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Hat der Brief eine Zukunft? Jürgen Gerdes (Jahrgang 1964) macht sich darüber im Vorstand der Deutschen Post Gedanken. Er verantwortet dort das Briefgeschäft.

Post-Vorstand Jürgen Gerdes im Interview

„Wir stehen vor einem historischen Wandel“

München – Im Post-Konzern hat Jürgen Gerdes den wohl härtesten Job: Im Zeitalter von Internet, E-Mail und SMS soll der Vorstand dem Briefgeschäft eine Zukunft sichern. Daneben kümmert er sich um die Filialen des gelben Riesen, die bis 2011 vollständig in sogenannte Partneragenturen umgewandelt werden sollen.

Um seine Strategie Führungskräften des Bonner Konzerns zu erklären, ist Gerdes in dieser Woche nach München gekommen. Zuvor sprach er in einem Hotel in der Innenstadt mit uns über Visionen für das Briefgeschäft, längere Arbeitszeiten für die Zusteller und darüber, warum die Post manchmal erst nachmittags und manchmal gar nicht kommt.

Herr Gerdes , wann haben Sie zuletzt einen Brief geschrieben?

Vergangene Woche.

Privat oder geschäftlich?

Geschäftlich. Aber ich schreibe auch noch privat Briefe. Einen handgeschriebenen Brief zu verschicken, ist etwas ganz Besonderes.

Wirklich nötig sind Briefe allerdings nur noch auf geschäftlicher Ebene, wo E-Mails nicht rechtsverbindlich sind. Und auch das dürfte sich bald ändern. Erleben wir jetzt das Ende des Briefzeitalters?

Der physische Brief, der über 500 Jahre alt ist, verändert sich. Wir stehen so wie alle Postunternehmen der Welt vor einem Wandel, wie es ihn noch nie gab. Aber warum hat der physische Brief über 500 Jahre überlebt? Das liegt unserer Meinung nach an vier zentralen Eigenschaften, die ihn zum Beispiel von der E-Mail abgrenzen: Absender und Empfänger sind eindeutig identifizierbar, er kommt sicher an und niemand schaut rein. Diese Eigenschaften wollen wir ins Internet übertragen. Wir wollen das Briefgeheimnis, für das wir seit über500 Jahren stehen, selbstverständlich ins Internet transferieren.

Was heißt das konkret?

In Zukunft soll der Kunde, der sich für die Nutzung des elektronischen Briefs angemeldet hat, die Möglichkeit haben, einen Brief am Computer oder dem Handy zu schreiben und wir stellen ihn elektronisch sicher zu. Sollte der Kunde nicht registriert sein, drucken wir den Brief aus und stellen ihn am nächsten Tag zu. Wir starten dazu diesen Monat einen internen Test mit Mitarbeitern und Ende dieses Jahres oder Anfang nächsten Jahres einen Pilottest am Markt.

Braucht man das wirklich?

In Befragungen haben uns Kunden klar gesagt: „Das ist ein toller Service. Den wollen wir haben, lieber heute als morgen. Und wir sind bereit, Geld dafür zu zahlen.“

Neben solchen innovativen Projekten erhöhen Sie den Spardruck. Die Zusteller sollen länger als die regulären 38,5 Stunden pro Woche arbeiten und womöglich weniger Geld verdienen. Was blüht den Beschäftigten?

Unsere Mitarbeiter machen jeden Tag einen phantastischen Job und arbeiten hart. Die Zusteller liefern jeweils etwa zwischen 700 und 1200 Briefe am Tag aus. Das ist Hochleistungssport. Die Möglichkeiten zu Produktivitätssteigerungen sind ausgeschöpft. Gleichzeitig schrumpft der Markt und wir haben kaum Möglichkeiten zu Preiserhöhungen. Vor diesem Hintergrund sind wir als verantwortungsbewusste Manager in der Pflicht, den Erhalt der Arbeitsplätze sicherzustellen. Deshalb denken wir über eine Reihe von Maßnahmen nach. Die sollen aber für die Beschäftigten so schonend durchgeführt werden, wie es nur geht.

Bis Mitte 2011 haben Sie einen Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen garantiert. Und dann?

Die Zahl der Arbeitsplätze wird weiter sinken. Wenn wir jetzt die richtigen Maßnahmen treffen, können wir auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten. Wenn wir noch ein paar Jahre warten, ist es möglicherweise zu spät. Ich möchte nicht irgendwann meinen Leuten in die Augen schauen und sagen müssen: „Jetzt muss ich vielen von Euch betriebsbedingt kündigen, weil wir nicht rechtzeitig die Probleme angepackt haben, obwohl wir sie kannten.“

Wie lange sollen die Zusteller also künftig arbeiten?

