"Wir erwarten uns noch einiges"

- München -­ Die Konjunktur in Deutschland ist mächtig in Schwung gekommen, sogar am Arbeitsmarkt gibt es Anzeichen für eine nachhaltige Besserung. Über die aktuelle Lage, die Mehrwertsteuer und eine Zwischenbilanz der Großen Koalition sprachen wir mit Heinrich Traublinger, dem Präsidenten des Bayerischen Handwerkskammertages.

Die jüngsten Arbeitsmarktdaten haben positiv überrascht. Welchen Beitrag liefert das Handwerk zur erfreulichen Entwicklung?

Heinrich Traublinger: Im Handwerk haben wir nach wie vor sinkende Beschäftigtenzahlen. 2006 sind es 1,3 Prozent weniger mit jetzt 842 000 Beschäftigten in Bayern. Das Entscheidende ist aber, dass wir vorher Minus-Raten von bis zu 4,2 Prozent hatten. Der Rückgang kommt nach unserer Erwartung im kommenden Jahr zum Stillstand und dann sollten wieder Arbeitsplätze entstehen. Das ist mehr, als wir zum Jahresbeginn zu hoffen wagten.

Das Handwerk hat damit eine harte Zeit hinter sich.

Traublinger: Stimmt. In Bayern haben wir in den letzten zehn Jahren 150 000 Arbeitsplätze verloren. Haben Sie da übrigens jemals einen großen Aufschrei gehört? Natürlich ist es schlimm, wenn bei Siemens, Grundig oder BenQ auf einmal 2000 Stellen abgebaut werden. Wenn aber im Mittelstand Jahr für Jahr 10 000 Stellen verschwinden, redet kein Mensch davon. Das sind doch genauso wichtige Arbeitsplätze. Der Arbeitsplatz, der bei Siemens wegfällt, der ist in der Regel nicht verloren, der ist nur woanders. Bei uns ist er wirklich weg, oft verbunden mit dem Ende einer selbstständigen Existenz.

Gerade im Handwerk gibt es derzeit einen starken Aufschwung, der auch durch die im kommenden Jahr steigende Mehrwertsteuer bedingt ist.

Traublinger: Das ist richtig. Wir kommen heuer auf ein Umsatzwachstum von 3,8 Prozent. Das heißt, wir haben nicht nur nach zehn Jahren wieder Anschluss an die Gesamtwirtschaft gefunden, sondern diese sogar noch überholt. Natürlich spielen dabei Vorzieheffekte eine Rolle. Wir spüren aber auch einige positive Rahmenbedingungen, so zum Beispiel die Absetzbarkeit von Handwerksrechnungen.

Wie hat sich die ausgewirkt?

Traublinger: Sie stärkt den Binnenmarkt und wirkt gegen die Schwarzarbeit. Diese Absetzbarkeit von 20 Prozent auf eine bis maximal 3000 Euro hohe Handwerkerrechnung ­- übrigens reine Arbeitsleistung -­ macht legale Arbeit wieder konkurrenzfähiger. Einfache Rechnung: Wenn ich heuer einen neuen Parkettboden in dem einen Zimmer verlegen lasse, im nächsten Jahr in dem anderen, bekomme ich zweimal bis zu 600 Euro Steuerbonus.

Gleicht dieser Anreiz die Belastungen durch die Mehrwertsteuer aus?

Traublinger: Klar ist, die Mehrwertsteuererhöhung ist ein Schwarzarbeits-Förderungsprogramm. Um das auszugleichen, fordern wir eine Erhöhung der absetzbaren Summe von 3000 auf 4000 Euro und des maximalen Steuerbonus von 600 auf 1000 Euro.

Auf welches Echo trifft Ihr Vorstoß?

