Wirtschaft warnt: Im Mai könnte Strom knapp werden

Berlin - Energie ohne Atomkraftwerke, eine Gefahr für das Wachstum? Ökonomen warnen vor Stromausfällen, die die deutsche Wirtschaft treffen könnten. Doch andere sehen Chancen.

Die Industrie warnt vor einem überstürzten Ausstieg aus der Kernenergie. Eine vorschnelle Energiewende könne den Wohlstand in Deutschland gefährden, sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel, dem Magazin “Stern“. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) mahnte, wegen der Abschaltung weiterer Atomkraftwerke könne es zu Stromausfällen kommen - was auch die Wirtschaft treffen würde. Die Ökoenergiebranche steht bereit, für die Atomkraftwerke in Deutschland einzuspringen: Mit Milliardeninvestitionen rüsten sich die Firmen für das atomfreie Energiezeitalter. “Wir müssen unglaublich aufpassen, dass in der Diskussion um die Atomenergie unser wirtschaftlicher Erfolg nicht unter die Räder kommt, sagte Keitel.

Die DIW-Ökonomin Claudia Kemfert sagte “Handelsblatt Online“, die ausreichende Versorgung der Volkswirtschaft mit Strom sei elementar. Ausfälle würden nicht nur die deutsche Wirtschaft, sondern auch das europäische Ausland in Mitleidenschaft ziehen. Sollten im Mai zusätzlich zu den derzeit abgeschalteten Kernkraftwerken weitere fünf Meiler wegen Revisionen vom Netz gehen, müssten vor allem Kohlekraftwerke, teils auch Gaskraftwerke aktiviert werden. Deutschland werde dann mehr Strom importieren müssen. Anders werde es kaum möglich sein, den Strombedarf zu decken, sagte Kemfert. “Dies kann in der Tat zu Blackouts führen, was wiederum erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen hat.“

Siemens-Chef Peter Löscher forderte einen raschen Ausbau der Stromnetze in Deutschland. “Es darf nicht sein, dass jeder Mast umkämpft ist“, sagte er dem “Handelsblatt“ (Mittwoch). Nach Angaben von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) fehlen schon heute 3500 Kilometer Stromnetze in Deutschland. Im Eckpunktepapier Brüderles zum Netzausbau hieß es, die Herausforderungen seien vergleichbar mit dem Ausbaubedarf der Infrastruktur nach der Wiedervereinigung. Für die Ökoenergiebranche hat die mögliche Zäsur in der Atompolitik enorme Bedeutung: Die Firmen wollen einer Befragung zufolge allein in diesem Jahr rund 5,5 Milliarden Euro investieren, um für eine Zeit ohne Atomenergie gerüstet zu sein. “Wir können die Kernkraft bis spätestens 2020 ersetzen“, sagte der Geschäftsführer des Bundesverbands Erneuerbarer Energien (BEE), Björn Klusmann. Bis 2014 könnten sich die Investitionen voraussichtlich auf 6,2 Milliarden Euro pro Jahr erhöhen.

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Derzeit arbeiten schon knapp 370 000 Menschen in der Ökoenergiebranche, der Anteil von Strom aus Wasser- und Windkraft, Solarenergie und Biomasse liegt bei knapp 17 Prozent. Die Branche strebt bis 2020 einen Ökostrom-Anteil von 47 Prozent an. Chancen durch eine Energiewende rechnet sich auch der Bau- und Dienstleistungskonzern Bilfinger Berger aus. Auf dem Weg in die regenerative Energieerzeugung böten sich für Kraftwerksdienstleistungen vermutlich mehr Chancen als Risiken, sagte der scheidende Vorstandschef Herbert Bodner. Deutschland als wichtigster Industriestandort Europas sei auf verlässliche und bezahlbare Energie angewiesen. BDI-Präsident Keitel sagte im “Stern“, nach der Atomkatastrophe in Japan sei die technische Welt eine andere geworden. Er plädierte für eine “substanzielle Wende“. Aber die “gelingt nicht von heute auf morgen“.

dpa

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