"Wir bekommen sehr viel Zuspruch"

- Im Tarifstreit bei der Bahn verlangt die Lokführergewerkschaft GDL 31 Prozent mehr Geld und einen eigenen Tarifvertrag für Lokführer, Zugbegleiter und Mitarbeiter der Bordgastronomie ­ und beißt damit bei dem Unternehmen auf Granit. Bei der laufenden Urabstimmung über einen längerfristigen Streik rechnet GDL-Chef Manfred Schell mit einer "sehr hohen" Zustimmung, wie er im Gespräch sagt.

Rechnen Sie mit einer breiten Zustimmung bei der Urabstimmung und wenn ja, warum?

Wir rechnen mit einer sehr hohen Zustimmung. Unsere Bezirke und Ortsgruppen, aber auch die eigenen Gespräche mit unseren Mitgliedern bestätigen uns, dass unsere Mitglieder wie eine Eins hinter uns stehen. Es kann nicht sein, dass Lokführer weiter mit 1 500 Euro und Zugbegleiter mit 1 300 Euro netto nach Hause gehen müssen.

Die Kritik an einem möglichen längerfristigen Streik nimmt zu. Politik und Industrie fürchten erhebliche Einbußen und Einschränkungen auch für die Reisenden, was entgegnen Sie dem?

Wir haben bisher sehr viel Zuspruch für unsere Forderungen bekommen, insbesondere von Fahrgästen, die nicht glauben können, wie wenig ein Lokführer tatsächlich für seine verantwortungsvolle Arbeit bekommt. Selbstverständlich erhalten wir auch Kritik. Wir werben weiterhin für das Verständnis der Kunden. Wir würden auch lieber den Bahnvorstand im Berliner Sony-Center bestreiken. Das hätte aber überhaupt keine Wirkung. Der Arbeitgeber zwingt uns zu streiken, da er uns auf dem Verhandlungsweg keinen Millimeter näher gekommen ist.

Mehrfach hat die Bahn angeboten, Sie könnten einen 4,5-prozentigen Abschluss erzielen, das wäre immerhin einer der höchsten in der diesjährigen Tariflandschaft. Was müsste die Bahn Ihnen anbieten, damit Sie nicht streiken?

Bei dem schlechten Lohn, den das Fahrpersonal bekommt, machen die 4,5 Prozent noch nicht einmal eine drei viertel Tankfüllung im Monat aus. Das reicht nicht! Wir fordern einen eigenständigen Tarifvertrag für das Fahrpersonal, die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche und eine Entgelterhöhung um 31 Prozent. Das ist für die verantwortungsvolle Tätigkeit der beiden Berufsgruppen angemessen.

Wie kam die häufig kritisierte Lohnforderung von 31 Prozent zu Stande?

Die GDL hat ursprünglich ein Anfangsentgelt für Lokführer von 2 500 Euro und für Zugbegleiter von 2 800 Euro brutto gefordert. Das sind gut 20 Prozent mehr als bisher. Der Lohn sollte dann alle fünf Jahre erhöht werden. Nach 30 Berufsjahren im DB-Konzern sollte ein Lokführer dann 3 000 Euro bekommen. Da wir befürchten mussten, dass die DB gegen diese Forderungen, die ja die Entgeltstruktur betreffen, wieder eine Einstweilige Verfügung beantragt, haben wir nun die prozentuale Forderung erhoben, die uns der Arbeitgeber seit Monaten unterstellt hat.

Die Bahn befürchtet Unfrieden unter ihren Beschäftigten, wenn die Lokführer einen besseren Tarifvertrag als die anderen erhalten würden. Wie wollen Sie das verhindern?

Das können wir nicht nachvollziehen. Die Transnet hat nach eigenen Angaben "Dialoge" durchgeführt, mit dem Ergebnis, dass deren Mitglieder die Forderung nach einer siebenprozentigen Lohnerhöhung als ausreichend angesehen haben. Nun haben sie 600 Euro Einmalzahlung für 2007 plus 4,5 Prozent Lohnerhöhung ab 2008 erzielt. Wieso sollte jetzt ein Unfrieden entstehen?

Interview: Isabell Scheuplein.

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