Nach Milliardenskandal

Wirecard: Münchner Zahlungsdienstleister stellt Insolvenzantrag - die Financial Times warnte schon 2019

Das Münchner Dax-Unternehmen Wirecard hat Insolvenz beantragt. Die Financial Times berichtete schon vor einem Jahr über mutmaßliche Manipulationen.

  • Das Münchner Dax-Unternehmen Wirecard hat Insolvenz angemeldet.
  • Am Montag räumte der Zahlungsdienstleister Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro ein.
  • Schon Anfang 2019 hatte die Financial Times über mutmaßliche Manipulationen in Singapur berichtet.

München. Der in einen Bilanzskandal verstrickte Münchner Zahlungsdienstleister Wirecard hat angekündigt, Insolvenz zu beantragen. Wegen Überschuldung und drohender Zahlungsunfähigkeit werde das Unternehmen Insolvenz anmelden, wie der Vorstand am Donnerstag in einer Mitteilung bekannt gab. Möglicherweise sind große Teile des Konzerns betroffen: Der Wirecard-Vorstand prüft, ob auch die Tochtergesellschaften des Konzerns Insolvenz anmelden müssen. Die Wirecard Bank soll davon ausgenommen werden. Mit Einverständnis der Finanzaufsicht Bafin wird diese finanziell und organisatorisch von der Muttergesellschaft abgekoppelt. 

Wirecard: Münchner Unternehmen beantragt Insolvenz - Aktie stürzt ab

Nachdem die Wirecard-Aktie innerhalb der vergangenen Woche bereits neunzig Prozent ihres Wertes verloren hatte, stürzte sie nach der Insolvenzankündigung noch einmal um 80 Prozent ab. Unter den Leidtragenden sind sehr viele Kleinaktionäre sowie der frühere Vorstandschef Braun, der im Februar noch Großaktionär und Milliardär war. Nun sitzen sie im Grunde auf wertlosen Papieren.

Ein sofortiger Abstieg aus dem Dax droht den Münchnern aktuell nicht: „Bei einem regulären Insolvenzverfahren dagegen bleibt die Aktie bis zum nächsten regulären Anpassungstermin im Dax“, erläuterte ein Sprecher der Deutschen Börse, welche Regeln für Dax-Mitgliedsunternehmen in diesem Fall greifen. Dieser nächste Anpassungstermin, an dem Wirecard sicher rausfliegen wird, ist der 3. September. Bei einem Kurs von knapp 4 Euro pro Aktie war das Unternehmen am Donnerstag weniger als eine halbe Milliarde wert.

Wirecard: So wird es bei dem Münchner Unternehmen mit dem Insolvenzverfahren weitergehen

Für den weiteren Ablauf bei Wirecard gilt nun folgendes: Zunächst wird ein Gutachter die Lage des Unternehmens bewerten. Der nächste größere Schritt nach dem Eingang des Insolvenzantrags beim Münchner Amtsgericht ist das Bestellen eines vorläufigen Insolvenzverwalters. 

Wie Wirecard mitteilte, laufen Mitte kommender Woche Kredite über insgesamt 1,3 Milliarden Euro aus. „Ohne eine Einigung mit den Kreditgebern bestand die Wahrscheinlichkeit der Kündigung und des Auslaufens von Krediten mit einem Volumen von 800 Millionen Euro zum 30. Juni 2020 und 500 Millionen Euro zum 1. Juli 2020.“ Die Fortführbarkeit des Unternehmens über den 1. Juli hinaus sei „nicht sichergestellt“. Nach Informationen der Nachrichtenagenturen dpa und Bloomberg hatten die Institute, darunter etwa die Commerzbank, die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), die niederländische ABN Amro und die Deutschland-Tochter der niederländischen ING, Wirecard gerade erst einige Tage Aufschub gewährt, um die langfristige Überlebensfähigkeit des Unternehmens zu prüfen, bevor sie die ausstehende Summe zurückfordern.

Münchner Unternehmen Wirecard räumte am Montag Luftbuchen ein

Im Mittelpunkt des Skandals stehen mutmaßliche Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro, die Wirecard am Montag einräumte. Das Geld, das angeblich auf philippinischen Treuhandkonten lagern sollte, existiert mit „überwiegender Wahrscheinlichkeit“ nicht, wie der Vorstand erklärte. Vorstandschef Markus Braun war am Freitag zurückgetreten und kam am Montag für eine Nacht in Untersuchungshaft bis er am Dienstag gegen eine Kaution von fünf Millionen Euro wieder entlassen wurde.

Wirecard ist ein Münchner Zahlungsdienstleister, der bargeldlose Geldflüsse zwischen Händlern und Banken sowie Kreditkartenfirmen abwickelt. Da sich ein großer Teil des Skandals in Südostasien abspielt, könnte die Aufklärung schwierig werden: Zentral beteiligt sind der ehemalige Wirecard-Finanzchef in Südostasien sowie ein Treuhänder, der bis Ende 2019 in Singapur für Wirecard aktiv war. Dieser betreute das wahrscheinlich gar nicht existente Geschäft mit Drittfirmen, die angeblich für Wirecard-Zahlungen im Mittleren Osten und in Asien abwickelten.

Münchner Unternehmen Wirecard: Hätte die Bafin die Manipulation schon früher aufdecken können?

Die Anlegervereinigung DSW forderte Aufklärung. „Das ist eine Katastrophe“, sagte Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler. „Bei Wirecard hat das System versagt“ - das bezieht sich auf Vorstand und Aufsichtsrat sowie auf die Bilanzprüfer der Gesellschaft EY, die die Jahresabschlüsse testierte, und die behördliche Aufsicht durch die Bafin. „Dieser Fall muss komplett aufgeklärt werden, damit wir daraus lernen können“, sagte er weiter. „Das darf nicht wieder so laufen wie bei Volkswagen, dass sich das jahrelang hinzieht und dann mit einer Geldbuße endet.“

Grünen-Fraktionschef Toni Hofreiter kritisierte, die Bafin hätte frühzeitig eingreifen können. „Olaf Scholz und Peter Altmaier als die zuständigen Minister stehen hier in einer besonderen Verantwortung. Sie müssen das Fehlverhalten ihrer Behörden erklären.“

Die Finanzaufsicht Bafin soll bereits Ende 2019 Insiderinformationen zu Unregelmäßigkeiten beim Aschheimer Unternehmen Wirecard erhalten haben. Am Donnerstagnachmittag bestätigte die Bafin einen entsprechenden Bericht des Finanznachrichtendienstes Bloomberg. Zu den Inhalten der Dokumente wurde zunächst nichts bekannt. Offenbar startete die Bafin eine Marktmanipulationsuntersuchung wegen Bilanzunregelmäßigkeiten, meldete den Verdacht auf Marktmanipulation aber erst ein Jahr später.

Wirecard: Münchner Unternehmen beantragt Insolvenz - schon 2019 erste Warnungen

Ins Rollen gebracht hatte die Affäre die britische „Financial Times“. Anfang 2019 berichtete sie über mutmaßliche Manipulationen in Singapur. Da es daraufhin zu außergewöhnlichen Kursstürzen der Wirecard-Aktie an der Frankfurter Börse gekommen war, waren die Finanzaufsicht Bafin und die Münchner Staatsanwaltschaft zuerst dem Verdacht nachgegangen, dass illegale Manöver von Börsenspekulanten dahinter steckten. (dpa) *merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

Rubriklistenbild: © dpa / Sven Hoppe

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