"Wir leben unter unseren Verhältnissen"

- REINHARD BISPINCK UND GUSTAV HORN *

Seit zehn Jahren verfolgt die deutsche Wirtschaft das Rezept: Durch Lohnzurückhaltung zu mehr Wachstum und mehr Arbeitsplätzen. Die erhofften Ergebnisse sind bis heute ausgeblieben. In Zahlen: Die Reallöhne in Deutschland sind 1995 um 0,9 % zurückgegangen. Im Durchschnitt der alten EU-Länder stiegen sie dagegen um 7,4 %, in Großbritannien und in Schweden gab es ein Plus von 25 %. Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ist Jahr für Jahr gestiegen, wir sind Exportweltmeister. Als Motor für mehr Beschäftigung reicht das nicht. Der Funke des Exportbooms springt nicht über auf die Binnenkonjunktur. Der Grund ist simpel, wird aber in vielen ökonomischen Debatten übersehen: Löhne sind nicht nur Kostenfaktoren, sie schaffen auch Nachfrage. Oder eben nicht, wie derzeit im Fall Deutschlands. Die Binnennachfrage stagniert. Wir leben unter unseren Verhältnissen. In der Folge steckt die Bundesrepublik in der tiefsten Konsumkrise ihrer Geschichte.

Das Mindeste, was Lohnpolitik leisten muss, ist die Ausschöpfung des kostenneutralen Verteilungsspielraums: einen Ausgleich für die absehbare Preisentwicklung und einen Anstieg der Reallöhne im Ausmaß des Produktivitätszuwachses. In der Summe sind das derzeit, auf die gesamte Wirtschaft gesehen, gut drei Prozent. Gelingt es nicht, diese Grundregel der Lohnpolitik in Zukunft wieder zu erfüllen, kann das Konsequenzen weit über die deutschen Grenzen hinaus haben. Weil wir in einer Währungsunion leben, strahlt die Lohnentwicklung in Deutschland auf den Euroraum aus. Dort wächst der Druck, sich bei den Löhnen allmählich nach unten anzupassen. Deutliche Tendenzen hierfür sind in Ländern wie den Niederlanden zu sehen, die außenwirtschaftlich eng mit Deutschland verflochten sind und deren Wachstum sehr stark von außenwirtschaftlichen Entwicklungen abhängt.

Greift dieser Trend, was zu erwarten ist, auf weitere Länder über, gerät die wirtschaftliche Entwicklung im gesamten Euroraum so aus der Balance, wie das in Deutschland bereits passiert ist. Damit würden wir das Phänomen der schwachen Binnennachfrage, insbesondere beim privaten Verbrauch, gewissermaßen in den gesamten Euroraum exportieren. Dies ist wesentlich gefährlicher als für Deutschland allein. Es könnte sich eine destabilisierende Tendenz herausbilden, die letztlich in einen realen Abwertungswettlauf bei den Löhnen mündet. Möglicher Endpunkt wäre eine Deflation und damit eine wirtschaftliche Krise, die noch weit schwerer wiegt als die aktuellen Probleme.

*Dr. Reinhard Bispinck ist wissenschaftlicher Referent am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung und Leiter des WSI-Tarifarchivs.

Dr. Gustav A. Horn ist wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung in der Hans-Böckler-Stiftung.

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