Bernd Becking, Chef der Arbeitsagentur in München

„Wir müssen die stillen Reserven aktivieren“

Nach der Wirtschaftskrise steht eine neue Krise bevor: Der Mangel an qualifizierten Fachkräften. Wir sprachen mit Bernd Becking, dem Chef der Arbeitsagentur München.

Unternehmen kritisieren fehlende Ausbildungsreife bei den Bewerbern. Wer ist jetzt wie in die Pflicht zu nehmen?

Acht Prozent der Jugendlichen verlassen die Schule ohne Abschluss, bei den Migranten sind es sogar 15 Prozent. Deshalb ist zuerst einmal die Schule in der Pflicht zu handeln. Aber auch die Agentur für Arbeit versucht gemeinsam mit den Schulen, Kammern und Unternehmen, schon frühzeitig bei der Berufsorientierung zu helfen. Es laufen gerade verschiedene Projekte, in denen zwei Jahre vor der Schulentlassung damit begonnen wird, den Schülern die Berufswelt näherzubringen.

Was ist mit denen, die die Schule schon verlassen haben?

Um die muss sich die Agentur für Arbeit intensiv kümmern. Das machen wir mit verschiedenen berufsvorbereitenden Maßnahmen. Einige müssen beispielsweise erstmal den Hauptschulabschluss nachholen. Andere haben es schwierig, weil sie ihren Abschluss nur mit schlechten Noten bestanden haben. Denen vermitteln wir Praktika. Der Effekt: 60 Prozent erhalten danach einen Ausbildungsplatz.

Wann werden wir den Fachkräftemangel spüren?

Von der Wirtschaftskrise zur Krise des Fachkräftemangels wird es nur einen kurzen Übergang geben. Diese neue Krise wird schon sehr zeitnah in allen Branchen zu spüren sein. Kritisch ist es bereits im Pflegebereich und den Gesundheitsberufen sowie in speziellen IT-Bereichen.

Wie kann man dem entgegenwirken?

Wir müssen die sogenannten „stillen Reserven“ aktivieren: Arbeitslose, die in Folge der Krise in Hartz IV gerutscht sind, Frauenrückkehrerinnen, die bisher mit der Kindererziehung beschäftigt waren und alleinerziehende Mütter, die bisher nicht arbeiten konnten, weil sie keine Kinderbetreuung gefunden haben. Außerdem müssen wir Geringqualifizierte in Betrieben durch Weiterbildung zumindest teilqualifizieren, hier investieren wir drei Millionen Euro.

Braucht Deutschland wieder – wie in den 1960er Jahren – Arbeitskräfte aus dem Ausland?

Aus meiner Sicht wäre das ein möglicher Ansatz, aber nicht der primäre. Zuerst müssen wir wirklich diese „stillen Reserven“ aktivieren.

Wie wirkt sich der Mangel an geeignetem Nachwuchs auf die Situation von Frauen und Migranten aus, die bislang eher benachteiligt waren?

Für beide Gruppen bedeutet die aktuelle Situation eine große Chance. Nur 32 Prozent der Azubis sind Migranten, das ist viel zu wenig. Mit der Handwerkskammer arbeiten wir beispielsweise eng zusammen, um noch mehr Schüler mit Migrationshintergrund für eine betriebliche Ausbildung zu motivieren. Um mehr Frauen ausbilden zu können, muss man auch neue, kreative Wege gehen. Beispielsweise sollte es auch möglich sein, eine Ausbildung in Teilzeit zu absolvieren. Das wäre besonders für Frauen mit Kindern interessant.

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