"Wir sind erpressbar geworden"

- München - Stephan Götzl trägt perfekt gebundene Krawatten, kann minutenlang wohlklingend über "Chancen" und "Risiken" sinnieren, aber plötzlich derart auf den Tisch hauen, dass die Kaffeetassen tanzen. Letzteres derzeit vor allem, wenn er von der IG Metall spricht. Der Ärger zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaft nehme zu, sagt der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) beim Redaktionsgespräch.

<P>Bayerns Firmenchefs stehen mehrfach unter Dampf. Konsumflaute im Inland, Lohndumping im Ausland, starres Arbeitsrecht und hoher Kostendruck, Vorwürfe von der Politik, und jetzt wächst auch noch der Ärger mit den Gewerkschaften. Zwar ist oft die Rede von Arbeitszeitverlängerung. Götzl zieht jedoch eine trübe Bilanz der Gespräche in den bisher 50 Betrieben, in denen vorwiegend Mehrarbeit mit Billigung der Gewerkschaften eingeführt werden soll.</P><P>Seit Mitte Februar gibt es die Öffnungsklausel im Tarifvertrag der bayerischen Metall- und Elektroindustrie, in besonderen Fällen die Arbeitszeit individuell bis auf 40 Stunden zu steigern, wenn sich Chef und Belegschaft einigen. Mit 88 Unternehmen wird derzeit verhandelt. Gewerkschaft und Arbeitgeberverband müssen einer Einigung zustimmen, "wenn dadurch die Beschäftigungssituation verbessert wird", heißt es in der Rahmenvereinbarung. Götzl wirft der IG Metall nun aber vor, diese Möglichkeit und damit mehr Flexibilität zu blockieren. "Die wehren sich dagegen bundesweit", sagt Götzl, zögen ihre formale Zustimmung in die Länge und verstoßen gegen die Vereinbarung.</P><P>Ohnehin wähnen sich die Arbeitgeber bei Tarifgesprächen inzwischen in der schlechteren Position. Schon mit gezielten Warnstreiks, vor allem bei Zulieferbetrieben, bauen die Gewerkschaften hohen Druck auf. "Wir sind erpressbar geworden", sagt Götzl, "es gibt keine Waffengleichheit mehr."<BR>Zuletzt hatte Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber kritisiert, die Arbeitgeber gingen vor der IG Metall in die Knie und weinten sich hinterher bei der Politik aus. "Das nehme ich bitter ernst", sagt Götzl, verweist aber auf die fehlende Waffengleichheit. Er fordert von den Unternehmen mehr Einmischung. "Die Firmen müssen gesellschaftspolitischer werden und dürfen sich nicht nur auf ihre Geschäftszahlen zurückziehen. Wir müssen um diesen Standort auch kämpfen." Deshalb müsse man "die IG Metall in die Pflicht nehmen. Das tun wir."</P><P>Götzl selbst kämpft übrigens nur noch bis zum Jahresende an dieser Front - dann wechselt er zum nächsten Verband. Am 1. Januar tritt er sein Amt als Präsident des Genossenschaftsverbands an. "Als ich im August gefragt wurde, ob ich das machen will, habe ich erst mal selbst nicht genau gewusst, was für eine Organisation das ist", lacht er heute. Nach reiflicher Überlegung fand er dann, "dass das eine ausgesprochen spannende Aufgabe ist, die näher am Unternehmerischen liegt", sagt der 44-Jährige jetzt.</P><P>In die Politik zieht es den ehemaligen rheinland-pfälzischen Staatssekretär - damals war er 29 - übrigens derzeit nicht mehr. Die Kaffeetassen an Stoibers Kabinettstisch sind nicht in Gefahr.</P>

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