Wirtschafts-Experten optimistisch: "Große Koalition bringt uns voran"

- Berlin/München - Volkswirte und Verbandsfunktionäre haben überwiegend positiv auf die Entscheidung der Kanzlerfrage reagiert. Sie hoffen auf weitere Reformen statt eines Rückzugs auf den kleinsten gemeinsamen Nenner von Schwarz und Rot.

Die Dresdner Bank erwartet im nächsten Jahr eine deutliche Belebung der Konjunktur. Getragen vom Export und einem erstarkenden Konsum werde das Bruttoinlandsprodukt 2006 um 1,7 Prozent zulegen - nach 1,0 Prozent in diesem Jahr, teilte die Bank mit. "Für Deutschland ist wieder Zuversicht erlaubt", sagte der Chefvolkswirt der Dresdner Bank/Allianz-Gruppe, Michael Heise. "Wir sehen eine Aufhellung am konjunkturellen Horizont."

Die Reformen am Arbeitsmarkt und im Unternehmenssektor würden erste Früchte tragen. Die große Koalition könne diese Entwicklung mit Reformen beschleunigen. "Unter dieser Konstellation wird sich 2006 und 2007 einiges bewegen", sagte Heise.

Der Chefvolkswirt der Bayerischen Landesbank, Jürgen Pfister, sprach von einem "guten Schritt nach vorne". Auf mehreren Feldern bestehe die Chance, dass die Reformen fortgesetzt würden. Dies seien etwa Unternehmensbesteuerung, Subventionsabbau, Föderalismus-Reform und Maßnahmen für den Niedriglohn-Sektor. "Da kommt etwas Ordentliches zusammen", sagte Pfister.

BHF-Chefvolkswirt Uwe Angenendt erwartet keinen großen Wachstumsimpuls für Deutschland. "Man darf den Einfluss der Politik auf die Konjunktur nicht überschätzen." Wichtiger sei ein passendes  außenwirtschaftliches Umfeld - etwa günstige Ölpreise.

Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Ludolf von Wartenberg, sieht in einer großen Koalition Chancen für Deutschland. "Wir sehen das Ganze nicht mit jubelnden Tönen, aber durchaus mit einer gewissen Zuversicht", sagte von Wartenberg im "Deutschlandradio". "Das, was bisher herausgekommen ist, auch das Team, das sich im Kabinett wiederfindet, verspricht doch ein starkes Team zu werden", fügte er hinzu.

"Es ist ein gutes Signal, dass die Weichen für eine große Koalition gestellt wurden", sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Martin Wansleben, dem "Tagesspiegel". Die Koalitionsvereinbarung dürfe aber auf keinen Fall ein Papier des kleinsten gemeinsamen Nenners werden, denn der Reformbedarf in Deutschland werde nicht kleiner.

Der Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA), Anton Börner, sagte, die große Koalition müsse ihrer Verantwortung gerecht werden und unpopuläre, aber notwendige und wirksame Maßnahmen mit ihrer breiten Mehrheit durchsetzen. "Der Wirtschaft sind Personalfragen egal, uns geht es um Inhalte", so Börner.

Der Präsident des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom), Willi Berchtold, sagte, die Stärkung der Innovationsfähigkeit Deutschlands müsse zentraler Bestandteil des Regierungsprogramms werden. Dem neuen Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie müssten dafür die finanziellen und personellen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.

Amerikanische Investoren sehen eine Chance, dass der begonnene Reformkurs in Deutschland fortgesetzt wird. "Es gibt gute, fähige Leute in allen Parteien in Deutschland. Im Vier-Augen-Gespräch sind alle sehr vernünftig", sagte der Präsident der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland, Fred Irwin.

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