Verbrennung von Methan entsteht weniger Kohlendioxid, als bei allen anderen Brennstoffen mit Ausnahme von Wasserstoff. Außerdem wird beim Power-to Gas-Konzept nur das Kohlendioxid wieder frei, das vorher bei der Herstellung des Methans der Atmosphäre entnommen oder erspart wurde.

Das Energiekonzept von MAN, das sollte man in diesem Zusammenhang nicht verschweigen, ist nicht ganz uneigennützig. Fast überall in der gesamten Wertschöpfungskette, bei der Erdgas im Spiel ist, ist MAN als Anbieter beteiligt. Das reicht von Lastwagen für Bohranlagen über Kompressoren für die Förderung von Erdgas oder die Einspeisung in Pipelines bis hin zu Transportschiffen, die Erdgas neuerdings auch über die Ozeane transportieren. Dazu kommen Großmotoren sowie Gas- und Dampfturbinen in Kraftwerken. So würde das Konzept, das MAN vorschlägt, auch die Geschäfte von MAN beflügeln.

Das räumt das Unternehmen ein. Doch Pachta-Reyhofen betont auch die Chance zur Konfliktlösung: „Angesichts der bestehenden Alternativen sollte man sehr genau prüfen, ob Deutschlands Bürgern wirklich der massenhafte Ausbau von Stromtrassen zugemutet werden muss.“

Martin Prem

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