"Wir haben keine Angst vor Wettbewerb"

Erdgas Südbayern: - München - Der deutsche Gasmarkt bewegt sich. Die Gebietsmonopole bröckeln, die privaten Abnehmer können sich ihren Versorger mittlerweile frei auswählen. Zwar mangelt es noch an Angeboten, doch mehrere Lieferanten planen, ihr Gas künftig deutschlandweit zu vertreiben. Auch die Erdgas Südbayern (ESB), die zu den großen deutschen Regionalversorgern zählt, arbeitet an einem solchen Konzept. Unsere Zeitung unterhielt sich mit den Geschäftsführern der Münchner Gesellschaft, Dieter Rathsam (58) und Werner Bähre (54), über den Umbruch - und das Wetter.

Herr Bähre, Herr Rathsam, ein milder Winter und ein sommerlicher Frühling treiben den Absatz eines Heizstoffs nicht gerade in die Höhe. Wie sind die letzten Monate gelaufen?

Bähre: Schlecht. Im ersten Quartal und dem April 2007 haben wir im Schnitt ein Drittel weniger Gas verkauft. Allerdings muss man diesen Wert in Relation zum Vorjahr sehen, als der Winter - aus unserer Sicht - ausgesprochen gut gelaufen ist. Damals lag bis April Schnee, die Temperaturen standen lange deutlich unter Null. Das bescherte uns zweistellige Zuwachsraten.

Können Sie die Delle in diesem Jahr noch ausgleichen?

Bähre: Nein. Im ersten Quartal fließen erfahrungsgemäß 40 Prozent unseres Jahresabsatzes. Und davon fehlt uns jetzt ein Drittel. Da müsste schon ab August der Winter anbrechen, um das einigermaßen zu kompensieren.

Neben dem milden Wetter könnte noch etwas anderes ihren Absatz beeinträchtigen: Der Energiekonzern Eon vertreibt über seine Tochter E-wie-einfach seit 1. April als erster Versorger Gas im gesamten Bundesgebiet. Die anderen Energieriesen RWE und Vattenfall wollen nachziehen. Fürchten Sie die neue Konkurrenz?

Bähre: Wir haben keine Angst vor Wettbewerb.

Hat Ihnen E-wie-einfach schon Kunden abgeluchst?

Rathsam: Im Gespräch sind etwa 40 Privatkunden. Im Gegenzug rechnen wir allerdings damit, durch Neuanschlüsse in unserem Versorgungsgebiet rund 4000 Haushalte als Kunden zu gewinnen.

Eon ist zur Hälfte an der ESB beteiligt. Ärgert Sie, dass Sie mit E-wie-einfach Konkurrenz aus dem eigenen Haus bekommen haben?

Bähre: Das tut nicht weh. In gewisser Weise ist es ja auch glaubwürdig, dass Eon die eigenen Gesellschaften nicht vom Wettbewerb ausnimmt.

Wer ist günstiger? ESB oder E-wie-einfach?

Rathsam: Wenn man diverse Boni und Rabatte berücksichtigt, sind wir günstiger.

Drehen Sie doch den Spieß um und vertreiben sie selber über Ihr angestammtes Verbreitungsgebiet hinaus Gas.

Rathsam: Wir haben entsprechende Produkte im Köcher, mit denen wir antreten könnten. Zum Beispiel ein Internetangebot, das bundesweit vermarktet wird.

Wann geht‘s los?

Bähre: Bestimmt noch nicht in den Sommermonaten. Wir schauen noch, ob wir nicht in Kooperation mit Partnern aktiv werden.

Rathsam: Auf jeden Fall sind wir vorbereitet. Zumal unsere Prozesse effizient sind und wir im Gegensatz zu manch anderem Versorger keine unserer 300 Stellen abbauen müssen. Wir werden sogar eine Handvoll qualifizierter Mitarbeiter einstellen.

Der Gaspreis geht derzeit ungewohnte Wege. Viele Versorger haben ihre Preise zuletzt gesenkt, die ESB dreht zum 1. Mai bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr die Entgeltschraube nach unten. Geht es nach den Steigerungen der letzten Jahre wieder bergab?

