Wirtschaft bastelt an den Gesundheits-Chips

- München - Sie streiten über Zahnersatz und Zuzahlungen, doch über die Chips sind sich die Parteien einig. Die elektronische Gesundheitskarte soll kommen, heißt es im aktuellen SPD-Gesetzentwurf zur Gesundheitsreform. Auch die Union fordert die intelligente Karte. Ob Heilungs-High-Tech oder digitale Daten-Diarrhö - wenn die Karte millionenfach kommt, kommt sie wohl aus München.

<P>Bei Giesecke & Devrient bastelt man diskret an Lösungen. Langfristig bräuchten 80 Millionen Deutsche je ein Exemplar. Technisch kein Problem, heißt es dazu an der Prinzregentenstraße. Ganz Taiwan wird derzeit mit Gesundheitskarten von G&D bestückt _ Weltpremiere. Nach dem Staatspräsidenten bekommen bis Ende August 21 Millionen Taiwanesen das scheckkartengroße Plastik. Gespeichert werden Arztbesuche, Diagnosen und Kosten. Der Krankenschein hat ausgedient. 195 Millionen Euro will Taiwans staatliche Krankenkasse damit sparen.</P><P>Der Ferne Osten steht für Deutschland Modell. Ab 1. Januar 2006 will Gesundheitsministerin Ulla Schmidt die Karte haben. Vorerst freiwillig. "Es geht uns in erster Linie nicht ums Sparen, sondern um Transparenz und mehr Beteiligung der Patienten", so das Ministerium.</P><P>"Man muss jetzt in die<BR>Gänge kommen."<BR>Andrea Bockholt, Giesecke & Devrient</P><P>Zu lesen sind die Karten nur von Ärzten oder vom Patienten mit Geheimnummer. Beim Hausarzt kann er festlegen, welcher Mediziner welche Daten lesen kann. "Der Chirurg muss nicht sehen, ob der Patient in psychologischer Behandlung war", erklärt G&D-Sprecherin Andrea Bockholt. Wird der Chip manipuliert, gehe er kaputt, verspricht sie. Missbrauch sei, anders als bisher, ausgeschlossen.</P><P>In Deutschland ist wahrscheinlich, dass auch Unverträglichkeiten, Röntgen-Termine und wichtige Notfall-Daten auf der Karte und in einer zentralen Datenbank gespeichert werden. Modellprojekte in kleinem Rahmen liefen bisher erfolgreich, weitere sollen 2004 folgen.</P><P>Datenschützer reagieren noch skeptisch. Sie fürchten, dass Ärzte gespeicherte Befunde ungeprüft übernehmen. Das Ministerium hat da keine Bedenken. G&D sieht für den Datenschutz eher eine Verbesserung. "Machen wir uns nichts vor: Die Informationen über Patienten sind längst vorhanden, bloß über verschiedene Krankenakten verteilt", sagt Bockholt.</P><P>Der Wirtschaft winken mit einer flächendeckenden Einführung der Karte Milliarden-Aufträge. Von 1,3 Milliarden Euro ist die Rede. Die Karten für Taiwan werden dort zu je knapp fünf Euro gefertigt. Hinzu kommen Software und Millionen Geräte für Praxen, Krankenhäuser und Apotheken. Im Gegenzug will G&D Einsparungen von 890 Mio. Euro pro Jahr errechnet haben - ein halbe Milliarde allein, wenn Wechselwirkungen der Medikamente vermieden werden.</P><P>Der Münchner Konzern hofft auf umgehende Beschlüsse der Politik: "Man muss in die Gänge kommen. Die Karten sind ja nur ein Bruchteil des Konzepts." Unklar ist aber die Finanzierung. Alles schön und gut, heißt es etwa bei der Barmer, die Kassen könnten das jedoch nicht schultern - schon gar nicht aus Mitteln für Behandlungen.<BR><BR></P>

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