Interview mit Stephan Götzl

„Wir müssen uns gegen EU-Pläne wehren“

München – Die Volks- und Raiffeisenbanken in Bayern haben in der Krise Kunden gewonnen. Viele rechnen aber mit härteren Zeiten. Wir sprachen mit Stephan Götzl, dem Präsidenten des Genossenschaftsverbandes Bayern auch über hohe Dispo-Zinsen, die Regulierung und die Zukunft der Einlagensicherung.

Die Banken stehen wegen hoher Dispo-Zinsen am Pranger von Verbraucherschützern. Wie wehren Sie sich dagegen?

Was in dieser Diskussion zu kurz kommt, sind die Kosten für die Bank. Bei Dispokrediten handelt es sich um unbesicherte Kredite, also Blankokredite. Wir müssen sie zu 100 Prozent mit Eigenkapital unterlegen. Das macht sie wesentlich teurer als zum Beispiel Immobilienkredite, denen Sicherheiten entgegenstehen. Dispokredite sind eine Serviceleistung der Banken, aber längst kein rentables Geschäft.

Die EZB leiht den Banken billiges Geld, damit Kredite billiger werden. Warum geben Sie das nicht weiter?

Wir refinanzieren uns nicht über die EZB, sondern durch die Einlagen unserer Kunden. Wir verwalten in Bayern über 100 Milliarden Euro Einlagen und haben 75 Milliarden an Krediten ausgereicht. Wir brauchen also wahrlich kein Geld von der EZB. Die Großbanken bieten übrigens trotz EZB-Geld auch keine niedrigeren Zinsen. Das zeigt, dass wir nicht falsch kalkulieren. Dispokredite sind für die Bank teuer, auch deshalb, weil sie in der Menge nur schwer kalkulierbar sind. Die Bank kann nicht planen, ob und wann der Rahmen ausgeschöpft wird, muss aber Geld vorhalten, damit der Kunde seinen Dispo in Anspruch nehmen kann. Flexibilität ist teuer. Das ist wie beim Fliegen. Wer kurzfristig plant und bucht, zahlt oft mehr.

Sie haben gesagt, hohe Dispo-Zinsen haben eine disziplinierende Wirkung. Wie meinen Sie das?

Ich stehe dazu: Hohe Dispo-Zinsen senden dem Kunden ein Stopp-Signal. Das ist nicht schlecht. Zudem gibt es Alternativen. Wenn ein Kunde absieht, dass er einen Kredit braucht, sollte er zu seiner Bank gehen. Wer darlegt, dass er für eine bestimmte Zeit eine bestimmte Summe braucht und die Schulden zurückführen kann, wird bei der Zinshöhe kein Problem haben.

Also ein Ratenkredit?

Ja, das ist eine Option. Zum Beispiel dann, wenn das Weihnachtsgeld erst in zwei Monaten kommt, das neue Sofa aber schon jetzt, und man diese Zeit überbrücken muss. Dann ist ein Ratenkredit allemal günstiger als ein Dispokredit.

Es gibt Studien, dass Menschen nichts sparen, weil sie kaum Zinsen bekommen, weil sie der Finanzwirtschaft nicht trauen, oder weil sie nicht an eine Zukunft unseres Geldes glauben. Wie gehen Sie damit um?

Sparen ist ja auch eine Frage der Lebenseinstellung. Da geht es nicht nur um Zinsen, sondern auch um das Ansparen, um später etwas zu haben, von dem man auch leben kann. Die Alternative ist, alles zu verkonsumieren und später mit leeren Händen dazustehen. Die meisten Menschen wissen, dass sie vorsorgen müssen. Und: In Bayern wird ja gespart. Wir haben bei den Genossenschaftsbanken ein Einlagenwachstum von 0,9 Prozent. Bei den oberbayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken wird mit 1,7 Prozent deutlich intensiver gespart. Auch Bausparverträge und Lebensversicherungen erleben eine Renaissance.

Doch gerade die Lebensversicherungen sind ins Gerede gekommen. Es wird darüber spekuliert, dass schlechtere Gesellschaften den Garantiezins nicht mehr zahlen können.

Die Niedrigzinsphase ist für die Versicherungen schmerzhaft. Aber dank ihrer Schwankungsreserven können sie das für einige Jahre aushalten. Für mich ist viel gravierender, woran die europäische Kommission arbeitet. Daran, dass Versicherungen ausgerechnet diese Reserven auflösen sollen.

Man könnte glauben, die Finanzbranche hat eine schlechte Lobby in Brüssel?

Ja, die Politik blickt undifferenziert auf die Finanzindustrie als Ganzes und vernachlässigt, dass man nach Größe, nach Risikostruktur und Geschäftsmodell unterscheiden müsste.

Konnten Sie in Europa auch etwas durchsetzen?

Einiges. Etwa dass EZB-Präsident Mario Draghi inzwischen sagt, dass er an den drei Säulen des deutschen Systems festhalten will (Geschäftsbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken – die Redaktion). Langsam dringen wir in Brüssel und anderswo durch, wenn wir darauf hinweisen, dass die drei Säulen ein Stabilitätsfaktor sind und erhalten bleiben müssen. Das ist im legitimen nationalen Interesse. Auch bei der Bankenunion tut sich etwas. Bisher wurde nur definiert, wen man beaufsichtigen will. Aus dem Europäischen Rat kommt jetzt die Idee zu definieren, wen man nicht beaufsichtigen will. Das ist klarer.

