Der Wirtschafts-Star ist gestürzt

Heinrich von Pierer: - München - Der Mann aus Österreich konnte es kaum fassen. Er war wegen der Übernahme einer österreichischen Firma durch Siemens zur Hauptversammlung des Münchner Konzerns angereist. Nun stand er am Rednerpult vor 11 000 Siemens-Aktionären in der Münchner Olympiahalle und fragte ins Mikrofon: "Ist das hier ein Volksfest? Oder vielleicht ein Pierer-Abschiedsfest?"

In Gängen und hinter Stuhlreihen drängten sich die Aktionäre, klatschten und jubelten, als sich Heinrich von Pierer von ihnen verabschiedete. Als Vorstandsvorsitzender und als gefeierter Wirtschafts-Star. Das war vor gut zwei Jahren.

Am kommenden Mittwoch wird der 66-jährige Erlanger die Sitzung des Siemens-Aufsichtsrats eröffnen und gegenüber seinen 19 Kollegen in dem Gremium formell seinen Rücktritt als Chefkontrolleur des Konzerns erklären. Die Jubellaune ist vorüber. Im Aufsichtsrat hatte man ihn, der seit 1969 für das Unternehmen gearbeitet hat, dazu gedrängt, Siemens zu verlassen. "Da ist der Absturz von einem der angesehensten Manager zu einem, der aus dem Amt getrieben wurde, schon groß", sagte Klaus Schneider von der Schutzgemeinschaft für Kapitalanleger. Und die Börse trat gnadenlos nach: Infolge der Rücktritts-Ankündigung schoss die Siemens-Aktie am Freitag zeitweise fast fünf Prozent nach oben.

"Ich habe immer die Überzeugung vertreten, dass die Pflicht gegenüber dem Unternehmen und seinen weit mehr als 400 000 Mitarbeitern in aller Welt Vorrang vor eigenen Interessen haben muss." Diesen Satz stellten die Öffentlichkeitsarbeiter bei Siemens an den Beginn der Pressemeldung, die sie in der Nacht zum Freitag um die Welt schickten. In ihr erklärt Heinrich von Pierer, warum er den seit Monaten immer lauter werdenden Rücktrittsforderungen jetzt nachgibt und das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden von Siemens seinem bisherigen Stellvertreter Gerhard Cromme überlässt.

Eine Vielzahl von Bestechungsskandalen hatte ehemalige und aktive Spitzenkräfte von Siemens belastet - unter anderen den langjährigen Pierer-Vertrauten Heinz-Joachim Neubürger und zuletzt Zentralvorstand Johannes Feldmayer. Stets betonte von Pierer, nichts von den diversen Korruptionsfällen gewusst zu haben, obwohl diese überwiegend aus seiner Amtszeit als Vorstandschef stammen (siehe Beitrag unten). Und auch jetzt beteuert er: "Eine persönliche Verantwortlichkeit mit Blick auf die laufenden Ermittlungen war nicht Grundlage meiner Entscheidung. Alleiniger Anlass und Beweggrund für meine heutige Entscheidung ist das Interesse von Siemens."

Dem hatte sich von Pierer 38 Jahre lang untergeordnet und dabei vielfach Sympathien gewonnen. In seiner Amtszeit als Vorstandschef verdienten die Aktionäre prächtig - 300 Prozent Gewinn konnten sie in den gut zwölf Jahren von 1992 bis 2005 mitnehmen. Sie billigten ihm sogar den sonst verpönten Wechsel in den Aufsichtsrat zu, nachdem seine Amtszeit als Vorstandsvorsitzender endete. Die Belegschaft schätzte ihn dafür, dass er ihre Belange "mit Verständnis und Respekt" behandelt habe. Der Erfurter Betriebsrat machte ihn zum Ehrenmitglied. Und die Politik hörte auf den Rat des CSU-Mannes, dem 1976 eine Stimme bei der Kandidatur für ein Bundestagsmandat fehlte. Von Pierer beriet den damaligen SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder ("Wir sind im Doppel beim Tennis ungeschlagen") ebenso wie jetzt CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel. Von Pierer war der erste deutsche Konzernchef, der vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sprechen durfte. "Eher nimmt der Pierer den Stoiber mit nach China als umgekehrt", sagte einmal ein Wirtschaftsmann, der beide gut kennt. Nun nähern sich beide dem Ende ihrer beruflichen Laufbahn.

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