Traublinger: Wir bringen unser Anliegen bei jeder Gelegenheit vor und erfahren an vielen Stellen in der Politik Unterstützung. Wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass es nur einen Wirtschaftsbereich gibt, der in Deutschland Arbeitsplätze generieren kann, nämlich der Mittelstand und da besonders das Handwerk, dann müsste die Gesetzgebungsmaschinerie eigentlich in unserem Sinn in Bewegung kommen.

Kann man beziffern, wie viel Arbeit bereits aus der Schattenwirtschaft herausgeholt wurde?

Traublinger: Studien besagen, dass 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland, also zirka 345,5 Milliarden Euro, auf Schwarzarbeit entfallen. 2006 gab es einen Rückgang dieser Quote. Damit ist der Beweis erbracht, dass es sich lohnt, legale Arbeit interessant zu machen. Aber ein Jahr allein reicht natürlich nicht. Wir haben 50 Jahre damit verbracht, den Arbeitsplatz in Deutschland zu verteuern. Ein Maurer muss zum Beispiel sechs Stunden arbeiten, um sich eine Maurer-Stunde leisten zu können. Und das liegt nicht an den Nettolöhnen, sondern an den Abzügen, die viel zu hoch sind.

Ein Auftrag an die Politik.

Traublinger: Alle politischen Pläne, die Abzüge unter 40 Prozent zu drücken, waren bisher Lippenbekenntnisse. Schauen Sie sich die Realität an: Was wir nächstes Jahr bei der Arbeitslosenversicherung weniger bezahlen müssen, wird sofort bei Rentenversicherung und Krankenkassen wieder draufgeschlagen.

Sie sind also enttäuscht von der Großen Koalition?

Traublinger: Es war klar, dass es für jede Koalitions-Partei ihre Grundsätze gibt, von der sie nicht abrückt. Zufrieden sind wir neben der Absetzbarkeit von Handwerksrechnungen auch mit dem Programm zur energetischen Gebäudesanierung und dem, was zur Unternehmenssteuerreform und zur Erbschaftssteuerreform geplant ist. Nicht zufrieden sind wir mit der Gesundheitsreform, aber mit der kann niemand zufrieden sein. Ganz schlimm ist das Antidiskriminierungsgesetz, das nicht wie versprochen eins zu eins nach EU-Vorgaben umgesetzt wurde, sondern in stark verschärfter Version. Es gibt schon Anwälte, die sich auf diesbezügliches Abmahnwesen spezialisieren. Die durchforsten systematisch die Stellenanzeigen nach irgendwelchen Verstößen.

Also, welche Note gibt‘s im Zwischenzeugnis?

Traublinger: 2,8. Ein guter Dreier. Man muss der Regierung zugute halten, dass es schwer ist mit zwei gleichstarken Blöcken. Das ist ein Zweckbündnis, nicht mehr und nicht weniger. Aber wir erwarten uns noch einiges.

Wie sind die Aussichten im bayerischen Handwerk für 2007?

Traublinger: Wir gehen von zwei Prozent Wachstum aus und bei der Beschäftigung von Stagnation. Es sollten aber im Folgenden wieder neue Stellen entstehen. Die Investitionssumme ist heuer um fünf Prozent gestiegen. Das zeigt, dass es wieder Vertrauen in die Zukunft gibt.

Apropos Zukunft. In der Zukunftskommission 2020, die Ministerpräsident Stoiber ins Leben gerufen hat, finden sich in der ursprünglichen Besetzung zwar ein Uli Hoeneß und ein Bernd Eichinger, aber kein einziger Mittelständler. Was sagen Sie dazu?

Traublinger: Ich überlasse die Wertung Ihnen. Nur so viel: Ursprünglich war auch keine einzige Frau drin. Das hat sich geändert ­ und mittlerweile ist auch ein Mittelständler dabei. Damit hat man zumindest ansatzweise unseren Bedenken Rechnung getragen. Wenn es um die Zukunft Bayerns geht, kann man doch keine Lösungen entwickeln ohne die Leute, die die Arbeitsplätze schaffen.

Zusammengefasst von Corinna Maier.

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