Wer ist das?

Institute, deren wirtschaftliche Bedeutung zu gering ist, um die nationalen Volkswirtschaften zu gefährden, wenn sie in eine Schieflage kommen.

Wo ist denn da die Grenze? Schon bei einer großen Sparkasse?

Selbst große Sparkassen würden in einer Schieflage unsere Volkswirtschaft nicht gefährden. Die diskutierte Definition ist, dass die Bilanzsumme einer einzelnen Bank nicht mehr als die Hälfte der Bilanzsumme aller Banken in einem nationalen Markt ausmachen darf. Das ist selbst bei der Deutschen Bank nicht der Fall. Sie fällt aber unter die EZB-Aufsicht, weil sie grenzüberschreitend tätig ist.

Was haben Sie gegen die geplante europäische Einlagensicherung?

Sie führt dazu, dass deutsche Banken mit ihren Einlagensicherungen für potenzielle Schieflagen europäischer Banken geradestehen müssen. Ein Beispiel: Anfang Januar 2009 waren im britischen Einlagensicherungssystem neun Millionen Pfund. Lächerlich wenig. Unser genossenschaftliches Einlagensicherungssystem, wie im Übrigen auch das der Sparkassen, ist dagegen vorbildlich und krisenfest. Wenn wir nun für andere Banken in Europa das Einlagenschutzsystem mitzahlen, können die ihre Produkte günstiger anbieten. Das verzerrt den Wettbewerb zu unseren Lasten.

Wie geht es den Genossenschaftsbanken insgesamt?

Sowohl das Privat- wie Firmenkundengeschäft läuft gut. Bei letzterem hatten wir allein im letzten Jahr 25 000 neue Kunden gewonnen. Wir werden 2012 eine ordentliche Ertragslage erzielen. Allerdings wird es auch für uns nicht leichter. Staatlich gestützte Mitbewerber nutzen Hilfen, um mit hohen Zinsen um Anleger zu werben. Das führt zu Wettbewerbsverzerrungen, die mich massiv stören.

Haben Sie darauf eine Antwort oder müssen Sie das einfach so hinnehmen?

Wir sprechen darüber natürlich mit der Politik. Aber zugleich stellen wir uns der Herausforderung. Wir versuchen Abläufe zu verschlanken und zu standardisieren.

Also Kosten senken?

Wir haben nur zwei Möglichkeiten: Wir sparen oder wir erzielen mehr Geschäftsvolumen. Dabei ist für uns klar, dass wir nur risikolos wachsen wollen. Das schränkt die Geschäftsmöglichkeiten ein. Also müssen wir uns auch auf die Kostenseite konzentrieren.

Das bedeutet im Allgemeinen: weniger Personal.

Nicht zwangsläufig. Wir müssen auch den Blick kritisch nach innen in den genossenschaftlichen Finanzverbund richten: Wir leisten uns zum Beispiel noch immer zwei Rechenzentralen. Wenn wir diese und alle IT-Dienstleistungen im Verbund zusammenführen, können wir eine Milliarde Euro pro Jahr einsparen.

Zum Thema Fusionen: Die Genossenschaftsbanken Rosenheim-Chiemsee und Mangfalltal schließen sich zusammen. Gibt es da noch weitere Anläufe?

Es reden gerade einige miteinander. Das ist das ureigenste Recht unserer Mitglieder. Grundsätzlich gilt aber auch da: Es müssen die Geschäftsphilosophie und die Menschen zusammenpassen, damit aus Gesprächen mehr wird.

Werden die ganz kleinen Raiffeisenbanken verschwinden?

Klares Nein: Es wird sie weiterhin geben. Auch wenn aus der Europäischen Kommission immer wieder der Einwand kommt, der deutsche Bankenmarkt sei zu kleinteilig.

Bereitet Ihnen das Sorgen?

Ja! Die Absicht, Deutschland als größten Bankenmarkt Europas neu zu strukturieren ist ja eine Triebfeder für die ganze Regulierung. Offenkundig stört es die EU-Kommission, dass Sparkassen und Genossenschaftsbanken kein anderer übernehmen kann. Damit entsprechen sie nicht dem kapitalmarktgeprägten angelsächsischen Weltbild, das auch in Brüssel gepflegt wird.

Das klingt aber nach Verschwörungstheorie.

Das ist keine Verschwörungstheorie. Es gibt Schreiben hochrangiger Stellen in Brüssel, in denen steht, wir hätten, durch die Nicht-Übernahmefähigkeit der Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die deutschen Großbanken ins Kreditersatzgeschäft und ins Ausland getrieben. Dabei ist das völliger Nonsens, zeigt aber, dass es weniger um die Sache als vielmehr um handfeste Strukturveränderungen auf dem deutschen Bankenmarkt geht. Dagegen müssen wir uns wehren.

Das Gespräch führten Corinna Maier und Martin Prem

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