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Wirecard: Start-up, Dax-Aufstieg und Insolvenz - alles zum Zahlungsdienstleister aus Aschheim

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Der Schriftzug von Wirecard ist an der Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters zu sehen.
Wirecard aus Aschheim bei München ist mutmaßlich für die größte Marktmanipulation Deutschlands verantwortlich. © picture alliance/Sven Hoppe/dpa

Wirecard ist heute ein Synonym für den wohl größten Bilanzskandal in Deutschland aller Zeiten. Alles, was man über den Zahlungsdienstleister aus Aschheim wissen muss.

München / Aschheim – Als die Wirecard AG im Jahr 1999 als vielversprechender Zahlungsdienstleister an den Start ging, hätte niemand vermutet, dass eben jenes Start-up aus Aschheim bei München für einen der größten Bilanzskandale Deutschlands verantwortlich sein würde. Positioniert hatte sich Wirecard mit seinem Konzept der zentralen Payment-Lösung für Kartenakzeptanz und Herausgabe von Zahlungsmitteln, individuell anpassbare globale Lösungen für Unternehmen aller Größen mit einem führendem Know-how in den Bereichen Digital, Retail, Travel & Mobility und Financial Services. Ab März 2018 bot Wirecard Firmenkunden der Mizuho Financial Group Kartenausgabedienste (Acquiring und Issuing) in Asien an. Seine ersten Kunden fand Wirecard übrigens in der Glücksspiel-Branche. Dem langjährigen CEO Markus Braun war es allerdings gut gelungen, dieses unseriöse Image über die Jahre abzustreifen.

Wirecard: Sammelklagen in Deutschland und den USA

Wer als Aktionär in die Wirecard AG investiert hat, möchte nun natürlich Entschädigungen sehen: Dies wäre nur im Rahmen einer Einzelklage oder Sammelklage möglich, in der Schadenersatz eingefordert werden kann.

Allerdings hat die Wirecard AG kaum mehr Liquidität vorzuweisen, bereits einen Insolvenzantrag gestellt und die Liste der Ansprüche auf Schadenersatz wird bereits immer länger: Alleine bei der auf Kapitalmarktverfahren spezialisierten deutschen Kanzlei Tilp haben sich bis Ende Juli 2020 rund 47.000 Wirecard-Aktionäre gemeldet. In einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft München I war im Juli 2020 die Rede von 3,2 Milliarden Euro, die „höchstwahrscheinlich verloren“ seien. Weder die Mittel aus der Insolvenzmasse noch die Vermögen der früheren Vorstände und Manager, gegen die wegen mehrerer schwerer Delikte ermittelt wird, werden zur Entschädigung ausreichen.

Auf den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard kommt noch weiterer Ärger zu: In den USA strengen Kanzleien Sammelklagen von geschädigten Investoren an – gegen ehemalige Wirecard-Vorstände und die Prüfer von EY. Damit könnte der Bilanzskandal um den mittlerweile insolventen DAX-Konzern in den USA tatsächlich vor Gericht landen. Wirecard war erst 2016 mit der Übernahme einer Prepaid-Kreditkartenfirma von der Bad Bank der US-Großbank Citigroup in den US-Markt eingestiegen.

Wirecard: Ermittlungen der Bafin und Staatsanwaltschaft München I

Während die Kritik an der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) immer lauter wird, nimmt Finanzminister Olaf Scholz die Behörde in Schutz. Sie habe getan, was im Rahmen der geltenden Rechtslage möglich sei, heißt es aus dem Bundesministerium der Finanzen. Die Opposition bezweifelt das. Anders als die Wirtschaftsprüfer hat die Finanzaufsicht weitreichende Möglichkeiten.

Zum ersten Mal hatte die Bafin im April 2010 eine Ermittlung eingeleitet – damals war die Wirecard-Aktie aufgrund einer Falschmeldung von Goldman, Morgenstern & Partners um mehr als 30 Prozent gefallen. Daraufhin nahm die Staatsanwaltschaft München I Ermittlungen gegen den Nachrichtendienst auf, die allerdings 2012 eingestellt wurden. Im Jahr 2019 informierte die Bafin dann das Finanzministerium, dass sie „wegen mutmaßlicher Marktmanipulation in alle Richtungen, das heißt auch gegen die Wirecard AG, untersucht.“ Wie unter anderem die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ berichtete, war mit der insgesamt 16 Monate andauernden komplexen Prüfung bei im Wesentlichen nur ein Mitarbeiter betraut.

Wie der „Spiegel“ berichtete, hat der Finanzstaatssekretär Jörg Kukies bereits im November 2019 mit dem damaligen Wirecard-Chef Markus Braun auch über die Wirtschaftsprüfungsfirma KPMG gesprochen. Was genau Kukies mit Braun über die von Wirecard angestrengte Sonderprüfung durch KPMG gesprochen hat, wird den Berichten zufolge nicht dargelegt.

Nach Angabe mehrerer Medien gehen die Vorwürfe gegen die Wirecard AG fast bis zur Gründung durch einen Reverse-Merger der Wire Card AG und Infogenie AG, die beiden Vorgänger-Unternehmen der heutigen Wirecard, zurück.