Bähre: Für Entspannung sorgen der gesunkene Ölpreis, an den der Gaspreis gebunden ist und auch der starke Euro, der die oft in Dollar gehandelten Rohstoffe billiger macht. Wie es mit den Preisen weitergeht, wissen wir aber auch nicht. Das hängt von der weltweiten Energienachfrage ab.

Trotz der Entspannung an der Preisfront: Bei der Verbraucherzentrale Bayern erkundigen sich nach wie vor scharenweise Gas-Kunden, wie man die Rechnung kürzen kann. Wie viele Ihrer Kunden rebellieren und argumentieren, dass laut § 315 BGB die letzten Tarifaufschläge nicht rechtens waren?

Rathsam: Wir haben 3000 - wenn man so sagen will - Rebellen unter unseren Kunden. Sie handeln legitim, weil die Gesetzeslage das Vorgehen nicht eindeutig regelt. Natürlich vertreten wir die Meinung, dass die Preiserhöhungen in Ordnung waren. Wir haben nicht mal die gesamten Belastungen weitergegeben, die uns auf der Beschaffungsseite durch steigende Weltmarktpreise entstanden sind. Das haben uns Wirtschaftsprüfer testiert. Jetzt warten wir die höchstrichterliche Klärung ab.

Die hat der Bundesgerichtshof zur Jahresmitte angekündigt. Sind Sie schon aufgeregt?

Rathsam: Nein. Wir wollen endlich Klarheit. Der Verwaltungsaufwand wegen der selbst gekürzten Rechnungen ist schließlich nicht unerheblich.

Sie beziehen einen Großteil ihres Erdgases aus Russland. Haben Sie sich nach dem vorübergehenden, viel kritisierten Lieferstopp im vergangenen Jahr überlegt, verstärkt andere Quellen anzuzapfen?

Rathsam: Wir ändern nichts an unserer Beschaffungspolitik. Die politisch-emotionale Diskussion, die teilweise geführt wird, ist für uns durch Fakten nicht belegt. Unterbrechungen gab es immer. Deswegen sind Vorratsspeicher vorhanden. Die deutsche Erdgasversorgung stört das nicht.

In Deutschland wird dennoch darüber nachgedacht, wie man die Abhängigkeit von Gasimporten reduzieren kann. Auch ESB engagiert sich deswegen in Sachen Biogas, das durch die Vergärung von Mist oder Mais gewonnen wird. Wie viel Prozent des Bedarfs kann es einmal decken?

Bähre: Es liegen Berechnungen vor, dass man 2030 zehn Prozent des derzeitigen deutschen Erdgasverbrauchs durch Biogas abdecken kann.

Wie viel speisen Sie heute schon ein?

Bähre: Keinen Kubikmeter. Wir haben erst im vergangenen Jahr ein Gemeinschaftsunternehmen mit Schmack Biogas gegründet und sind nun dabei Projekte zu eruieren. Dabei werden wir allerdings nicht überall mit offenen Armen empfangen. Biogas wollen viele haben - aber nur, wenn es nicht in der eigenen Gemeinde erzeugt wird.

Warum?

Bähre: Zum einen braucht man für Großanlagen viel Platz. Dann fühlen sich manche Bauern, die Mais liefern könnten, nicht gerecht behandelt. Aber in fünf Jahren wird sich das eingespielt haben.

Im Freistaat betreiben mittlerweile hunderte Landwirte Anlagen, in denen Biogas zu Strom verbrannt wird. Dafür erhalten sie die im Erneuerbare-Energien-Gesetz festgeschriebene Vergütung. Wie finden Sie diesen Boom?

Bähre: Aus Sicht des Bauern ist das sicherlich in vielen Fällen wirtschaftlich. Wenn er aus dem Mais Gas macht hat er mehr davon, als wenn er es den Kühen gibt. Energetisch ist das aber nicht sinnvoll, weil die bei der Verbrennung entstandene Wärme verpufft.

Rathsam: Der Boom ist das Ergebnis einer fehlgesteuerten Subvention. Der Biogas-Markt wird nur eine Chance haben wenn er greoßtechnologisch gehandhabt wird wie eine Raffinerie - und nicht wie hinterm Bauernhof.

Das Gespräch führte Florian Ernst.

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