„Wir hangeln uns am Abgrund entlang“

München - Die Berg- und Talfahrt an den Finanzmärkten zerrt immer mehr an den Nerven. Investoren bleiben nervös, Privatanleger haben Angst um ihr Erspartes. Wir sprachen mit Finanz-Experte Max Holzer:

„Wir hangeln uns derzeit am Abgrund entlang“, sagt der Chefvolkswirt der Münchner Privatbank Merck Finck, Josef Kaesmeier. Das eigentliche Drama spiele sich aber in der Politik ab. „Die Finanzmärkte lauschen den Politikern und reagieren dann – bei unsinnigen Sprüchen, und davon gab es in den letzten Monaten viele, eben negativ“, kritisiert Kaesmeier.

Er empfiehlt derzeit Privatanlegern jede Menge Cash, „auch um später Aktien kaufen zu können“. Seiner Meinung nach gehören Unternehmensanleihen in jedes Depot. „Selbst der gute alte Pfandbrief ist mir lieber als jede Staatsanleihe“, sagt Kaesmeier. Wer sich wappnen möchte, komme an soliden Aktien produzierender Unternehmen nicht vorbei. Banktitel gehören „definitiv nicht“ zu diesen soliden Werten. „Diesen Sektor würde ich als Anleger nicht anfassen“, sagt Kaesmeier. „Wer meint, er muss zocken, kann das mit Bankaktien tun, aber bitte nicht langfristig in sie investieren.“ Schließlich sei der Finanzsektor ein schrumpfender Markt. „In fünf Jahren werden wir weniger Banken haben – auf welchem Weg auch immer“, sagt Kaesmeier.

In solch turbulenten Zeiten Entscheidungen zu treffen, ist für private Anleger enorm schwierig. Max Holzer ist Profi auf diesem Gebiet. Der 50-Jährige entscheidet bei Union Investment in welche Länder und Branchen investiert wird. Die Fondsgesellschaft der Volksbanken und Raiffeisenbanken betreut über 70 Milliarden Euro für Privatkunden. Wir fragten nach seinen Tipps und Strategien:

Wie schlimm steht es um die Finanzmärkte?

Die von den Finanzmärkten ausgehenden Signale sehen derzeit nicht gut aus. Dennoch gibt es positive Botschaften aus der Politik. Der Wille zu strukturellen Veränderungen ist erkennbar. Aber das dauert natürlich seine Zeit. Jetzt ist es wichtig, diesen Weg weiter zu gehen.

Der deutsche Leitindex Dax ist heute Achterbahn gefahren. Das sieht nicht nach einem Aufatmen aus.

Der Markt ist immer noch verunsichert, doch wir glauben nicht, dass die Tiefststände von Anfang August nochmals deutlich unterschritten werden. Wir nähern uns Kursniveaus, die Möglichkeiten bieten, wieder in Aktien zu investieren.

Wie sollen sich Privatanleger verhalten?

Man muss die Sache ohne Hektik, ohne Panik analytisch betrachten. Derzeit ist die Realwirtschaft in der Eurozone noch nicht zu stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Wenn man sich die fundamentalen Daten ansieht, hat man im Aktienmarkt historisch günstige Bewertungsniveaus. Weil gleichzeitig sehr viele Investoren das Risiko scheuen und den Markt meiden, steigen die Kurse nicht. Aber das kann sich zügig ändern.

Jetzt ist also der Zeitpunkt für einen Einstieg günstig?

Wer wie wir davon ausgeht, dass es eine Lösung der Schuldenproblematik geben wird, kann damit anfangen, sich in den Aktienmarkt hinein zu begeben. Allerdings muss man sich auf extreme Schwankungen einstellen. Der alte Spruch, Aktien kaufen und liegen lassen, gilt nicht mehr. Heute müssen Anleger sehr viel aktiver und nervenstärker sein. Zumal es Jahre dauern wird, bis alle Schulden-Probleme gelöst sind.

Welche Sektoren halten Sie für attraktiv?

Grundsätzlich sollten sich deutsche Anleger etwas zyklischer und globaler aufstellen, darunter fallen unter anderem Automobilwerte. Titel von deutschen Versorgern haben nun vor allem regulatorische Probleme und sind stark mit dem Heimatmarkt verknüpft. Da stellt sich die Frage nach der Wachstumsdynamik. Diese Titel sollte man sich daher besonders unter dem Aspekt der Dividendenrendite betrachten.

Wobei die Dividenden insgesamt für 2011 relativ hoch ausfallen dürften.

Die Dividendenrendite ist bei vielen Unternehmen höher als bei deutschen Bundesanleihen. Alle Sektoren, die eine langfristig gute Dividendenrendite erzielen können, sind jetzt attraktiv.

Würden Sie zum Kauf von Banktiteln raten?

Das kommt auf den zeitlichen Horizont an. Durch die höheren Anforderungen für die Branche muss man in Zukunft mit wachstumsdämpfenden Effekten rechnen – das ist längerfristig sicherlich eine Belastung für die Rendite. Allerdings kann es natürlich kurzfristig Gegenbewegungen geben. Doch der Bankbereich muss einen langen Restrukturierungsprozess gehen, den nicht alle Institute schaffen dürften.

Was ist derzeit attraktiver: Aktien oder Staatsanleihen?

Das kommt auf das Land an. Im Vergleich zu deutschen Staatsanleihen mit vergleichsweise niedrigen Renditen sind Aktien deutlich attraktiver bewertet. Früher hat die Staatsanleihe die risikolose Anlage repräsentiert – diesen klassischen sicheren Hafen gibt es nicht mehr.

Diese Woche blieb selbst Deutschland auf seinen Staatsanleihen sitzen. Wie bewerten Sie das?

Das muss man ernst nehmen, denn es zeigt, dass Investoren Deutschland nicht isoliert betrachten. Die Krise muss gemeinschaftlich gelöst werden – die Trennung zwischen gut und böse gibt es nicht mehr.

Die Aktien welcher Länder stehen bei Ihnen ganz weit oben?

Das kommt auf den Zyklus an. Investoren gehen in unruhigen Zeiten gern auf Märkte, die defensiver und aktienaffiner sind, wie zum Beispiel England oder USA. Jetzt könnten der Eurozonen-Markt und die Schwellenländer wieder stärker in den Fokus rücken.

Sie sind seit 1987 dabei. Haben Sie so etwas wie derzeit schon einmal erlebt?

Ich habe damals Kursrückgänge von 20 Prozent innerhalb weniger Tage erlebt. Da ging es auch turbulent zu. Doch früher waren die Mechanismen klarer. Fundamentaldaten hatten noch Aussagekraft und wurden von Investoren entsprechend wahrgenommen. Aktuell honorieren sie Anstrengungen der Politik kaum. Das schürt die Gefahr einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. 2008 dachte ich, schlimmer kann’s nicht kommen – jetzt haben wir wieder eine extrem schwierige Position.

Wie wird sich der Dax entwickeln?

Wir brauchen jetzt eine Vision, sonst wird das Fahrwasser im Frühjahr 2012 extrem rauh. Das muss allen bewusst sein. Der Dax dürfte dieses Jahr mit 5800 Punkten beenden, das nächste mit 6000. Doch wir werden auch 2012 extreme Schwankungen erleben.

Das Interview führte Stefanie Backs

Rubriklistenbild: © dpa

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