"Wir sollten nicht heulen, weil wir nicht mehr die Billigsten sind"

- Unter den deutschen Bürgern wächst die Skepsis gegenüber der Europäischen Union. Denn gerade seit der Ost-Erweiterung am 1. Mai 2004 scheinen sich vor allem negative Folgen bemerkbar zu machen: Unternehmen verlagern nach wie vor Stellen in die Beitrittsstaaten. Gleichzeitig strömen im Rahmen der Dienstleistungsfreiheit Osteuropäer in die Bundesrepublik und machen besonders den Handwerkern Konkurrenz. Unsere Zeitung sprach mit Ungarns Wirtschaftsminister Já´nos Kó´ka über die Migration der Arbeit.

<P class=MsoNormal>Herr Kóka, wie viele Ungarn haben sich nach dem EU-Beitritt Ihres Landes am 1. Mai aufgemacht, um in Westeuropa einen Job zu finden?<BR>János Kóka: Nach Großbritannien gingen etwa 300 bis 400, nach Schweden rund 200. Insgesamt dürften es nicht mehr als ein paar Tausend sein. Uns geht es ganz gut daheim, die Ungarn wollen ihr Land gar nicht verlassen.</P><P class=MsoNormal>Allerdings dürfen sie auch noch nicht überall hin. In Deutschland etwa wird der Arbeitsmarkt für Bürger aus den osteuropäischen Beitrittsländern voraussichtlich erst in sechs Jahren geöffnet. Werden dann mehr Ungarn kommen?<BR>Kóka: Nein, das glaube ich nicht.</P><P class=MsoNormal>Können Sie verstehen, dass die Deutschen Angst haben, ihre Jobs an billigere Arbeitskräfte aus Osteuropa zu verlieren?<BR>Kóka: Die Europäer müssen erkennen, dass die Ost-Erweiterung Vorteile bringt. Ungarn beispielsweise ist ein schnell wachsender, stabiler, wettbewerbsfähiger Markt und deswegen kommen auch deutsche Investoren wie Audi gerne, um dort Geschäfte zu machen. In vielen Fällen haben diese Unternehmen gezeigt, dass ihre Präsenz inUngarn Arbeitsplätze in Deutschland erhalten kann. Außerdem bleibt das Kapital innerhalb der EU, wenn Unternehmen in Mittel- und Osteuropa gut verdienen, und fließt nicht nach Asien.</P><P class=MsoNormal>In Deutschland ist Ungarn als Niedriglohnland bekannt. Tatsächlich aber sind die Einkommen in den letzten Jahren stark gestiegen. Unternehmen wie IBM oder Philips haben deswegen ihre erst kürzlich errichteten Werkbänke ins günstigere Rumänien oder nach Asien verlegt. Schockiert Sie das?<BR>Kóka: Es gibt diesen Trend, aber den können wir nicht stoppen. Wir müssen erkennen, dass die kostenintensive Massenproduktion auf den Balkan oder nach Asien ausgelagert wird. Aber es gibt ein Mittel dagegen: Wir müssen mehr Wert schaffen, uns auf Innovationen, Forschung und Entwicklung konzentrieren. Investoren und Unternehmen, die hochwertige Leistungen anbieten und hochqualifiziertes Personal benötigen, werden in Ungarn bleiben. Weil wir die Tradition dafür haben, über sehr gute Universitäten verfügen, die Ungarn gut Deutsch und Englisch sprechen können und weil unser Land im Herzen Europas liegt. Wir sollten nicht heulen, weil wir nicht mehr die Billigsten sind. Ich will lieber am produktivsten sein.</P><P class=MsoNormal>Dann haben Sie auch keine Angst, wenn Ihr Nachbar Rumänien voraussichtlich 2007 der Europäischen Union beitritt?<BR>Kóka: Sie werden ihren Preis-Vorteil verlieren. Denn wenn ein Land der EU beitritt, muss es seine Sozialsysteme anpassen und das Wohlstandsniveau wird sich europäischen Standards angleichen. Übrigens bin ich sehr glücklich darüber, dass Ungarn bislang das meiste Kapital von allen EU-Beitrittsländern angezogen hat.</P><P class=MsoNormal>Ihr Land gehört seit fast einem Jahr zur EU. Gab es seit dem Beitritt Verlierer?<BR>Kóka: Der EU-Beitritt ist für Ungarn eine Erfolgsgeschichte. Klar, es gibt Menschen und Regionen, die mehr profitieren. Aber niemand muss leiden. Wichtig ist, dass in den nächsten zehn Jahren aus EU-Mitteln und Privatisierungserlösen 60 bis 80 Milliarden Euro in die ungarische Wirtschaft fließen.</P><P class=MsoNormal>Das Gespräch führte Florian Ernst.</P>

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