Das werden wir uns in Gesprächen mit Gewerkschaften und Betriebsräten überlegen. Ich stelle aber fest: 40 statt 38,5 Stunden Arbeit pro Woche wären 18 Minuten am Tag mehr. Wenn ich Mitarbeiter frage, was ihnen besonders wichtig ist, kommt an erster Stelle ein sicherer Arbeitsplatz. Als Zweites wollen sie keine Lohneinbußen und als Drittes ab und zu eine Gehaltserhöhung, um die Preissteigerungen auszugleichen. Kein Einziger sagt, er möchte nur 38,5 Stunden pro Woche arbeiten.

Bei den Lohneinbußen wird es kritisch. Das planen Sie doch auch, oder?

Ich wünsche mir, dass wir eine moderate Arbeitszeitverlängerung bei unseren aktuell Beschäftigten hinbekommen und das Thema Lohnsenkung im Wesentlichen auf Neueinstellungen beschränken können.

Hat man bei den Zustellern nicht ohnehin schon zu viel gespart? In der Region Bad Tölz zum Beispiel wurde beklagt, dass mitunter die Post nicht kommt, weil der Zusteller nicht fertig wird.

Wir haben zwei Arten von Nichtzustellung: Das eine sind Ausfälle – etwa bei extremer Witterung. Das kommt sehr, sehr selten vor. Das zweite sind Abbrüche, weil der Zusteller nicht fertig geworden ist. Dagegen haben wir Maßnahmen ergriffen und teils auch zusätzliche Zusteller eingestellt.

In anderen Regionen wird beklagt, dass die Post immer später am Tag kommt.

Wenn Zusteller von 9 bis 17 Uhr unterwegs sind, gibt es natürlich Kunden, die ihre Post erst um 17 Uhr erhalten. Aber insgesamt steigt die Zustellqualität. Das bestätigen uns unabhängige Überprüfungen. Wir müssen aber bei diesem Thema am Ball bleiben.

Angeblich sollen künftig samstags weniger Briefkästen geleert werden und montags nur noch die Hälfte der Zusteller losgeschickt werden.

Wir haben bundesweit 108 000 Briefkästen und dabei wird es bleiben. Wenn Kästen seltener geleert werden als bisher, dann deshalb, weil nicht mehr so viel drin ist. Wenn die Zahl der Sendungen weiter sinkt, kann es auch sein, dass weniger Zusteller am Montag rausmüssen. Aber es wird natürlich auch in Zukunft Post am Montag zugestellt werden. Wir optimieren permanent unsere Strukturen. Aber die Kunden werden nicht darunter leiden. Wir werden zum Beispiel an neun Montagen im Sommer 15 unserer 82 Briefzentren für die Abgangsverteilung schließen. In Bayern wird das Starnberg, Kempten, Amberg und Straubing betreffen. Aber das wird der Kunde nicht merken, weil die Verteilung von anderen Standorten übernommen wird.

Vielerorts bilden sich Unterschriftensammlungen und Demonstrationen für den Erhalt von Postfilialen, zum Beispiel in Wolfratshausen . Trotzdem bleibt es dabei, dass bis 2011 alle eigenen Filialen aufgegeben werden und sich die Post stattdessen auf sogenannte Partneragenturen stützt. Warum beharren Sie darauf?

Wenn jemand zu einem Hamburgerrestaurant geht, fragt er auch nicht, ob das Lokal eigen- oder fremdbetrieben ist. Das Gleiche gilt für dieses Hotel: Wer fragt danach, ob das fremd- oder eigenbetrieben ist? Nirgendwo fragt jemand danach. Die Wahrheit ist: 1990 hatten wir eine durchschnittliche Öffnungszeit einer Filiale von 18 Stunden pro Woche. Heute sind es 43 Stunden. Und die Partnerfilialen, die wir nicht selbst betreiben, erhalten von den Kunden die besten Noten. Wir haben momentan in Deutschland 16 000 Filialen und Verkaufspunkte. Wir planen, bis 2012 daraus 24 000 zu machen, aber eben keine Riesen-Filialen mit zehn Schaltern. Der normale Bürger braucht nur sehr wenige Produkte, aber die möglichst nah. In Wolfratshausen zum Beispiel wird es gegenüber der bisherigen Filiale eine Partneragentur geben. Und wir werden zusätzlich eine zweite Agentur eröffnen.

Interview: Corinna Maier und Dominik Müller

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