Wirecard: Insolvenz wegen drohender Zahlungsunfähigkeit

Ein Insolvenzverfahren hat Wirecard am 25. Juni 2020 beantragt. Als Gründe wurden drohende Zahlungsunfähigkeit sowie Überschuldung genannt. Während der Insolvenzverwalter Michael Jaffé Anfang Juli 2020 noch mit der Zerschlagung des Konzerns gerechnet hatte, gab es Ende Juli wieder Hoffnung im Insolvenzverfahren. So sieht der Insolvenzverwalter mittlerweile gute Chancen für einen Verkauf des Kerngeschäfts mit Kartenzahlungen. 77 Interessenten hätten sich dafür bereits gemeldet, die nun im nächsten Schritt in die Bücher schauen dürften, erklärte Jaffé in einer Zwischenbilanz.

Wirecard: Marktmanipulation in erschreckendem Ausmaß

Bereits seit Anfang Juni 2020 ermittelt die Staatsanwaltschaft München I gegen den Vorstand von Wirecard wegen des Verdachts auf Marktmanipulation. Zu diesem Zwecke wurden die Geschäftsräume von Wirecard in München Aschheim durchsucht, wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft bestätigte. In dem laufenden Verfahren gehen die Behörden dem Verdacht nach, dass Vorstände des DAX-Konzerns im Rahmen der Sonderbilanzprüfung durch KPMG falsche oder zumindest irreführende Angaben gemacht und dadurch den Börsenkurs manipuliert haben. Dazu war im Mai 2020 eine Strafanzeige der Bundesanstalt der Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) eingegangen. Es bestehe der Verdacht, „dass die Verantwortlichen der Wirecard durch die Ad-hoc-Mitteilungen vom 12.03.2020 und vom 22.04.2020 irreführende Signale für den Börsenpreis der Aktien der Wirecard AG gegeben haben könnten“, teilte die Sprecherin der zuständigen Staatsanwaltschaft München I weiter mit.

Bei den besagten Ad-hoc-Mitteilungen geht es um die wiederholte Verschiebung der Jahresbilanz. Nach einem ersten Aufschub vom 8. April auf den 30. April hatte Wirecard die Präsentation der zahlen auf den 4. Juni verlegt, aber auch diesen Termin nicht eingehalten. Schon lange vor den offiziellen Ermittlungen stand der DAX-Konzern wegen seiner Geschäftspraktiken unter Druck. Das Unternehmen hatte im Oktober eine Sonderprüfung der Bücher für die Jahre 2016 und 2018 durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG veranlasst.

Im Juni 2020 gestand Wirecard dann ein, dass das Aktiva über 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz nicht zu belegen sei, nachdem der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young das Testat für die Bilanz verweigert hatte. Konkret gab der DAX-Konzern bekannt, dass die Bankguthaben auf den entsprechenden Treuhandkonten „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen“. Infolge des Bilanzskandals trat der CTO und CEO Markus Braun zurück und wurde wenig später wegen des Vorwurfs der Vortäuschung von Einnahmen und Marktmanipulation festgenommen. Als Oberstaatsanwältin leitet Hildegard Bäumler-Hösl das Verfahren gegen Wirecard. Die 57-Jährige ist verantwortlich für die Hauptabteilung III der auf komplexe Wirtschaftsverfahren ausgerichteten Behörde, die wiederum aus insgesamt vier spezialisierten Unterabteilungen besteht.

Ermittlungen gegen Wirecard auf den Philippinen

Bevor Wirecard zugegeben hatte, dass das Treuhandkonto wahrscheinlich nicht bestehe, hatte das Unternehmen angegeben, dass rund 1,9 Milliarden Euro in Bar auf Konten bei zwei philippinischen Banken transferiert worden seien. Die benannten Banken – Banco de Oro und Bank of the Philippine Islands – bestritten jedoch die Existenz dieser Konten. Kurze Zeit später nahmen Ermittler auf den Philippinen ihre Arbeit auf. Im Fokus ihrer Untersuchungen stand unter anderem der Rechtsanwalt Mark Tolentino, der nach Angaben diverser Quellen auf den gefälschten Bankdokumenten als Treuhänder von Wirecard identifiziert worden war.

Wirecard: Der Börsenwert nach dem Skandal

Mit Bekanntwerden des Bilanzskandals verlor Wirecard bis Juli 2020 10,67 Milliarden Euro Börsenwert in der Spitze. Das hat das Online-Portal Kryptoszene errechnet und den Wirecard-Skandal damit in historische Dimensionen eingeordnet. Noch im Mai 2020 hatten Analysten einen starken Börsenwert von Wirecard prognostiziert. Die Baader Bank hatte einen Wert von 240 Euro ausgegeben, das britische Bankhaus Barclays hatte mit 200 Euro gerechnet.

Mitte August veröffentlichte die Deutsche Börse das Ergebnis einer Konsultation mit Marktteilnehmern über die Änderungen der Index-Regeln. Damit muss Wirecard (WKN: 747206 / ISIN: DE0007472060) noch im August den DAX verlassen. Zuvor hatte die Deutsche Börse nach heftiger Kritik am Umgang mit dem Bilanzskandal von Wirecard eine Überarbeitung des Regelwerks für den Aktienindex DAX 30 angekündigt.

Wirecard hatte im September 2018 den Platz der Commerzbank im DAX übernommen. Als mögliche Nachfolger werden nun Delivery Hero und Symrise gehandelt. Maßgeblich für die Listung im DAX ist neben dem Börsenumsatz auch der Börsenwert.

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