"Wirtschaft ist nicht auf Rezessionskurs"

München - Die deutsche Wirtschaft lahmt. Viele Bürger fürchten ein Ende des Aufschwungs mit schmerzhaften Folgen. Tatsächlich dürfte zumindest das Jahr 2008 noch einmal erfolgreich werden. Die wichtigsten Fragen rund um die Konjunktur.

-Wie steht es um die deutsche Wirtschaft?

Nicht so schlecht, wie es derzeit oft heißt. Nach einem starken ersten Quartal ist die deutsche Wirtschaft von April bis Juni 2008 erstmals seit vier Jahren wieder geschrumpft. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank laut Statistischem Bundesamt um 0,5 Prozent gegenüber Vorquartal und damit weniger stark, als Pessimisten erwartet hatten. Grund dafür war vor allem die Kaufzurückhaltung der privaten Haushalte.

Rechnet man für Deutschland die Zahlen seit Jahresbeginn zusammen, so ergibt sich im ersten Halbjahr ein Zuwachs von 1,2 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Halbjahr. Für das Gesamtjahr erwarten das Münchner Ifo-Institut und die Volkswirte der Allianz ein Plus von 2,0 Prozent. Im Jahr 2006 wuchs die Wirtschaft um 2,9 Prozent, 2007 waren es 2,5 Prozent. Düsterer sieht es allerdings für 2009 aus (letzte Frage).

-Wir müssen also vorerst keine Rezession fürchten?

Von einer Rezession wird in der Regel gesprochen, wenn das BIP in zwei Quartalen hintereinander schrumpft. Davon gehen viele Konjunkturforscher derzeit aber nicht aus: "Die deutsche Wirtschaft ist nicht auf Rezessionskurs", sagte der Wirtschaftsweise Bert Rürup. Die Konjunktur werde sich zwar merklich abschwächen, aber nicht einbrechen.

Ähnlich äußerten sich die Experten der Bundesbank und Kai Carstensen vom Ifo-Institut. Der Ökonom geht davon aus, dass es in den kommenden beiden Quartalen wieder positive Wachstumsraten geben wird: "Dann ist die Riesenangst vor einer ausgewachsenen Rezession vom Tisch."

-Trübt sich nur in Deutschland die Lage ein?

Nein. Weltweit schwächt sich das Wachstum derzeit ab. Das gilt besonders für die USA, aber auch für Schwellenländer wie China sowie einige Staaten Europas wie Spanien und Großbritannien. Im Vergleich dazu kommt Deutschland glimpflich davon, sagt Joachim Scheide vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW).

-Vor einigen Monaten war die Stimmung in Deutschland noch so gut. Wieso diese Wende?

"Der Einbruch der Stimmung ist nicht völlig aus der Luft gegriffen", sagt Ifo-Forscher Carstensen. Die Lage sei noch gut, die Erwartungen für die kommenden Monate seien aber deutlich gesunken. Die Firmen bekämen nicht mehr so viele neue Aufträge. Besonders in den vergangenen Wochen hat sich die Auftragslage drastisch verschlechtert.

-Was war der Auslöser für den Abschwung?

"Es kamen viele Schocks gleichzeitig", sagt IfW-Forscher Scheide. Dazu gehört der rasante Preisanstieg für Öl und Nahrungsmittel. Der hat vor allem die Konsumenten belastet und ihnen Kaufkraft entzogen. Die hohe Inflation, die in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts vom Donnerstag im Juli bei 3,3 Prozent lag, fraß die zuletzt erzielten Lohnsteigerungen wieder auf. Darüber hinaus gewann der Euro an Stärke, was die Exportchancen minderte. Außerdem bremst der Abschwung in den USA die dortige Nachfrage nach deutschen Exportgütern zusätzlich, was die ausfuhrabhängige Wirtschaft weiter schwächt.

-Der Euro hat zuletzt gegenüber dem Dollar verloren, der Ölpreis ist stark gesunken. Wie wirkt sich das aus?

Das wäre für die Wirtschaft eine Erleichterung, weil die Verbraucher und Exporteure entlastet würden. Ein Boom ist deshalb nach Ansicht des IfW aber nicht zu erwarten. Das sehen die Allianz-Konjunkturforscher anders: Sie gehen davon aus, dass sich die Korrektur beim Öl fortsetzt und dies wie ein "Konjunkturprogramm" wirken werde.

-Wie kann man die Verbraucherstimmung und Konjunktur ankurbeln?

"Der Staat kann wenig machen", sagt Scheide. Auch Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) rückt von einem Konjunkturprogramm ab: Davon halte er "überhaupt nichts", sagte er dem "Handelsblatt".

-Kommt jetzt auch die Negativ-Trendwende auf dem Arbeitsmarkt?

Zunächst nicht. Der deutsche Stellenmarkt kann sich Experten zufolge von einer Konjunkturflaute abkoppeln. "Zwar lässt die Dynamik auch am Arbeitsmarkt nach, wir rechnen aber trotzdem für 2009 noch mit leicht besseren Zahlen als in diesem Jahr", sagte der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise. Laut Ifo-Chef Hans-Werner Sinn hat sich der Arbeitsmarkt "vom Wirtschaftswachstum abgekoppelt". Noch würden immer mehr offene Stellen gemeldet als zum Höhepunkt des letzten Konjunkturzyklus.

-Wann geht es wieder aufwärts?

Schwer zu sagen. Bis Mitte 2009 werde die deutsche Wirtschaft nur sehr schwach wachsen, sagt IfW-Ökonom Scheide. Ende 2009 sei zumindest ein leichter Anstieg möglich.

Die meisten Konjunkturforscher erwarten derzeit nur ein BIP-Zuwachs von einem Prozent im nächsten Jahr. Nach Ansicht des Wirtschaftsweisen Rürup sind die Unternehmen für einen Abschwung aber gerüstet: Sie seien wesentlich wettbewerbsfähiger geworden - etwa "durch die vernünftige Lohnpolitik, die Steuerreformen und die Reformen am Arbeitsmarkt".

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